Paradigmenwechsel. Die Justierung des Dokumentarfilms für das 21. Jahrhundert
29.03.2004
Thomas Rothschild, 08.12.2003
Paradigmenwechsel
Die Justierung des Dokumentarfilms für das 21. Jahrhundert
Bei einem Workshop des SWR wurde der Dokumentarfilm "Feldtagebuch. Allein unter Männern" von Aelrun Goette gezeigt. Von den Veranstaltern aufgefordert, die Diskussion mit einer kritischen Stellungnahme einzuleiten, trug ich die folgenden Überlegungen vor:
Was einem an diesem Film zunächst auffällt, ist die Schönheit seiner Bilder. Jede Einstellung ist minutiös komponiert, jedes Detail sorgfältig fotografiert, selbst die Farben scheinen sich der Dramaturgie unterzuordnen. Diese behutsame Kameraarbeit, die Schönheit der Ansichten, die noch verstärkt wird durch die süffige Musik von Van und Jim Morrisson und anderen Stars aus den besten Jahren des Rock birgt jedoch eine Problem in sich, das in diesem Kreis schon so oft diskutiert wurde, dass es hier vorerst nur benannt sei: dass sie nämlich die Aussage des Films außer Kraft setzt oder gar dementiert.
Worin aber besteht die Aussage dieses Films? Die Regisseurin hat sich für jene Methode entschieden, die ausschließlich festhält, was vor dem Objektiv zu sehen ist. Die Berichterstatterin ist nicht zu sehen, ihre Fragen sind nicht zu hören, es gibt keinen Kommentar. Sie vertraut auf die Überzeugungskraft der Bilder. Nun ist das Thema, das sie sich vorgenommen hat, kein harmloses. Es fordert zu Stellungnahmen heraus, berührt und provoziert Meinungen. Was die Beurteilung eines Films zu diesem Thema erschwert, ist die Tatsache, dass es bereits einen Dokumentarfilm gibt, der dieses Thema auf grandiose Weise, aber auch mit leidenschaftlichem Engagement behandelt hat, nämlich "Soldier Girls" von Nick Broomfield und Joan Churchill aus dem Jahr 1983. Der vorliegende Film gibt sich im Vergleich dazu zurückhaltend oder vorsichtig oder unentschlossen oder auch einfach öffentlich-rechtlich.
Ich habe als Mensch und politischer Bürger, der ich auch als Filmkritiker bleibe, ein eher negatives Verhältnis zu dem Milieu, das in diesem Film gezeigt wird, und ich vermute, dass auch der Großteil der hier Anwesenden für die darin vorgeführten Verhaltensweisen und Umgangsformen wenig Sympathien empfindet. Aber diese Distanz, diese eher kritische Grundeinstellung ist, so behaupte ich, in uns angelegt, entspricht unserer Prädisposition, sie wird nicht durch den Film suggeriert oder gar produziert. Das kann man, je nach Standpunkt, auch als Qualität bewerten. Wer aber die im Film gezeigten Zustände als Übel empfindet und sich wünscht, dass sie geändert werden, muss sich im Klaren sein, dass es dieser Film, so wie er gemacht ist, durchaus zulässt, dass man sich mit dem Hauptfeldwebel, der sich zunehmend in den Vordergrund drängt, identifiziert. Seine Argumente sind ja nicht dumm. Er geht nur von einem Wertesystem aus, das zwar vermutlich nicht das unsere, aber durchaus das vieler Menschen in diesem Lande ist. Mir ist sein kaum von Selbstzweifeln gestreifter Ton zuwider, seine aggressive, aber wohl milieukonforme Art, Anweisungen zu geben, seine eitle Kopfbewegung, seine selbstgefällige Körpersprache. Aber wenn ich mich auf der Straße oder im Wirtshaus umsehe, entdecke ich seine Ebenbilder in großer Zahl, und die entdecken sich ihrerseits in ihm, wenn sie den Film sehen. Und sie haben ebenso wenig Grund, an sich, an ihrer Haltung und an ihren Ansichten zu zweifeln wie der Hauptfeldwebel im Film. Will sagen: Dieser Film verzichtet darauf, den Zuschauer zu verändern, gar zu erziehen. Er gibt sich neutral. Der Zuschauer fällt immer wieder auf sich selbst zurück.
Mir ist klar, dass das nicht unbedingt ein Nachteil sein muss. Wenn ich persönlich es mir anders wünsche, so liegt das an meinen Vorstellungen von Dokumentarfilm und vom Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, aber die sind nicht objektivierbar und wahrscheinlich nicht einmal mehrheitsfähig. Auch darüber sollten wir diskutieren.
