Feixen, Faxen & Manieren
02.04.2004
Von Wolfram Schütte
Wer schon etwas älter ist und das Vergnügen hatte, als Schüler, Student und später als Redakteur die immer wieder Haken schlagende literarische und publizistische Karriere des 1929 in Kaufbeuren geborenen Hans Magnus Enzensberger zu begleiten, wird sich dieser Tage auf Enzensbergers bald 75jähriger Physiognomie ein wohl erst klammheimliches, dann spitzbübische Vergnügen lebhaft vorstellen können.
Es begleitet die Diskussion um die bislang anonyme Teilhaberschaft des Frankfurter Schriftstellers Martin Mosebach an dem Buch „Manieren“, mit dem nun schon mehr als ein halbes Jahr in ständig steigender Auflage, der ehemalige äthiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate der bundesdeutschen Intellektuellen-Gesellschaft „Manieren“ beibringt – während gleichzeitig (sich selbst) hochdotiert habende Bank- & Industriemanager vor Gericht alle guten Manieren ihrer Klasse wie eine Maske fallen lassen.
Das Buch eines zweifellos ansehnlichen, aber literarischen Nobodys ist in der von Enzensberger allein verantworteten „Anderen Bibliothek“ erschienen – und nachdem dort gerade „Eine Frau in Berlin“ als „authentisches Zeugnis“ dafür, wie eine deutsche Frau die russischen Vergewaltigungen nach Kriegsende mit cooler Sachlichkeit, um nicht zu sagen „manierlich“ über sich ergeben ließ, zu einem kommerziellen Erfolg wurde, obwohl die Autorin anonym war, beförderte diesen ersten Erfolg einen zweiten mit dem Buch – als nämlich ein Reporter der „Süddeutschen Zeitung“ die schon vor geraumer Zeit verstorbene Anonyma identifizierte und zugleich Zweifel an der dokumentarischen Authentizität des Buches äußerte, was die „Frau in Berlin“ erst recht ins Gespräch & Geschäft brachte.
Mit einer berserkerhaften Wut und schwerem Säbelrasseln, das man dem Florettfechter, als der HME uns auch in seinen extremsten kulturrevolutionären Ausfällen immer vor Augen kam, wahrlich nicht zugetraut hätte, schlug der als brillanter Ironiker und amüsanter Zyniker geschätzte Enzensberger unter seinem Niveau auf den zweifelnden Thomas von der SZ ein und wiederholte seine zornige Philippika noch einmal (beidesmal in der ihm hörigen FAZ), nachdem die Versuche des Verlags, mit Hilfe des Kollegen Kempowski, jedem Verdacht den Boden zu entziehen, philologisch nicht überzeugen konnten und das Verhalten der Rechteinhaberin weiterhin zweifelhaft blieb.
Die Rage, in die sich HME hineinsteigerte, war verständlich, weil er sich als Philologe, Übersetzer, Editor gewissermaßen auf heimischem Feld angegriffen sah; unverständlich wäre der Furor aber bei einem solchen Souverän akademischer Usancen, wenn HME so zweifelsfrei im Recht wäre, wie er öffentlich markiert. Da hat er sich nämlich in früheren Fällen nie entgehen lassen, den ignoranten Gegner auch noch mit schneidender Ironie abzufertigen; hier aber poltert und tritt er. Keine feinen Manieren.
Nun scheint, was bei der Anonyma eine gewissermaßen tragische Wertigkeit besitzt (weil es um die Frage geht, ob der Ton des Buchs, die Haltung der Autorin unmittelbar, also „authentisch“, dem eben Erlebten entwuchs), im Nachfolgefall der äthiopischen „Manieren“ nur noch „komische“ Relevanz zu besitzen. Beides zusammen wirkt wie eine feixende Doppelinszenierung im Rahmen der „Anderen Bibliothek“, genauer: wie eine postmoderne Parodie auf einen attischen Schauspielabend, bei dem ja auch der Tragödie das Satyrspiel folgte.
