His Schmidtness und Gott Jokus
29.03.2004
Wolfram Schütte, 01.12.2003
Was sich nach der Ankündigung Harald Schmidts, er werde seine Show zum Jahresende einstellen, in der deutschen Feuilletonisten- & Intellektuellen-Szene ereignet hat, ist ebenso beispiellos wie absurd gewesen. Eine solche Einstimmigkeit bei denjenigen, die sich aufs eigene „Individuelle“ soviel einbilden, hat es noch nicht gegeben. (Wollte man den Geisteszustand von Unsereinem derzeit bestimmen, wäre dieses Ereignis der Lackmustest. Besser, wir überlassen das einer späteren Generation). Es sah jedenfalls für eine Woche so aus, als sei der endgültige Untergang Mallorcas vor den Augen der den deutschen Rentner angekündigt worden und Neckermann habe Protestanzeigen im Feuilleton der deutschen Renommierblätter geschaltet – derart wehklagten hochdotierte Jungmänner um ein Existenzial ihres Lebens-Vergnügens, dem sie angeblich fünfmal in der Arbeitswoche von 23.15 eine von Werbeblöcken zerstückelte Stunde opferten.
Es gab keine Parteiungen mehr, nur noch (ganz plötzlich) überall Schmidtianer, besser: fanatische Bewunderer, die in dem Entertainer ihren Hausgott sahen und als seine öffentlichen Bekenner bei ihrem Coming-out nun so schrill, frenetisch & hysterisch schrieen, wie in den frühen Beatles-Zeiten die kleinen Mädchen, wenn sie die Pilzköpfe leibhaftig sahen. Selbst politisch oder journalistisch einflussreiche Nullitäten drängten sich hinzu, um im chorischen Jammerhymnus über das vorläufige Ende der „Harald-Schmidt-Show“ auf Sat1 klagend mitzusingen & erhört zu werden. Gegenüber diesem geschriebenen Spektakel, das alle kennerische, kritische, intellektuellen Distanz vermissen ließ, war das von Harald Schmidt wöchentlich inszenierte geradezu wohltuend hausbacken – und er sich selbst gegenüber offenbar gewitzter als alle, die ihm durch dick und dünn nachgehechelt waren und jetzt um ihren Haussegen fürchteten.
Es gab nur wenige unter seinen Bewunderern – und es gibt hinreichend viele & unterschiedliche Gründe, ihn als TV-Unikum wie einst den Hanswurst im Stehgreifspiel des 18.Jahrhunderst zu bejubeln –, die dem hymnischen Unisono, das seine Show nun tränenreich nachgerufen haben, ein wenig widersprochen haben: nicht säuerlich, sondern intelligent, also angeblich auf Schmidt-Niveau. Der Satiriker und Erzähler Joseph v. Westphalen in der „TAZ“ war einer davon.
Offenbar weil er selbst mit den Mühsalen der Ebenen des humoristischen Geschäfts, das Schmidt wöchentlich 5 x (wie aus dem Hut gezaubert & dem Vollen geschöpft) zu verrichten hatte, eben doch besser vertraut war, als die genußidiotischen Schmidt-Konsumenten, hat v. Westphalen die schon geraume Zeit währende Durstsstrecke benannt, die Harald Schmidt mehr schlecht als recht in diesem Jahr durchmessen hat. Weil Schmidts komisches Prinzip so funktionierte, daß ihm seine Konsumenten alles zutrauen sollten (und folglich auch in seinem Scheitern, seinem Versagen und Ermüden an sich selbst seine spätabendlichen Adepten immer wieder den Triumph des Selbstreferentiellen erblickten, das mit sich & ihnen Vabanque spielte: wenn er nur, um Gottes Willen, da war), konnte ihre Schmidt-Religion selbst vom Heiland nicht erschüttert werden, ja sie wurde erst recht bestätigt durch seine jetzige Himmelfahrt, von der er wußte, daß sie mehr als notwendig war. Für die (ebenso selbstkritische wie launige) Geistesgegenwärtigkeit des bekennenden Katholiken Schmidt spricht, daß er genau den richtigen Zeitpunkt erkannte, um abzuheben, um als tapferer Freund seinem geschaßten SAT1 -Kumpel moralisch einwandfrei, um nicht zu sagen „correct“ ins vorläufige Nichts nachzufolgen – während doch bereits die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Anstalten mit offenen Armen dastehen, um den „verlorenen Sohn“ heimzuholen, nachdem sie darauf spekulieren müssen, ihr Image bei der „kulturellen“ Medienpresse aufzupolieren, das sie als öffentlich finanzierte Imitate des KommerzTVs längst gründlich ruiniert haben.
Köstlicherweise platzte in diese Melange von Intellektuellen-Emotionen und in dieses Tohuwabohu von medialen Schach- & Winkelzügen ein Artikel im „Magazin“ der besonders verschmidsten „Süddeutschen Zeitung“. Er war zwar von einem Nobody als kritischer Abgesang auf die doch herzlich heruntergekommene „Harald-Schmidt-Show“ in aller Unschuld geschrieben worden, bevor „His Schmidtness“ (wie besonders Erhitzte ihren Abgott nennen) selbst eine unverhofft-brillant zu terminierende Einsicht mit seinem „Endspiel“ auf SAT1 hatte ( & den Nobody bestätigte!) – aber diese triftige Kritik konnte, Dank langer Vorproduktionszeiten des der SZ beigelegten Produkts, jetzt erst allen tränenden Trauergästen als düpierend frühe Einsicht nachgeschickt werden.
Was für eine Peinlichkeit, was für eine Komödie! Harald Schmidt zu seinen besten Zeiten hätte darüber gejubelt – über die List der Vernunft, die der Sentimentalität der kollektiven Unvernunft mithilfe technisch bedingter Drucktermine eine schallende Ohrfeige versetzt.
Weiß Gott, Dich gibt es noch: göttlicher Jokus!
Wolfram Schütte
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