Das Kino als Seismograph der Weltbewegungen
29.03.2004
Wolfram Schütte, 15.12.2003
Auf dem 52. Internationalen Filmfest von Mannheim-Heidelberg
Von Wolfram Schütte
Das jährlich Ende November stattfindende "Internationale Filmfest" dürfte wohl weltweit das einzige sein, das gleichzeitig in zwei Städten Fuß gefasst hat: in der Industriestadt Mannheim und der (besonders bei Japanern und Amerikanern beliebten "romantischen") Universitätsstadt Heidelberg. Indem er die nahe beieinander liegenden Orte für das mehr als einwöchige Filmfest zusammenbrachte, ist dem Festivalleiter Michael Kötz der Coup gelungen, seine Abspiel- (& Finanzierungs-)Basis zu erweitern und die beiden Städte zu einer filmkulturellen Kooperation zu verführen, die seinen "Newcomern des Autorenfilms" ein vielfältiges, diversifiziertes Forum und Publikum bietet.
Das "Internationale Filmfest" ist ganz augenscheinlich eines, auf das die beiden Städte stolz sind. Es zieht nicht nur die junge Generation an, die heute vornehmlich ins Mainstream-Kino geht, sondern auch viele Ältere, die sich vom Reiz des Fremden, Ausgefallenen anlocken lassen. Denn es handelt sich in der Regel um Filme von noch unbekannten Regisseuren aus nicht gerade geläufigen Kinematographien wie z.B. Sri Lanka, Chile oder Bulgarien. Das Publikum wird jedoch durch ein sympathisches Marketing dazu animiert; ein Marketing, das den Enthusiasmus für das Unbekannte und die Kinoerzählung aus dem Off des Mainstreams erst so richtig weckt - ein Interesse mithin, das im derzeitigen Film- & Kinogeschäft durch die Werbemassagen mit der Zugkraft von Stars & spektakulären Stories weitgehend unterbelichtet ist. Das Filmfest lädt zu Erfahrungen mit Entdeckungen ein, setzt also auf das radikale Urmotiv der anarchischen Neugier - und hat Erfolg damit.
Schon kann man aber in Mannheim-Heidelberg auf eigene Traditionen zurückgreifen, mit seinen angewachsenen Pfunden wuchern und seine Zuschauer zu einer Reise ins Imaginäre ermuntern. Nach einer Kompilation von Josef Schnelle lasen jetzt bekannte Schauspielerinnen wie Anna Thalbach, Carola Regnier, Johanna ter Steege und Nina Hooger Dialoge und Regieanweisungen aus Francois Truffauts "Amerikanischer Nacht" - in dem der französische Regisseur ja einen Film-im-Film und einen Hymnus ans Kino als gesteigertes Leben gedreht hatte. Aus der kahlen Bühne des Mannheimer Stadthauses gelang es den virtuosen Schauspielerinnen, eine "Mannheimer Nacht" des Kinos zu evozieren - ein Kino der Imagination, das sogar phantastischer ist als das filmtechnische Filterverfahren, das bei Tag gedrehte Szenen als nächtliche erscheinen lässt und Truffauts Liebeserklärung an das Kino & das Film-Machen den Titel gab. Ein geglückter riskanter Grenzverkehr von Film & Theater.
Mit der kleinen Retrospektive von sieben Filmen aus einem Oeuvre von 50 Arbeiten des in Chile geborenen, in Paris lebenden Raoul Ruiz hat das Festival einen faszinierenden, spätsurrealistischen Kinoerzähler für einen Moment in Deutschland bekannt gemacht, der bei uns nur einmal mit seiner opulenten und intelligenten Hommage an Proust "Recherche" ins Kino gekommen war. Dabei sind seine sowohl komplexen wie sinnlichen, ironischen wie spannenden Filme ein ebenso geistreiches und unterhaltsames Augen- & Ohrenvergnügen, von dem man sich wünschte, es wenigstens nachholend, wenn nicht mehr im Kino, so doch im Fernsehen vor Augen zu bekommen.
