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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 09:05

Der Fortschritt

29.03.2004

Thomas Rothschild, 13.10.2003

 

Wenn man in Babelsberg, dem ehemaligen DEFA-Studio, anruft und an eine Nebenstelle weiterverbunden wird, muss man sich, wie auch anderswo, mit Musik berieseln lassen. Da empfiehlt denn eine bekannte Stimme: "Stand By Your Man". Die Leute haben ihre Lektion gelernt. Wo einst der Sozialismus propagiert wurde, ertönt nun amerikanische Country Music der reaktionärsten Sorte vom Tonband. Man muss ja nicht unbedingt ein feuriger Liebhaber von Kampfliedern sein. Aber es ist schon ein bemerkenswerter Weg von Ernst Busch zu Tammy Wynette. Ob Anpassung nur am Anfang dieses Weges stand, mag der geneigte Leser entscheiden.

Die Stimme vom Babelsberger Tonband ist freilich kennzeichnend für eine Entwicklung, die weit über Potsdam hinaus die deutsche Lage charakterisiert. Grüne, die einst den Pazifismus und den Protest gegen die Atomlobby zum Kernbestand ihrer Grundwerte rechneten und genau genommen darauf ihre Existenzberechtigung gründeten, befürworten ein gewaltsames Eingreifen der NATO im Kosovo und raten ab von Protesten gegen Castor-Transporte. Die SPD, von der Maria Roswitha Panzer 1989 in ihrem Buch über Bürgerlichkeit schreibt, dass sie zunehmend zu einer bürgerlichen Partei geworden sei, dass sie jedoch im Gegensatz zu den "explizit", also den nichtsozialistischen bürgerlichen Parteien "entschieden für mehr Sozialpolitik" eintrete und "in den Privatisierungsanforderungen der CDU einen Angriff auf den Sozialstaat" sehe, überschlägt sich in Verneigungen vor der Marktwirtschaft. Jede Nachlässigkeit eines verstaatlichen Unternehmens wird bis weit in die Sozialdemokratie hinein als Beweis für die grundsätzliche Unterlegenheit gegenüber der Privatwirtschaft gewertet. Wenn aber Bahn und Post seit ihrer Entstaatlichung kontinuierlich schlechtere Leistungen vorzuweisen haben, wenn in Kalifornien der Staat eingreifen muss, weil die "liberalisierte" Stromversorgung zusammenbricht, kommt keiner auf die Idee, die Effizienz des privat organisierten Marktes in Frage zu stellen. Verluste werden vergesellschaftet, während Deutsche Bank oder Daimler Profite machen wie nie zuvor. Von einer Umverteilung des Reichtums zugunsten der Armen (gar im internationalen Maßstab) ist kaum mehr etwas zu hören, geschweige denn zu bemerken.

Aber nicht nur in diesem Punkt sind Positionen, die seit mehr als zweihundert Jahren für die Linke als unverzichtbar galten, preisgegeben worden. Nicht nur in ihnen stehen Parteien, die sich einst als Vertreter der Arbeiterbewegung verstanden, mittlerweile rechts von einem Standpunkt, den sozial denkende Konservative vertraten und zum Teil noch vertreten. Während sich die CDU zunehmend schamlos dem erstarkten Nationalismus in Deutschland anbiedert, winden sich Linke, wenn diese Frage zur Sprache kommt. Kaum eine öffentliche Diskussion, in der nicht irgendein Redner schon vor Laurenz Meier mehr oder weniger trotzig forderte, er möchte stolz darauf sein können, dass er ein Deutscher sei. Und mit schöner Regelmäßigkeit antworten Sozialdemokraten, Grüne und auch PDS-Politiker darauf, sie hätten Verständnis dafür. Was aber bedeutet das?

Sehen wir einmal davon ab, dass es unsinnig ist, auf etwas stolz zu sein, wozu man nichts beigetragen hat. So gesehen ist es ebenso dumm, darauf stolz sein zu wollen, dass man Franzose, Amerikaner oder Österreicher sei. Stolz mag man sein, weil man seine Meisterprüfung bestanden hat, oder weil man jemandem, der in Not war, geholfen hat, oder weil man drei Scrabblepartien hintereinander gewonnen hat. Aber auf den Zufall des Ortes stolz zu sein, an dem man geboren wurde, oder auf den Pass der Eltern, ist einigermaßen hirnrissig.

Es hat also gar nichts mit der jüngeren deutschen Geschichte zu tun, wenn man den Wunsch, auf seine deutsche Nationalität stolz zu sein, zurückweist. Weil dieser Wunsch aber nicht nur unsinnig, sondern auch gefährlich ist, erweist sich auch (taktisches? opportunistisches?) Verständnis dafür als verhängnisvoll. Gefährlich ist er, weil es eine Illusion ist, es könne einen Nationalismus ohne Chauvinismus geben. Nehmen wir den Fall an, jemand sagte: "Ich bin stolz darauf, ein Mann zu sein." Mit gutem Grund werden Frauen diese Aussage als Aggression empfinden. Der Satz enthält notwendig die Aussage: "Ich bin froh, keine Frau zu sein." Und dieser Satz impliziert die Suggestion, dass es schlecht ist, eine Frau zu sein. Eine Frau hätte, anders als der Mann, keinen Grund, auf ihr Geschlecht stolz zu sein. Warum wohl?

Was aber unterscheidet in seiner Struktur den Satz "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" von dem Satz "Ich bin stolz, ein Mann zu sein"? Nur eines: dass es zur Zeit politisch opportun ist, für den ersten Satz "Verständnis" zu zeigen, nicht aber für den zweiten Satz. Es ist opportun, Verständnis zu zeigen für einen Satz, der die Implikation enthält: "Ich bin froh, nicht Franzose, Amerikaner, Österreicher, Türke, Marokkaner, Rumäne zu sein." Mit einer linken Gesinnung freilich ist dieses Verständnis nicht vereinbar. Wer meint, er könne durch Anbiederung an (versteckt) chauvinistische Positionen latent Rechtsradikale für die Linke gewinnen, wird sein blaues Wunder erleben. Die SPÖ hat es vorgemacht. Jetzt regiert die Partei Jörg Haiders. Der Opportunismus war nicht nur eine politische Sauerei. Er hat sich noch nicht einmal ausgezahlt.

Thomas Rothschild

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