Der Film heißt mit dem Haupttitel "Feldtagebuch" und im Untertitel "Allein unter Männern". Wessen Tagebuch ist er? Das Tagebuch der Berichterstatterin? Ein Tagebuch, in dem kein Ich vorkommt? Oder das Tagebuch einer der Frauen? Welcher dann? Oder sind es mehrere Tagebücher? Dann müsste der Film "Feldtagebücher" heißen. Die Form ist ja polyperspektivisch. Die Sequenzen und die darin enthaltenen Statements sind kurz, unruhig, flott und in der ersten Hälfte eher launig. Das entspricht der aktuellen Fernsehnorm. Ich persönlich würde mir mehr Geduld beim Zuhören wünschen, eine stärkere Konzentration auf eine der Frauen. So gewinnt trotz der üppigen 90 Minuten keine der Frauen ein wirklich einprägsames Profil, es wird aber auch nicht durch die Vervielfachung das Typische bestätigt.
Und damit sind wir beim Untertitel. Wird er durch den Film eingelöst? Punktuell erfahren wir etwas über wenig überraschende Vorurteile gegenüber Frauen in der Armee, über deren Selbsteinschätzung, aber insgesamt bleibt - jedenfalls für mich - doch eher das Verhältnis von Vorgesetzten und Untergebenen, und zwar unabhängig vom Geschlecht, haften. Das liegt wohl in erster Linie daran, dass der Film dem Hauptfeldwebel rhetorisch und vor allem auch visuell so viel Platz einräumt. Wenn seine Kollegen am Tisch sich einmal zur Problematik des Films äußern, wirkt das fast wie ein Exkurs, ein Alibi. Gerne wüsste man, ob sich die Probleme der Frauen nicht von selbst lösten, wenn sie bloß an einen anderen Hauptfeldwebel geraten wären. Kein krankes Knie, und der halbe Film geht flöten.
Das Interesse des Films ist ein psychologisches. Das ist legitim, passt allerdings auch gut in die gegenwärtige Landschaft des Fernsehens. Die politische Dimension, die das Thema doch nahe legt, kommt für meinen Geschmack zu kurz. Es ist bemerkenswert, dass die gemeinhin vorgetragene Begründung für die Notwendigkeit einer Armee, nämlich die Verteidigung des Vaterlands, nur am Rande und da ganz offensichtlich als Phrase geäußert wird. Davon aber hängt vieles ab. Wenn man diese ja nicht ganz absurde Begründung ernst nimmt, dann kann man auch Argumente für eine harte Ausbildung, die auf den Ernstfall vorbereitet, zumindest intellektuell nachvollziehen. Wenn der Hauptfeldwebel nebenbei sagt, er hätte in der Wehrmacht ebenso funktioniert wie in der Bundeswehr, dann ist das zwar verräterisch, aber es verdiente eine Nachfrage. Was steckt da für ein politisches Bewusstsein dahinter? Was genau will dieser Mann im Ernstfall verteidigen? Und wie typisch ist er für die heutige Bundeswehr? Schon wahr, zum Thema "Allein unter Männern" trägt das nichts bei, aber an dieser Stelle hat sich der Hauptfeldwebel für den Zuschauer bereits so sehr in den Vordergrund gedrängt, dass wir auch das wissen wollen.
Die von den Frauen formulierte Kritik beschränkt sich im Wesentlichen darauf, dass es kalt und ungemütlich ist. Das bestätigt eher die Vorurteile gegen Frauen, als dass es sie widerlegte. Dass Frauen, wenn sie sich freiwillig zum Militärdienst melden, keine Sonderbehandlung erwarten dürfen, ist ja nicht ganz von der Hand zu weisen. Warum melden sie sich auch? Die Arbeitslosigkeit erscheint dafür nicht als hinreichende Begründung. Nicht alle Frauen, die arbeitslos sind, gehen zum Heer. Da muss es auch noch andere Vorbedingungen geben.
Was aber haben diese Frauen zu den Strukturen zu sagen, in denen sie da leben. Durchschauen sie sie nicht? Wenn es so ist: bestärkt das nicht ein weiteres Vorurteil gegen Frauen? Ließ sich wirklich keine Gesprächspartnerin finden, die mehr zu sagen hat, als dass sie friert? Muss da die Freundin einer Mutter einspringen, um die doch recht platte Formulierung anzubringen, dass die Frauen in der Bundeswehr dazu ausgebildet würden, Menschen zu töten?
Zu den charakteristischen Ausdrücken des Hauptfeldwebels gehört die Formulierung: "Es kann nicht sein, dass…" Es ist aber. Der Hauptfeldwebel verwechselt die Modalverben "können", "sollen" und "dürfen". Bemerkenswert aber ist, dass diese Redeweise von seinen Untergebenen, selbst den kritischen, imitiert wird. Daraus ließe sich die verkürzte Kennzeichnung ableiten: Der Hauptfeldwebel bestimmt die Spielregeln dieses Films - auch für die Regisseurin.