Das gilt natürlich für viele Filme des Wettbewerbs oder der "Internationalen Entdeckungen", die Kötz & seine Crew für das 52. Filmfest ausgewählt haben. Die zeitgeschichtlich aufregendste kam aus Kuba. Joel Cano hat gewissermaßen den großen Roman "Drei traurige Tiger" von dem heutigen Kuba-Emigranten Cabrera Infante, der darin das ziellose Treiben von Müßiggängern im präcastristischen Kuba beschrieb, auf die Agonie von Castros Kuba übertragen. Es sind aber vornehmlich drei traurige Tigerinnen, denen er in seinen "Sieben Tagen und sieben Nächten" semidokumentarisch durch ihre triste Existenz in Armut, Verzweiflung und Prostitution folgt: eine Nachrichtensprecherin, die vor der Kamera in Tränen ausbricht und die Lügen des Tages nicht mehr aussprechen kann; eine Schlachterin, die Arbeit und Zuhause bei ihrer versoffenen Prostituierten-Mutter verliert und beim Casting für eine Revueshow, mit der sie sich von ihrer Misere und der Abhängigkeit ihres zuhälterischen, gewalttätigen Liebhabers befreien will, nicht angenommen wird, weil sie zu dunkelhäutig ist; und eine junge Frau vom Lande, deren Kind gerade gestorben ist und die sich nun durch das Havanna der ausländischen Sex-Touristen, der Bars und privaten Clubs treiben lässt. Sie alle laufen sich über den Weg, und der atemlos erzählte Film verknüpft ihre aussichtslosen Bewegungen immer wieder einmal, so dass ein höchst bewegendes Kaleidoskop von Frauen in der nach wie vor rabiat machistischen kubanischen Gesellschaft entsteht. Das ist radikaler Neorealismus mit wie um ihre Existenz spielenden großartigen Schauspielerinnen - und deshalb der implizite realistische Gegenentwurf zu Wim Wenders´ (ver)blendenden Happy Hours von "Buena Vista Social Club". Man fragt sich nicht nur, wie der Kubaner Joel Cano sein von einer französischen Produktion finanziertes furioses Debüt überhaupt drehen konnte, sondern auch, wie er seine Kubanische Trilogie mit "Adios" und "Desastre" auf der Karibik-Insel fortsetzen will. Denn in der letzten Einstellung von "Sieben Tage und Sieben Nächte" bricht eine seiner Heldinnen in verzweifelte Klagen aus: "Wann wird diese Misere enden, es muss sich doch etwas ändern..." - und sie steht dabei am monumentalen Eingangstor eines herrschaftlichen Anwesens. Es könnte sein, dass das Fidel Castros Amtssitz ist.
Mit dem Slogan "Neue Welt Geschichten" hatte das 52. Filmfest für sein Programm geworben - und was ich davon gesehen habe, hinterließ den Eindruck einer pulsierenden Folge von sehnsüchtigen Aufbrüchen ins Bessere, von äußeren und inneren Emigrationen, gefährlichen Fluchten und scheiternden Hoffnungen. Menschen "unter Einfluss" und in Bewegung - ob in Sri Lanka auf der lebensgefährlichen Suche nach dem Paradies Italien oder in verschneiten gebirgigen Grenzlandschaften zwischen Bulgarien und der Türkei, wohin ein eigenwilliges Mädchen aus einem bulgarischen Dorf aufbricht, um den lange schon abwesenden Vater zu finden, der gleichzeitig - ohne dass sie es bemerkt - die Grüne Grenze auf dem Weg in die Heimat überquert ("Unter dem selben Himmel" von Krassimir Krumov. Eine tragische Verfehlung in grandiosen Gebirgslandschaften hier, eine bizarre Odyssee vom südindischen Ozean ans Mittelmeer dort, durchschossen von Comics und Prügeleien und begleitet von rührenden Tanz- & Musikeinlagen des bollywooder Kinos in Buddhikka Keerthisenas "Auf nach Italien".
