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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 09:07

Kopftuch & Gucci

02.04.2004

Von Wolfram Schütte

Wole Soyinka, der nigerianische Literaturnobelpreisträger von 1986, hat sich in die französische Kopftuch-Debatte eingemischt, und "Die Welt" vom 17. 1. 04 seinen Beitrag auf deutsch publiziert. Wole Soyinka plädiert für eine Schuluniform in Grund- und Oberschulen. Ob sie dort auch Lehrer tragen sollten, sagt er nicht. Er spricht nur von Schülern. Nur um sie geht es ihm. Seine Idee, das in Frankreich und auch bei uns virulente Problem weiblichen Islamismus mit einem neutralen Vorschlag außer Kraft zu setzen, scheint mir "salomonischer"; als Verbote, die nur Abwehr sind. Gleichwohl dürfte der Vorschlag bei uns wie auch in Frankreich keine Chance haben.

 

Warum?

Weil Soyinka, der in seiner Begründung auf eigene Schulerfahrungen mit der Uniform zurückgreift, die er heute in seiner Heimat nicht mehr machen könnte (weil dort längst der Islamismus die schulische Neutralität unterhöhlt hat), eine Vorstellung von Jugend und Schülern hat, die in bei uns schon lange nicht mehr weder geteilt wird, noch an der Tagesanordnung ist.

Wole Soyinka sieht nämlich in der "Schule den einen Ort im Leben jedes Kindes, wo es andere als ebenbürtig und gleich ansehen kann". Mehr noch: die Schule, fordert er, solle "das größtmögliche Gefühl der Einheit oder Geschlossenheit unter jungen Leuten schaffen", und die Gleichheit der Schuluniform „in der so wichtigen Zeit der Persönlichkeitsentwicklung“ den Jugendlichen die Erfahrung von einer „gewissen Solidarität“ untereinander vermitteln. Solche moralische Grunderfahrungen in der Schule „schuldeten die Erwachsenen der nächsten Generation in einer Welt, die von Unterschieden schier zerrissen“ sei. Außerhalb der Schule (& selbst innerhalb) sollte Religionsfreiheit garantiert sein.

Wie fremd klingt solcher Anspruch an die Schule für unsere Ohren! Wole Soyinka beharrt darauf, daß Schüler noch keine Erwachsenen sind, es erst werden sollen und dazu eine vorübergehende kollektive Identität ausbilden sollten, die mit dem Erwachsenenleben nicht konform ist: eine allen gemeinsame „uniforme“ Vorschule des künftigen Lebens in der Gesellschaft.

Eben genau darin liegt die Chancenlosigkeit seines Vorschlags für unsere Gesellschaften. Die Schule ist nämlich längst schon bei uns nichts anderes als die Einübung in den Verhaltenskodex der Erwachsenen geworden – und wenn man´s genau nimmt, tobt dort, weil auf engem Raum kaserniert, der Existenz- und Differenzkampf noch viel offener, rabiater und unversöhnlicher als später im Berufsleben. Und zwar nicht nur auf dem Feld schulischer Leistungen, die Egoismus und Überlegenheit als Grundlagen für ein Sozialverhalten imprägnieren, das nur den Besten beste Chancen in Ausbildung und Beruf verspricht, an den Reichtümern der Gesellschaft künftig teilzuhaben, sondern auch im Outfit von Bekleidung bis Handy werden bereits Distinktionsgewinne eingeübt & antizipiert, welche die Eltern zu ökonomischem Aufwand zwingen, der nicht selten über ihre finanziellen Verhältnisse geht, aber so selbstverständlich von den Kindern eingefordert werden – wie Nachschub an Nahrung vom Nachwuchs in einem Vogelnest. Nur: bei den Menschen-Kindern geht es nicht um Nahrung.

