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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 09:02

Die Hochstaplerin und ihre FördererInnen

29.03.2004

Thomas Rothschild, 10.11.2003

 

Ab und an widme ich mich meiner speziellen Freundin Evelyn Deutsch-Schreiner, zwecks Hinterlegung von Flaschenpost über österreichische Zustände, in denen eine Flachdenkerin mit Hilfe von Intrigen, einem antisemitischen Minister und einer korrupten Sozialdemokratie, die jede Sauerei und jeden Rechtsbruch ihrer Genossen deckt, eine Professur erhält, um in Forschung und Lehre das Mittelmaß zu perpetuieren.

Jeder weiß, dass diese Dame auf der intellektuellen Landkarte Österreichs keine Spuren hinterlassen hat. Auf den Gesichtern ihrer Fachkollegen macht sich völlige Unkenntnis oder gähnende Langeweile breit, wenn man ihren Namen nennt, und wer mit der einst von der Arbeiterkammer delegierten Dramaturgin am Volkstheater oder der späteren Dozentin an der Wiener Universität zu tun hatte, stöhnt bei der Erinnerung daran nur leise auf. Allenfalls ein paar Freundinnen jubilieren im Zusammenhang mit der Grazer Berufung darüber, dass sie einem Mann eins ausgewischt hat. Der Geschlechterkampf läuft für sie nach den Regeln des Catch-as-catch-can ab, Qualifikation spielt da keine Rolle. Aber keiner will sich unverhüllt zur Inkompetenz von Frau Deutsch-Schreiner äußern: Sie könnte ja irgendwann einmal ein Gutachten zu verfassen haben, von dem man abhängig ist. Und weil Mangel an Zivilcourage in Österreich zum Nationalcharakter gehört, was lautstark von jenen dementiert wird, die ihn in besonderem Maße repräsentieren, schweigen auch jene, die mit Frau Deutsch-Schreiner befreundet und der Ansicht sind, dass ich ihr Unrecht zufüge. Angesichts der Feigheit, die meine auf Gartenpartys mit dem Urteil "Sauerei" flotten, in der Öffentlichkeit aber auffallend stummen "Freunde" mit Frau Deutsch-Schreiners "Freunden" verbindet, könnte man fast Sympathien für die Kontrahentin empfinden.

Das verhindern dann allerdings ihr Intrigantentum und ihre Hochstapelei. Selbst ihre Habilitation ist offenbar erschwindelt. Denn die im Druck vorliegende Schrift enthält so offensichtliche Fehler, dass sich daraus die Folgerung ergibt, nicht nur der Verlagslektor, sondern zuvor schon die universitären Gutachter hätten diese Schrift gar nicht gelesen. So mutiert in dieser Arbeit, auf der Frau Deutsch-Schreiners Habilitation beruht, das von allen damals im Parlament vertretenen Parteien herausgegebene Neue Österreich zu einer kommunistischen Zeitung, und Ilja Ehrenburg figuriert dort als "Kunsttheoretiker". Der hat zwar auch über Literatur und bildende Kunst geschrieben, aber er war und blieb ein Schriftsteller, ein Kunsttheoretiker war er keineswegs. Dass es "rot-weiß-rote FÖJ-Halstücher" niemals gegeben hat, müssen Deutsch-Schreiner, die auf dem Binnen-I ebenso besteht wie auf der ritualisierten Erwähnung des Nachkriegsantisemitismus, von dem sie profitiert, sowie ihre GutachterInnen nicht unbedingt wissen. Ein Blick auf die Fotos, die die Buchausgabe der Habilschrift illustrieren, hätte Aufklärung verschafft. In solchem Kontext verwundert es nicht, dass Der zerbrochne Krug wieder einmal unbemerkt als Der zerbrochene Krug zitiert wird und dass Schostakowitsch den Vornamen Dimitri anstelle von Dmitrij (oder meinetwegen Dmitri) verpasst bekommt. Das stört eine Evlyn Deutsch-Schreiner ebenso wenig wie eine Holde Haider-Pregler oder einen Wolfsgang Greisenegger.

Der 1906 verstorbene Ibsen stand bei der Gewerkschaft nach Deutsch-Schreiner "für das repräsentative Schauspiel des 20. Jahrhunderts". An welche Ibsen-Stücke des 20. Jahrhunderts denkt die Chronistin? Verglichen mit solchen Schnitzern erscheint die dürftige Sprache der Habilitandin ("sind die Stücke […] keine herkömmlichen Kampfstücke, sondern die Linie des Sozialistischen Realismus in seiner besten qualitativen Ausprägung") oder die kuriose Logik des folgenden Satzes schon als Bagatelle: "Die russische Frage ist abgesehen davon, dass sie ein sozialistisches Bekenntnisstück ist, ein interessantes Zeitstück..." Abgesehen davon? Darüber hinaus? Oder trotzdem? Kennt die Fakultät, die pflichtgemäß die Habilschrift gelesen und danach angenommen hat, die Antwort? Man ahnt den wahren Sachverhalt: So wie die in Graz lehrende Deutsch-Schreiner nur tageweise aus dem 200 km entfernten Wien anreist, also ein volles Professorengehalt für eine Teilzeitarbeit kassiert, um ihrerseits akademische Grade für "wissenschaftliche" Arbeiten zu verleihen, die anderswo als Proseminararbeiten zurückgewiesen würden, so gehen die Wiener Professoren gar nicht erst an die Universität, um ausliegende Habilschriften zu überprüfen. Kein Wunder also, dass die dann so in den Druck gelangen, dass Hochstapler und Hochstaplerinnen Generationen von Studentinnen und Studenten ausbilden oder genauer: um eine qualifizierte Ausbildung betrügen dürfen.