Der Grieche Nikos Grammatikos lässt seinen "Fremden" - einen eben in Athen aus dem Gefängnis entlassenen ehemaligen Drogendealer - in eine abgelegene Region Nordgriechenlands entweichen, um ein neues Leben auf dem Lande zu beginnen. Der Amerikaner Ed Solomon beobachtet, wie sein Held - der nach zehn Jahren Haft wegen der Ermordung eines gleichaltrigen Kassierers bei einem Raubüberfall wieder zur Freiheit verdammt wird - nun seine Schuld "Ein Leben lang" abarbeiten und sühnen will, indem er an den Ort seiner Tat zurückkehrt. Und der Schwede Jimmy Karlsson, in seiner Adaption eines Romans von Lars Gustafsson ("Ich und die Anderen"), verfolgt einen desillusionierten Achtundsechziger Mathematiklehrer, der sich in die Provinz versetzen ließ, bei seinem pädagogischen Versuch, dort ein schlummerndes mathematisches Genie unter seinen Schülern zu erwecken.
Es ist gewiss kein Zufall, dass alle drei Fremde in diesen Filmen durch ihr wallendes langes Haar und ihre verschlossene Schweigsamkeit wie moderne Nachfolger Christi erscheinen, die ihrer Vergangenheit entkommen wollen und an ihrer Gegenwart scheitern: sühnende Heldenfiguren, die sich stellvertretend für die Schlechtigkeit der Welt opfern. Bei Solomons Knast-Rückkehrer schimmert sogar ein wenig der "Große Freund Shane" durch, den es hier in den Dschungel der Großstadt verschlagen hat und der wie einst Allan Ladd am Ende den Ort seiner guten Taten verlässt, obwohl er sich in die Schwester seines Mordopfers verliebt hatte, das ihm aber geisterhaft bei seinen späten Sühnehandlungen zur endgültigen Vergebung zuschaut und beisteht.
"Ich wollte immer eine Heilige sein" nennt die Luxemburgerin Geneviève Mersch das Porträt einer siebzehnjährigen Schülerin im belgischen Lüttich, die sich aufopfernd sozial engagiert, für Alte einkauft und sich um ein kleines Mädchen aus zerrütteten Familienverhältnisse kümmert. Ihre Motivation, gegen das Böse in der Welt ihre guten Taten zu setzen, hat aber einen neurotischen Hintergrund: zum einen glaubt sie, am Tod eines Rennfahrers schuld zu sein, zum anderen ist ihre verschwundene Mutter ein Tabu für ihren Vater, der sein ganzes Leben für die Tochter aufopfert. Als sie eines Tages erfährt, dass ihre portugiesische Mutter in der Schweiz lebt, bricht ihre moralische Lebensbalance zusammen und sie tritt, ohne Rücksicht auf Verluste, ihre Reise in ihre persönliche Vergangenheit an - ohne doch in der Mutter ihre vermißte Mutter zu finden, die mit dieser ersten Frucht ihrer "lebenslustigen" Vergangenheit nichts mehr zu tun haben will.
Noch beeindruckender als dieses Porträt einer Suche nach der eigenen Identität war aber für mich das höchst eigenwillige, poetische Spielfilmdebüt "Das Glück finden", das die 1962 in der Schweiz geborenen Jeanne Waltz in Portugal realisierte. Es scheint, als habe sie sich ohne erkennbare Anstrengung den Lebensrhythmus der portugiesischen "Saudade", dieser lebenstraurigen Melancholie anverwandelt. Ihr wunderbar gelassener, lakonischer, emotional sanft ausschwingender Film ist thematisch sogar mit dem tour-de-force ihrer luxemburgerischen Kollegin verwandt. Jeanne Waltz erzählt zwei Geschichten, die sie kunstvoll engführt: hier ist es ein Mann, Francisco, der seine Frau verlässt und nach deren Tod seinem ihm völlig entfremdeten Sohn gegenübersteht. Der kleine Junge hasst den ihm unbekannten Vater, der seinen höchst bescheidenen Lebensunterhalt als nächtlicher Ausfahrer von Zeitungen verdient und in einer tristen Schlafstadt am Rande Lissabons lebt, dem Tod näher als dem Leben. Zweimal hat ihn die Anwesenheit Brunas am Vollzug des Selbstmords gehindert. Das Mädchen hatte ihn in der wunderbaren Eingangsequenz an seinem Sprung vom Dach des Hochhauses abgehalten, weil sie, gegenüber am Fenster, sein Schwanken imitierte.