Wären bereits die Vorschulkinder (um von allen älteren Schülern ganz zu schwiegen) nicht schon Adressaten, um nicht zu sagen: zu dressierende Abnehmer der Konsumindustrie, so müßte die gesamte übrige „Wohlstandsindustrie“ bei uns einpacken. Wenn also Wole Soyinka schreibt: “Die wahrlich simplifizierende Lesart des Rechts eines jeden Kinds auf individuelle Selbstverwirklichung ist schuld daran, das das Lernumfeld zum Laufsteg verkommen ist“, trifft er den point of no return, der seine Idee in unseren Gesellschaftsverhältnissen zum Aberwitz macht.

Aber der fatale Witz seiner absurd erscheinenden Utopie einer Schulenklave, in der alle gleich gekleidet sind, ist dem Nigerianer nicht zuzuschreiben. Die Totalisierung des Begriffs von Selbstverwirklichung, die eo ipso immer auch der liberalistigen Heiligenschein für die Rechtfertigung eines unbeschränkten Egoismus war, welcher Solidarität als Schwäche verhöhnt, spricht den Kindern schon eine Souveränität des reflektierten Abwägens & Urteilens zu, die noch in der Phase ihrer Persönlichkeitsentwicklung dorthin sind; und das Dorthin gar nicht erreichen, weil ihr Charakter, ihre Mentalität und ihre sozialen Verhaltensweisen schon imprägniert werden, während sie noch im Fluß und nicht verfestigt sein sollten. Und die „erwachsenen“ Eltern bewundern im Zweifelsfall heute eher die ihnen überlegene Cleverness ihrer Kinder, als deren minoritäre Widerständigkeit gegen ihre fortlaufende Anpassung, die sowohl sie als auch ihre Kinder gar nicht mehr als Außenprägung wahrnehmen, sondern als „natürliche“ Entwicklung ansehen. „Uniformierung“ erscheint da als Zwangsjacke „kommunistischer“ Kollektivierung, als staatliche „Gleichmacherei“, weil es ja der Neoliberalismus geschafft hat, daß „der Staat“ als ein gefräßiger Parasit erscheint, der den Bürgern das selbstverdiente Geld aus der Tasche zieht. Fast könnte man sagen: an die Stelle des den Mehrwert der Lohnarbeit abschöpfenden „Kapitalisten“ in der Marxschen Theorie der bürgerlichen Ökonomie, ist neoliberalistisch „der Staat“ als imaginärer Fremdkörper getreten, der uns um unseren Mehrwert bringt und damit “die individuelle Freiheit“ einschränkt, die so emphatisch und fetischistisch wurde, daß ihre Kehrseite, die kollektive (Ver)Pflicht(ung) aufs Gemeininteresse, gar nicht mehr als Grenzwert am Horizont erscheint.

Wenn, wie ich kürzlich bei einer amerikanischen Schriftstellerin gelesen habe, bereits ihre zweijährige Tochter danach verlangte, Michael Jackson im TV zu sehen, und im Frankfurter Metzler-Prozeß des vergangenen Jahres 15 jährige Schulmädchen mit Gucci-Outfit gegeneinander konkurrieren, dann erkennt man, daß Wole Soyinkas Idee einer Schuluniform (wie es sie ja in Japan noch gibt) zwar „salomonisch“ sein könnte, aber doch zugleich weltfremd ist, zumindest in einer Welt, in der schon Kleinstkinder an die Unterhaltungsindustrie angedockt und Schulkinder sich mit den Insignien des Luxus ausstaffieren, um „sich selbst zu verwirklichen“.

Nichts anderes praktizieren die Kopftuchträgerinnen. Sie folgen einem unverkennbar noch sakralisierten Ritual der islamischen Religion, das ihnen einen Distinktionsgewinn durch Uniformierung verschafft; während der Rest der entsakralisierten Religion der Mode & Unterhaltung entspricht, deren Ritual schon frühzeitig dem Konsumismus opfert und derart bereits „in der Schule fürs Leben lernt“.

Wolfram Schütte

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