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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:59

Alarmierend

29.03.2004

Thomas Rothschild, 14.07.2002

 

Aus Pforzheim erreicht uns eine alarmierende Nachricht. Dem Intendanten und dem Schauspieldirektor des Stadttheaters Pforzheim wurde gekündigt. Das ist eine Sauerei und eine Schande für die Stadt. Alarmierend ist etwas anderes. Nämlich dass der noch amtierende Intendant Georg Köhl das angekündigte Stück Vor dem Ruhestand von Thomas Bernhard vom Spielplan genommen und Edward Bonds Gerettet durch Mein Freund Harvey ersetzt hat. Bei so viel Kompromissbereitschaft, die ihm dann schließlich auch nichts genützt hat, hält sich das Mitleid in Grenzen.

Was da passiert, ist auch deshalb so alarmierend, weil es einen Zustand in die Schlagzeilen bringt, der ansonsten kaum bemerkt das Land überwuchert. Sprechen wir es mit aller Deutlichkeit aus: Ein subventioniertes Theater, das sich und seinem Publikum Thomas Bernhard und Edward Bond nicht mehr zumuten kann, hat seine Existenzberechtigung verspielt. Landauf landab biedern sich die Spielpläne dem Geschmack eines Teils des Publikums und offenbar der Mehrheit der verantwortlichen Politiker an. Musicals, früher auf Sprechbühnen allenfalls ein freches Exotikum, nehmen überhand, Erfolgsfilme werden fürs Theater adaptiert und, in der Regel schlechter, nachgespielt, die leichte Unterhaltung verdrängt die anspruchsvolle Komödie ebenso wie das anstrengendere Problemstück, selbst ein "Klassiker" wird den Zuschauern nur noch in einer Bearbeitung und mit ein paar Gesangseinlagen zugemutet.

Ist es arrogant, Bernhard und Bond gegen Musical und Boulevard auszuspielen? Nein. Arrogant ist es, "die Massen" mit theatralischem Fast Food abspeisen zu wollen und ihnen vorzuenthalten, woraus das verschwindende Bildungsbürgertum, als es sich noch nicht allein über sein Vermögen definierte, sein Selbstbewusstsein bezog.

Ohne Not haben sich die deutschen Theater, die allen Grund hätten, auf ihre Tradition stolz zu sein, dem Broadway und dem Londoner Westend angenähert. Wie die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zuvor, nehmen sie in vorauseilendem Gehorsam die Zwänge eines auf Wettbewerb ausgerichteten kommerziellen Betriebs vorweg, statt die Aufgabe zu erfüllen, für die sie zu Recht aus Steuergeldern subventioniert werden: die zeitgenössische Dramatik an das Publikum zu bringen und überlieferte Stücke am Leben zu erhalten und stets aufs Neue zum Leben zu erwecken. Wer, wenn nicht die Theater, sollte das tun? Fürs Entertainment existieren genug andere Institutionen, und die finden auch, wenn es sich denn als nötig erweist, ihre Sponsoren. Und wenn ein überaltertes Publikum seine Abonnements kündigt, weil ihm Bernhard oder Bond nicht passt, dann müssen sich die gewählten Volksvertreter über dieses Publikum, über die Bildungseinrichtungen und die politische Kultur im Lande Gedanken machen, nicht über den Theaterleiter. Im übrigen gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass sich Theater ihr Publikum im doppelten Wortsinn heranzogen, wenn man sie nur ließ und ihnen keine faulen Kompromisse abpresste oder sie gar erdrosselte.

Angesichts der modischen Angepasstheit vieler Spielpläne fragt man sich gelegentlich, ob es wirklich nur die Abstimmung an den Kassen ist, was diese diktiert, oder ob nicht vielleicht mittlerweile den Dramaturgien die aktuellen Fernsehserien vertrauter sind als die Angebote der Bühnenverlage und die Theaterliteratur der vergangenen zweieinhalb Jahrtausende. Dies immerhin hat der Pforzheimer Intendant verstanden: dass es kaum Bühnentexte gibt, die brisanter auf unsere aktuelle Situation antworten, als Bernhards Vor dem Ruhestand oder Bonds Gerettet. Gerade deshalb ist es so alarmierend, dass er zugunsten seines Freundes Harvey nachgegeben hat. In der Militärsprache nennt man das "Feigheit vor dem Feind". Nur ist die im Kulturleben zwar weniger riskant, dafür aber eindeutig verächtlicher als im Kugelhagel der Front.

Ich gebe zu: ich übertreibe ein wenig. Noch gibt es Alternativen zu der hier beschriebenen, allerdings deutlich erkennbaren Tendenz. Aber wir sind im Begriff, eine Theaterlandschaft zu verlieren, die unser mitteleuropäisches Kulturverständnis entscheidend mitgeprägt hat. Unversehens kann sie verschwunden sein wie manche Tier- oder Pflanzenarten, wenn wir die Alarmzeichen nicht ernst nehmen. Und dann wird man sich kaum mehr erinnern, dass es einmal etwas anderes gegeben hat als den herrschenden Zustand. Mit großem Aufwand und viel Geld richtet man in einigen Städten wieder Straßenbahnlinien ein, deren Schienen man einst voreilig entfernt hatte. Die Wiederbelebung eines einmal zerstörten Theatersystems wäre, mental wie materiell, sehr viel teurer.

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