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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 09:02

Der mündige Souverän

29.03.2004

Thomas Rothschild, 28.07.2003

 

Bitte um mehr Ehrlichkeit

Im künstlerischen Bereich gehört es zum Alltag. Kein Autor, der in Erwägung zieht, sein Buch könne Mist sein, wenn die Kritik zu dieser Überzeugung gelangt. Kein Schauspieldirektor, der eingesteht, eine Produktion könne misslungen sein, wenn das Publikum ausbleibt. Das mag ja der Fürsorgepflicht gegenüber den beteiligten Künstlern entsprechen. Der Glaubwürdigkeit dient es nicht. Wie viel lieber hörten wir den Selbsteinschätzungen zu, wenn eine oder einer da auch mal öffentlich bekennte: das ist mir danebengegangen. Nächstes Mal wird's hoffentlich besser.

Immerhin kann sich die Kunst auf die Subjektivität des Urteils berufen. Nehmen wir zu ihren Gunsten an, dass die Produzenten tatsächlich alles toll finden, was sie selbst gemacht haben, und nicht bloß die Mechanismen der Warenwelt auf den Kulturbereich übertragen wollen. Anders müsste es in der Politik aussehen. Aber wann hat man zuletzt einen Politiker nach einer Wahlniederlage verkünden hören: "Unsere Politik war falsch. Der Souverän, das Wahlvolk hat uns belehrt, dass unsere Politik verkehrt ist." Allenfalls erklären die Politiker mürrisch, es sei nicht gelungen, die Inhalte und Ziele überzeugend zu vermitteln. Nicht die Inhalte werden in Frage gestellt, sondern bloß die Fähigkeiten der Wähler, sie richtig zu begreifen.

Andererseits hat man noch niemals von jenen Kritik am Souverän vernommen, die dessen Stimmen erhielten. Wie ist das nun? Ist das Wahlvolk mündig? Dann kann es auch nicht Unrecht haben, wenn es seine Stimme verweigert. Oder sitzt es allzu leicht Missverständnissen auf? Dann allerdings ist unsere Demokratie eine äußerst riskante Angelegenheit.

Man kann ja auf dem Standpunkt stehen, dass zum Wählen ebenso ein Qualifikationsnachweis nötig wäre wie zum Autofahren. Das Alter ist, hier wie dort, nur ein sehr beiläufiges Kriterium. Es kann einem schon bange werden bei dem Gedanken, dass unsere Regierenden von Menschen mitgewählt werden, die nie eine Zeitung lesen, die nicht Bescheid wissen darüber, was in der Welt passiert, deren politische Urteilskraft hinter ihrer Entscheidungsfähigkeit beim Einkauf von Backpulver zurückbleibt. Nur: wenn man in diesem Sinne die Mündigkeit des Souveräns anzweifelt, dann darf man das nicht nur in jenen Fällen, in denen dieser Souverän gegen die eigenen Interessen verstoßen hat. Dann muss man daraus grundsätzliche Folgerungen ziehen. Und dann darf man dem Souverän nicht nach dem Munde reden, um beim nächsten Mal gewählt zu werden, sondern muss an einer Politik, die dieser unmündige Souverän nicht honoriert, festhalten, wenn man sie für richtig hält.

Nur eins ist unerträglich: dieses "mal so, mal so". Etwas mehr Ehrlichkeit und Prinzipientreue dürfen wir uns schon wünschen. Wenn nicht in der Kunst, dann doch in der Politik. Wer weiß: vielleicht würde solch eine Revolution in der politischen Kultur auch zur Mündigkeit des Souveräns beitragen.

Thomas Rothschild

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