Atombomben als Bunkerknacker
29.03.2004
Wolfram Schütte, 28.01.2003
Nachdem ich am vergangenen Sonntag in einer Rundfunknachrichtensendung gehört hatte, die USA drohten dem Irak auch mit dem Einsatz von Atombomben, falls "Sad Damn" sich seinerseits dazu und/oder chemischen Waffen hinreißen lasse, war ich erstaunt, darüber in den TV-Nachrichten nichts zu vernehmen. Die SZ brachte am Montag, 27.1. 03, auf der Seite 10 (wo sie die Meldungen zum Irak sammelt) eine einspaltige Meldung. Unter dem Titel "Schockierende Marschlugkörper" wird darin berichtet, "zum Auftakt eines Irak-Kriegs" sehe ein Plan des US-Verteidigungsministeriums den Abschuss von 300 bis 400 Marschflugkörpern an einem Tag vor, was mehr sei als während des gesamten Golfkriegs von 1991 an Marschflugkörpern abgefeuert wurde und einem im Pentagon so genannten Kampfplan entsprechend, den Feind "shock and awe", also sowohl "schockieren" als auch "Ehrfurcht" einflößen soll. Darauf bezieht sich der ironische Titel der Meldung. In einem zweiten Absatz - gemäß journalistischen Prinzipien dem weniger wichtigen Teil der Meldung - heißt es jedoch dann, daß´die USA "auch den begrenzten Einsatz von Atomwaffen (erwägen)". Und zwar soll "ein atomarer Präventivschlag den Einsatz von irakischen Massenvernichtungswaffen verhindern", habe der Militärexperte Arkin gesagt. Außerdem sollen die Atomwaffen - gemäß einer Anordnung Rumsfelds vom Dezember 2001 - gegen unterirdische Kommandostellungen eingesetzt werden, "wenn man ihnen mit anderen Waffensystem nicht beikommen" könne.
Erstaunlicherweise wird im "Aktuellen Lexikon" der SZ, an prominenter Stelle auf der Seite 2 der gleichen Montagsausgabe, unter dem Stichwort "Bunkerknacker" (wie Nussknacker) auf das in der Meldung der Seite 10 erst an zweiter Stelle erwähnte Thema mit militärstrategischer Coolness eingegangen. Atombomben brauche man, weil angeblich sowohl die irakischen Depos mit Vernichtungswaffen als auch Saddams Führungselite unter der Erde verbunkert seien. Dafür habe man zwar leider nichts Kleineres als die B 61-11 zu Verfügung - mit der Sprengkraft von 20 Hiroshimabomben (!) -, aber die seit 1997 einsatzfähige Bombe bohre sich bis zu sechs Meter in die Erde, bis sie explodiere. Sie könne damit Ziele bis zu 100 m in der Tiefe und durch ihre extreme Hitzeentwicklung Vernichtungswaffen noch an Ort und Stelle "unschädlich machen, bevor sie aus dem Bunker austreten, aber die Menschen im weiten Umkreis würden durch die Bombe selbst sterben". Wahrscheinlicher aber, beruhigt der SZ-Lexikon-Schreiber eventuelle Leser, würden die USA aber auf ihre "konventionell bestückten Bunkerknacker zurückgreifen".
Warum ich diese beiden ebenso getrennten wie miteinander verknüpften Meldungen der SZ hier so ausführlich zitiere?
Um sie aus dem Verhau der Irak-Nachrichten ans Licht zu ziehen, damit wir alle wissen, daß wir alles haben wissen können, wenn es so weit ist.
Um vor Augen zu führen, dass der US-Atombomben-Einsatz zuerst als äußerste Drohung, "Antwort" und als "Vergeltung" argumentativ ins Spiel gebracht wurde, nun aber bereits als Präventivschlag auf der militärischen Agenda steht. Und zwar mit dem Argument einer selffullfilling prophecy, nämlich spurlos alle jene mutmaßlichen oder angeblichen Vernichtungswaffen vernichten zu können, deren gewesener Existenznachweis und die moralische Begründung des äußersten militärischen Vernichtungs-Aktes damit zugleich aus der Welt geschafft wären. Übrig bliebe nur der Kollateralschaden an menschlichen Leben "im weiten Umkreis".
Schließlich habe ich die SZ so ausführlich zitiert, um zu zeigen, für wie nebensächlich, d. h. für wie selbstverständlich der Einsatz von Atomwaffen im angekündigten Irak-Krieg mittlerweile in der deutschen Presse gehalten wird. Schon als Rumsfelds neue atomare Kriegsdoktrin im vergangenen Jahr bekannt wurde, erregte sich über die damit für seriös erklärte Atomkriegsführung der USA - nur ein Kollege im Feuilleton der FAZ .
Gewiss wissen Fischer & Schröder mehr als wir, und erst recht mehr, als wir bislang zu wissen wünschen. Eben deshalb, aus verschwiegenem Wissen, suchen sie ebenso vergeblich wie verzweifelt, einen längst auf dem Reißbrett des Pentagons durchgespielten Atomkrieg im Nahen Osten zu verhindern.
Wolfram Schütte
|
Von der Verrohung des Bürgertums
Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...
Wenn man mit der Mafia seinen Doktor macht
Zwei Neuerscheinungen aus Deutschland und den USA nehmen einen trivialen Gegenstand ernst: die erfolgreiche Fernsehserie The Sopranos, die im Mafia-Milieu spielt. THOMAS ROTHSCHILD hat ...
Propagandaschlachten
Nahost-Interessierte kennen die Situation: geht es um Araber und den deutschen Nationalsozialismus, ist die Diskussion zuende, sobald ein Name fällt. Der 1974 verstorbene Großmufti von ...
Vergangen, aber nicht vorbei
Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...
Gesamtnote: zehn. Bestanden!
Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...
Der neue Schulmädchenreport
»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...
Der Kaiser der Revolution
Die Geschichte des Films ist, technisch betrachtet, die Geschichte einer permanenten Annäherung an die Wirklichkeitsillusion. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts aus einer Kombination dreier ...
|