Was für ein schöner Sonntag! Eine Buchmessen-Nachlese
29.03.2004
Wolfram Schütte, 14.10.2003
Wie es derzeit um das Verhältnis von Literatur & Politik und von Buchhandel & Lesekultur bei uns steht, signalisierte zum einen die diesjährige Vergabe des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Susan Sontag und zum anderen Elke Heidenreichs Produktpromotion "Lesen!"
Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag, die ihr Laudator Ivan Nagel in der Paulskirche als eine mutige, keine Widersprüche scheuende politische Essayistin vorstellte, war als Kritikerin ihres Heimatlandes nicht erst seit dem 11. September 2001 weltweit bekannt. Und dass sie dem von US-Verteidigungsminister Rumsfeld so genannten "Alten Europa" mindestens soviel verdankt wie der eigenen amerikanischen Kultur, davon konnte sich jeder überzeugen, der ihre großen Essays aus den vergangenen 30 Jahren gelesen hat. Wenn es stimmt, dass der nicht gerade als linksradikal verdächtige Börsenverein ihr den diesjährigen Friedenspreis zuerkannte, weil er in ihr einen intellektuellen Go-between zwischen der Alten und der Neuen Welt sah, der geeignet wäre, die politischen Differenzen zwischen den USA und Europa sowohl analytisch zu bestimmen wie auch auf geistiger Höhe zu reflektieren, dann hat ihre Rede dieser Erwartung entsprochen. Sontag hat damit jedoch manchen, der von ihr so etwas wie eine sonntägliche Kapuzinerpredigt erwartete, wohl enttäuscht. Drei Monate habe sie an ihrem Manuskript gearbeitet, hat sie in Frankfurt erzählt. Denn es war eine Gratwanderung, nicht ohne diplomatische Vor-& Rücksichten, verständlicherweise.
Denn ihre kritische Solidarität mit den gleichwohl "imperialistisch" genannten USA besteht auch darin, dass sie ihre schärfste Kritik am eigenen Land in diesem selbst äußert. Deshalb achtete sie auch peinlich darauf, bei aller Sympathie für die Verweigerung "uneingeschränkter" Satrapentreue des "Alten Europa", nicht vom diesem wiederum politisch instrumentalisiert zu werden.
Der usamerikanische Botschafter - den der Börsenverein zur Preisverleihung an seine weltweit bekannten Landsmännin in die Paulskirche eingeladen und der sogleich die Einladung ausgeschlagen hatte - hat sich verhalten wie der Gesandte eines politischen Regimes, den man provokativ aufgefordert hatte, der öffentlichen Ehrung eines verhassten und zuhause verfolgten Dissidenten in der "Freien Welt" beizuwohnen. Das sagt mehr über den derzeitigen Zustand der "Demokratie in Amerika" (Alexis de Tocqueville) aus, als es einer Regierung lieb sein dürfte, falls diese noch unter Diplomatie etwas anderes verstünde als deren Gegenteil, nämlich den arroganten Affront.
Von diesem Affront der Bush-Regierung sowohl der eigenen Staatsbürgerin als auch dem Gastland gegenüber, ließen sich aber auch die höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik affizieren. Sie wagten nicht, in der Paulskirche, dem immer von ihnen vollmundig beschworenen "Symbol der Deutschen Demokratie", persönlich anwesend zu sein. Souverän ist aber nicht, wer sich den Ausnahmezustand im eigenen Land vom amerikanischen Botschafter bestimmen lässt. Die vom Börsenvorsteher des Buchhandels beiläufig erwähnten Glückwünsche von Bundespräsident & -kanzler waren deshalb so peinlich deplaziert - wie deren demonstrative Feigheit vor dem angeblichen amerikanischen Freund als "diplomatische" Abwesenheit sichtbar.
Der Außenminister, der noch am Tag zuvor über die Buchmesse gewandelt war (und den mit der Amerikanerin, die im belagerten Sarajewo Beckett inszeniert hatte, mehr verbinden müsste als mit seinem amerikanischen Kollegen), hatte zeitgleich mit der Buchmessen-Eröffnung als eigenes Product-Placement in Elke Heidenreichs "Lesen!"-Sendung einen einfältigen Gastauftritt. Was ihm zu den beiden Büchern zu sagen einfiel, für die er als Promotor dienerte (mit zerquälten Sorgenfalten zu Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders" und mit breitem Grinsen zu dem Schmöker "Der Schatten des Windes"), war noch dürftiger als die Anmacheprosa altgedienter Waschzettelschreiber, deren Begleittexte zu beiden Büchern im Vergleich mit den außenministeriellen Verlautbarungen von Walter-Benjaminscher Subtilität zu zeugen scheinen.
Aber solche Prostitution von, mit & für Literatur fällt weder als obszöne Selbstdarstellung eines eitlen Ignoranten auf, noch ist sie unerwünscht in dieser Buchsendung, angesichts deren das verblichene "Literarische Quartett" nachträglich noch wie ein akademisches Hauptseminar zur Literaturkritik erscheint. In Elke Heidenreichs Ein-Frau-Show ist das eloquente Verkaufsgespräch einer Buchhändlerin auf das geistige Niveau einer Jahrmarktsschreierin heruntergefahren worden, die "den Mädels" ultimativ "Lesen!" verordnet - und die Zuschauer(Innen) parieren, wie die Bestsellerteller ausweisen.
Wie sehr aber die allgemeine Situation der Buch- & Lesekultur in Deutschland zum Verzweifeln ist und wie dünn das Eis, auf dem sie sich noch hält, beweist "Lesen!" erst so recht. Denn die sogenannten "Qualitätsverlage" sind auf die Gläubigkeit derer angewiesen, die blindlings in die Buchhandlungen pilgern, wenn ihnen die Heilige Elke von Heidenreich ex cathedra verkündet, da und dort habe sie eine marianische Erscheinung gehabt und ihr: "Gehet hin & folgt mir nach!" mit allen Verzückungen einer literarischen Erleuchtung ausstößt. So kann sie, noch entschiedener als der abgedankte ehemalige "Literaturpapst", Bücher zu Verkaufserfolgen machen und Verlage, denen ein Besteller pro Saison das Überleben ermöglicht, vor dem Ruin retten. Das ist für die davon betroffenen Verlage gewiss ein momentanes Glück, ein Wirklichkeit gewordenes "Sterntaler-Märchen". Wenn das aber eine Hoffnung (für die generelle Situation des deutschen Buchhandels und der Leser) ist, hat Heinrich Böll einmal in einem anderen Zusammenhang gestöhnt, "dann möchte ich wissen, was eine Verzweiflung ist".
Wolfram Schütte
|
Von der Verrohung des Bürgertums
Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...
Wenn man mit der Mafia seinen Doktor macht
Zwei Neuerscheinungen aus Deutschland und den USA nehmen einen trivialen Gegenstand ernst: die erfolgreiche Fernsehserie The Sopranos, die im Mafia-Milieu spielt. THOMAS ROTHSCHILD hat ...
Propagandaschlachten
Nahost-Interessierte kennen die Situation: geht es um Araber und den deutschen Nationalsozialismus, ist die Diskussion zuende, sobald ein Name fällt. Der 1974 verstorbene Großmufti von ...
Vergangen, aber nicht vorbei
Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...
Gesamtnote: zehn. Bestanden!
Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...
Der neue Schulmädchenreport
»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...
Der Kaiser der Revolution
Die Geschichte des Films ist, technisch betrachtet, die Geschichte einer permanenten Annäherung an die Wirklichkeitsillusion. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts aus einer Kombination dreier ...
|