Es ist allgemein bekannt, dass an österreichischen Universitäten Habilitationsverfahren unter lachhaften Konditionen abgeschlossen werden, um einem Kollegen, einer Kollegin eine Lebenszeitstelle als außerordentlicher Professor, eine Hausberufung oder einen Ruf an eine benachbarte Universität zu verschaffen. Die besonderen Schleuderpreise am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Wien dürften niemanden überraschen, der einmal Arbeiten gelesen hat, mit denen man an diesem Institut seine akademischen Titel erwirbt. Als Beispiel diene Wolfgang Franz Sinhubers 1995 im Druck erschienene Dissertation Drama und Zeitgeist in Österreich von 1980 bis 1990. Es ist schon einigermaßen mutig, um nicht zu sagen: irreführend, unter diesem Titel eine Arbeit zu veröffentlichen, in der Handke, Bernhard, Jelinek und Turrini "ausgespart" wurden, weil über "dieses Quartett (...) bereits eine Fülle von Publikationen" vorliegen. Nach diesem Kriterium müsste mit zumindest gleichem Recht auch Wolfgang Bauer vernachlässigt werden. Wenn das Schule macht, bekommen wir demnächst ein Buch über den russischen Roman des 19. Jahrhunderts, in dem Dostoevskij und Tolstoj, Turgenev und Goncarov fehlen, oder eins über die deutsche Nachkriegsgeschichte ohne Adenauer und Brandt. Nur die Ignorierung der genannten Autoren kann zu der verwegenen Behauptung führen, große Bühnen seien "gezwungen, vorwiegend Dramen altbewährter Autoren zu spielen, um ihre Sitzreihen zu einem möglichst hohen Prozentsatz auszulasten". Für das Burgtheater unter Peymann galt das ebenso wenig wie für das Volkstheater unter Emmy Werner und auch davor. Man mag sich auch darüber streiten, ob der "Teig" - im Gegensatz zu den "Rosinen" - ein besonders glückliches Bild ist für die Dramentexte, die Sinhuber schließlich ausgewählt hat.

So stehen denn zur Untersuchung arrivierte Autoren wie Wolfgang Bauer, Gustav Ernst, Felix Mitterer oder Werner Schwab, in Deutschland wenig bekannte Autoren wie Herwig Kaiser, Gerlinde Obermeir, Elisabeth Wäger-Häusle oder Friedrich Ch. Zauner und solche, die man nicht in erster Linie als Dramatiker kennt wie der jüngst verstorbene Helmut Eisendle, Barbara Frischmuth, Reinhard P. Gruber oder Peter Rosei. Sie werden unter verschiedenen Gesichtspunkten in den einzelnen, nach einer schwer nachvollziehbaren Logik angeordneten Kapiteln zusammengebracht. Man vermisst Heinz Rudolf Unger. Im Verzeichnis der verwendeten Primärliteratur ist das kurz behandelte Stück von Wilhelm Pevny nicht genannt. Der Autor fasst die österreichische Dramenproduktion der achtziger Jahre unter den noch einmal erläuterten und mit Hinweisen auf die kanonisierten Theoretiker gefestigten Begriff der Postmoderne zusammen. Die Arbeit hat aber, wenn das Etikett denn sein muss, selbst etwas Postmodernes in ihrem kaum vermittelten Nebeneinander von Inhaltsangaben und Kurzcharakteristika einzelner Stücke. Darin gibt es einige bemerkenswerte Einzelheiten. Man würde sich freilich wünschen, dass diese in Bezug gesetzt werden zu dem im Titel angekündigten "Zeitgeist", besser noch zu für die achtziger Jahre in Österreich spezifischen gesellschaftlichen, ökonomischen und ideologischen Bedingungen. Kennzeichnend ist das dreiseitige Schlusskapitel, in dem nicht etwa auf den "Zeitgeist" (was immer das sein mag) rekurriert wird, sondern Zitate solch inkompatibler Autoritäten wie Martin Esslin, Hans Heinz Stuckenschmidt, Peter Handke, Friedrich Dürrenmatt, Siegfried Melchinger und ein Katalog der Salzburger Galerie Ropac (postmodern?) montiert werden.

Es gibt, neben einigen Stilblüten, ein paar gewöhnungsbedürftige Eigenheiten in dieser Dissertation. Einerseits erhält das Wort "naturgemäß" die Fußnote "wie Thomas Bernhard zu sagen pflegte" (oder soll das eine Wissenschaftsparodie sein?), anderseits verzichtet Sinhuber auf Intersubjektivität, wenn er zum Beispiel mitteilt, dass er sich eines Eindrucks "nicht so recht erwehren" konnte. Erstaunlich in einer theaterwissenschaftlichen Arbeit auch zahlreiche Formulierungen wie diese: "Zweifel am Erzählen scheint er nicht zu kennen"; "Frau Elfriede Hammerl zeichnet die Situation der Ehepaare ziemlich hoffnungslos". Sollte nicht Übereinstimmung darin bestehen, dass die Tätigkeit des Dramatikers mit Verben wie "erzählen" oder "zeichnen" nicht zutreffend benannt ist? Wozu diese Übertragungen aus den Bereichen der Epik oder der bildenden Kunst, wenn es doch Wörter gibt wie "zeigen" oder (auf der Bühne) "darstellen"?

Was mögen sich bloß die Betreuer gedacht haben, die jemanden für dieses Stümperwerk mit einem Doktortitel belohnten? Und was ist eine Habilitation an einem Institut wert, das solche Standards pflegt?

Thomas Rothschild

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