Bruna kommt auch aus einer sich auflösenden Ehe, sie zieht einige Jahre später als Teenie mit zwei Freundinnen durch die Gegend - ein lustiges & listiges "Vittelloni"- Trio, das seine jungen fraulichen Reize raffiniert ausspielt, um bei begehrlichen oder bloß verwirrten Männern Vorteile zu schnorren. Der männlich-melancholische Rückzug in sich und die erotisch-spielerische weibliche Extrovertiertheit: aus diesen unterschiedlichen Temperamenten des Lissaboner Vorstadt-Lebens kombiniert Jeanne Waltz ihren ebenso humoristischen wie schwermütigen Film, in dem zwei Fremde (der blessierte Mann und das selbstbewusste Schlüsselkind) einander nahekommen, sich berühren - und das Mädchen versteht es (in einem fast sprachlosen langen filmischen "Gesang"), die inneren Verhärtungen des Solipsisten der Nacht langsam zu lösen, ihn zum Geständnis seiner Versagensangst und zu neuem Lebensmut zu bringen, ohne dass sich daraus eine erotische Liebesgeschichte als verlogenes Happyend ergäbe. Das Glück, das der flüchtige Vater findet, stellt sich ein, als ihm sein kleiner Sohn bei der Wiederbegegnung freudig in die Arme läuft.
Wie nahe ist ästhetisch diesem bewegenden "Fado" die persische Meditation "Die Stille des Meeres": ein episches Kammerspiel für einen Reisenden mit seinen Camcorder & seinem Handy in Sichtweite seiner verlorenen Heimat, der verlassenen und gestorbenen Eltern, des zurückgebliebenen Bruders und dessen Freunde. Der Iraner Vahid Mousaian stellt in seiner poetischen Reflexion die Bitterkeiten und Zerrissenheiten der Emigration in den Mittelpunkt seines Films, und er lokalisiert sie auf einer Insel vor der Küste des Iran, für die der Exilierte kein Visum braucht, um unter seinesgleichen Landsleuten zu sein: unter gastfreundlichen Schmugglern und hilflosen Boatpeoples, die gnadenlos von der Polizei verfolgt werden, Gestrandete in einem gespenstischen Niemandsland. Ein Film eindringlicher Bilder, schmerzlicher Stationen der Verlassenheit und der Einsamkeit - und der mitmenschlichen Solidarität.
Die Nachrichten, die einen auf dem 52. Internationalen Filmfest Mannheim-Heidelberg aus allen Weltgegenden erreichten, berichten vom verzweifelten, mutigen, aussichtslosen und selten glücklichen Kampf der Menschen auf der Suche nach Glück, Liebe, Anerkennung und individueller Würde. Emblematisch für diese Erfahrungsschübe für Kinogänger in den Festivalspielstätten an Rhein & Neckar zwischen dem 20. & 29. November dieses Jahres war deshalb die nahezu wort-& sprachlose Adaption von Kafkas paradigmatischer "Verwandlung", die der russische Theaterregisseur Valery Fokin als Ballett der Gesten inszenierte. Seinem Hauptdarsteller Evgeny Mironov gelingt die Verwandlung des kleinen Büroangestellten Gregor Samsa in ein monströses Insekt mit einer pantomimischen Präzision, dass einem der Körper des Darstellers wie ein motorisches Insektoid erscheint, dem ein leidendes menschliches Antlitz aufsitzt: ein Fremdkörper, der verängstigt, verachtet und als lästiger, schmutziger Vorwurf seiner Mitmenschen langsam verendet. Es gab viel zu sehen und zu hören auf dem Filmfest; wie wenig davon wird man je außerhalb von Mannheim und Heidelberg noch begegnen!
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