Diese Einleitung ist vielleicht etwas herber ausgefallen, als es meiner Rezeption des Films entsprach. Ich habe ihn mit Interesse angesehen, vielleicht hätten mir 60 oder 75 Minuten genügt. Aber diese Aussage hätte Sie kaum zu einer kontroversen Diskussion provoziert, die ich mir nach meinen zugespitzten Formulierungen erhoffe. Dieses Kurzreferat provozierte weniger eine kontroverse Diskussion, als eine reflexhafte Solidarisierung der anwesenden Filmemacher mit der Regisseurin (abends, beim Essen und privat, hieß es dann, ich hätte ja Recht gehabt, aber sie sei noch so jung und zudem eine Frau…) und die verärgerte, aber wiederum nur in den Couloirs artikulierte Erregung der Funktionäre aus dem Hause. Dabei stellte sich heraus, dass ich der Regisseurin tatsächlich Unrecht getan hatte. Sie hatte nicht die mögliche Reaktion von Zuschauern falsch eingeschätzt. Vielmehr fand sie, wie sie in der Diskussion mehr und mehr eingestand, den Hauptfeldwebel gar nicht so unsympathisch und die jungen Frauen in der Bundeswehr eigentlich ziemlich dämlich. Sie sei gegen Schwarz-Weiß-Zeichnung, sagte sie in der Diskussion, für sie seien Gut und Böse nicht so eindeutig zu trennen. Und noch eins sagte Aelrun Goette: Sie wolle in der Tat nicht erziehen und lehne das Bild vom Zuschauer ab, das hinter der Konzeption eines erzieherischen Fernsehens stecke. Das klingt demokratisch, aber wird die Idealisierung des mündigen Fernsehkonsumenten durch den politischen Alltag tatsächlich eingelöst? Darüber ließe sich immerhin streiten.
Die programmatische Grundierung für die forsche Haltung der Regisseurin liefert in einer Broschüre des SWR die für den langen Dokumentarfilm zuständige Redakteurin Gudrun Hanke-El Ghomri: "Der Dokumentarfilm hat sich verändert. Der in der Vergangenheit häufige pädagogische Impetus vieler Filme ist längst endgültig der teilnehmenden Beobachtung gewichen." Ist das eine Beobachtung oder eine Vorschrift, eine Beschreibung oder eine Norm? Verwegen erscheint in jedem Fall das Adverb "endgültig". Im Widerspruch zu allen Erfahrungen tut Frau Hanke-El Ghomri so, als sei der aktuelle Zustand nicht bloß ein gegenwartsabhängiger oder gar opportunistischer, sondern für alle Zeiten festgeschrieben, der endlich erreichte Idealzustand sozusagen.
Es lässt sich ja wohl kaum leugnen, dass ein Filmemacher spätestens im Lauf seiner Recherchen gegenüber dem Fernsehzuschauer einen Wissensvorsprung erwirbt. Selbst wenn man also auf den Bildungsauftrag verzichtet, der den öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland aus guten Gründen einst als verbindlich galt, ist es Etikettenschwindel, wenn man so tut, als gäbe es eine neutrale Haltung, eine von Wertungen und Vor-Urteilen freie "teilnehmende Beobachtung". Wenn Frau Goette und Frau Hanke-El Ghomri in Übereinstimmung mit der in den Medien herrschenden Meinung das Pädagogische diffamieren und die Subjektivität des Filmemachers zu camouflieren versuchen, dann entspricht das einerseits einer gesellschaftlichen Realität, in der die Parteinahme für die Schwächeren, für die Erniedrigten und Beleidigten keinen Konsens mehr findet, und andererseits dem Quotendenken der Fernsehanstalten. Denn wo alle gleichermaßen gut und böse sind, wo ein Schinder nicht weniger sympathisch erscheinen soll als die von ihm gedemütigten Frauen, kann sich die größtmögliche Zahl von Zuschauern mit den Figuren des Films identifizieren - die einen mit jenem, die anderen mit diesen. Kein Wunder, dass Aelrun Goette für ihren Film nach dessen Ausstrahlung, womit die Produzentin prahlte, besonders viele zustimmende Zuschriften erhielt.
Wir leben in einer veränderten Welt des mit ihr veränderten Dokumentarfilms. Die großen Dokumentaristen von Grierson bis Ivens, von Ophuls bis Moore waren motiviert von einer radikalen Kritik an den bestehenden Verhältnissen, die sie verändern wollten. Sie wussten: wer sich neutral verhält, dient den Starken und Mächtigen, dem Status quo. Die jungen deutschen Filmemacher befinden sich, indem sie sich bescheiden, in Übereinstimmung mit dieser Welt. Die Zeit der Aufklärer ist vorbei. Das Feld gehört den Apologeten des Systems, den teilnehmenden und teilhabenden Beobachtern. Endgültig?
Thomas Rothschild
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