Bosch und das Gemüt
29.03.2004
Thomas Rothschild, 08.09.2003
Bei der Festveranstaltung am Ende einer wissenschaftlichen Tagung dankt der Organisator der Bosch-Stiftung für die finanzielle Unterstützung. Niemand dankt mir, der ich die Bosch-Stiftung gleich doppelt mitfinanziere und dadurch in die Lage versetze, großzügige Spenden zu verteilen: einmal mit den überhöhten Preisen, die ich für meine Waschmaschine und meine Geschirrspülmaschine und für jede Reparatur von Bosch bezahle; und dann mit den Steuern, mit denen ich jene Lücken fülle, die Bosch aufreißt, indem die Stiftung ihre finanzielle Unterstützung von Tagungen steuerlich absetzt. Mehr noch: während ich die Tagung auf dem Umweg über meine Waschmaschine und die Steuern finanziere, während die Herren von Bosch bei der Weitergabe meines Geldes auf kein Glas Champagner verzichten müssen, werde ich als Staatsbürger der Möglichkeit beraubt, über die gewählten Abgeordneten demokratisch darüber mitzubestimmen, was mit meinem Geld gefördert wird und was nicht. Die öffentliche Hand hat die Entscheidung darüber an jene delegiert, deren Profite sie nicht antastet und denen sie steuerlich entgegenkommt, wenn sie mein Geld ausgeben.
Eine Dame mittleren Alters, der gegenüber ich derlei Überlegungen äußere, empört sich: Es sei schließlich nichts Schlechtes dran, wenn jeder versuche, soviel wie möglich zu verdienen. Dieses Prinzip, in den USA seit je verbreitet und befolgt, hat sich mittlerweile in europäischen Köpfen in einer Weise festgemacht, die jede Frage nach der Moral des Gelderwerbs, nach Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, nach sozialer Gerechtigkeit obsolet erscheinen lässt. Und dass das so ist, verdanken wir ganz wesentlich einer Sozialdemokratie, deren Wirtschaftsideologie sich nur noch graduell vom Thatcherismus unterscheidet. Dass es uns allen gut gehe, wenn es Bosch gut gehe, ist längst die leitende Ideologie auch derer, deren Vorläufer einst die Interessen der Arbeiterbewegung vertraten.
Kürzlich besuchte mich ein mittelständischer Unternehmer in meinem universitären Arbeitszimmer. Wenn er in solch einer Umgebung arbeiten müsste, so erklärte er mir sachlich, würde ihm das aufs Gemüt schlagen. Dass eine Verbesserung dieser Situation nur möglich ist, wenn man das Geld für öffentliche Einrichtungen dort holt, wo es im Überfluss vorhanden ist - etwa bei Bosch -, fiel ihm nicht ein. Die Ministerien und die Öffentlichkeit nehmen es stillschweigend in Kauf, dass Hochschullehrer (und Lehrer, und Kindergärtnerinnen, und Krankenschwestern...) unter Bedingungen arbeiten, die einem Unternehmer "aufs Gemüt schlagen". Sie nehmen es in Kauf, dass an besagter Universität aus Gründen der Einsparung Arbeitszimmer gar nicht mehr und Toiletten nur noch alle paar Tage gereinigt werden. Sie nehmen es in Kauf, dass Studenten über Jahre hinweg bei ständigem Baulärm Seminare besuchen oder Bibliotheken benützen müssen, weil dem privaten Bauherrn am Nebengrundstück keine Lärmdämmung abverlangt werden kann. Das schlägt nicht nur aufs Gemüt, sondern auch aufs Gehör.
Wer weiß, vielleicht zieht in das neu errichtete Gebäude in zwei Jahren ein Unternehmen ein, das genug Geld hat, nicht nur für freundliche Arbeitsräume und saubere Toiletten, sondern auch für die Unterstützung einer Tagung. Mittlerweile kaufen wir dessen Produkte, damit keiner der Manager oder Aktionäre hungern muss. Dank freilich dürfen wir dafür nicht erwarten. Selbst schuld, wer nicht so geschickt ist beim Geldverdienen.
Thomas Rothschild
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