Gerne stellt man sich vor, wie Enzensberger, der ja selbst mit offenen oder anonym gebliebenen (?) Pseudonymen operiert, sich den öffentlichen & literarischen Erfolg eines Buches über Manieren und Umgangsformen bei uns durch die Autorschaft eines exotischen Prinzen aus dem Morgenland genussvoll imaginierte. Dergleichen Camouflage hat in der europäischen Kulturgeschichte Tradition – und haben nicht noch in den Zwanziger Jahren angebliche Südsee- oder vermeintliche Indianerhäuptlinge den Europäern Mores gelehrt? Einem Prinzen aus einer mehr als zweitausendjährigen Dynastie wird man gewiß amüsierter & geschmeichelter Grundregeln zivilisierten Umgangs in einer Ellbogengesellschaft abnehmen, als einem bloß Frankfurter konservativen Romancier und Essayisten wie dem liebenswürdigen, hochgebildeten, altkatholischen Elegant Martin Mosebach, der so schön anheimelnd und wohlgesetzt erzählen kann, als habe es Döblin oder Arno Schmidt, Peter Weiss oder Uwe Johnson nie in der deutschen Prosa gegeben.
Wahrscheinlich haben sich da drei Ironiker zu einem, wie Thomas Mann gesagt hätte, „sittigenden“ Unternehmen zusammengetan, um das haltungs- & umgangsverwilderte Deutschland von Grund auf kommunikativ wieder zu zivilisieren; und es hat ihnen, vorallem die miteinander befreundeten, immer wie aus dem Ei gepellten Frankfurter Freunde Asfa-Wossen Asserate & Martin Mosebach, einen Heidenspaß gemacht, ihre Gesellschafts-Beobachtungen & Benimm-Kenntnisse manierlich in einem hübschen, ausschweifend gebildeten Kompendium zu versammeln.
Wohl weniger aus Bescheidenheit – spekuliere ich nun –, als aus Marketing-Kalkül (das ich bei HME lokalisiere), trat der Sprachkonditor & Satz-Couturier Mosebach ganz und gar wie ein namenloser Lektor hinter den Namen des äthiopischen Freundes zurück – und der öffentliche Erfolg gab allen dreien recht. Wie der Buchhandel und das zahlende Publikum erlag auch die staunend rezensierende Kritik dem sanft-konservativen Charme des Buchs. Bald schon erhob sich ein Jubel über einen äthiopischen Prinzen, der uns nicht nur wieder die Krawattennadel schmackhaft machte, sondern auch eine Prosa schrieb, auf die man hätte neidisch werden könnte, wenn das einem nicht die eben gelernten guten Manieren verboten hätten.
Ein Märchen, zu schön, um (ganz) wahr zu sein.
Es war wohl vor allem die allseits bewunderte stilistische Brillanz, die für ihren Hersteller hinter dem angeblich alleinigen Autor zum Stein des Anstoßes wurde, nicht weiterhin ganz & gar selbstverleugnerisch uneitel zu bleiben – wie der hässliche Cyrano de Bergerac, der darunter elendiglich litt, daß er mit seinen Sprachschmeicheleien dem ansehnlichen Freund, der sie als die seinen ausgab, zum erotischen Erfolg bei Cyranos unsterblich Geliebter verhalf. So verbreitete der Frankfurter Freund (oder wer sonst?) hinter vorgehaltener Hand und mit diskretem Augenzwinkern, daß er dem äthiopischen Freund zumindest bei der sprachlichen Glanzpolitur seiner „Manieren“ hilfreich zur Hand war & unter die Arme gegriffen habe (wie man ja bemerkt haben dürfte).
Nachdem das Gerücht erst einmal seine informierten Kreise zog, waren dessen Verbreiter schnell bei der Hand, dem erst von ihnen so himmelhoch gejauchzten Asfa-Wossen Asserate gleich die „Manieren“ von A bis Z ab- & dem aus dem Dunkel hervortretenden Martin Mosebach zuzusprechen. Damit war zugleich auch wieder der Eindruck aus der literarischen Welt, ein Afrikaner könne besser Deutsch als unsereins. Da sei Mosebach vor!
Freilich sah sich jetzt der im Hauptberuf als Unternehmensberater tätige Prinz im fal(l)sifizierten literarischen Unternehmen, das mit ihm sein Frankfurter und deren Münchner Freund ausgeheckt hatte, als intellektueller Hochstapler ganz allein vorgeführt, der mit seinem guten Namen und dessen adlige Aura die deutsche Leser- & vorallem Kritikerschaft an der Nase herumgeführt hatte – bis zu der Peinlichkeit, eben wegen seines fabelhaften Deutschs den für Deutsch Schreibende, denen es nicht die Muttersprache ist, vorgesehenen „Adalbert von Chamisso Preis“ von der Bayrischen Akademie zuerkannt zu bekommen.
Der deutsch schreibende französische Adelsspross von Chamisso (1781/ 1838), dessen Familie die Französische Revolution in die Emigration vertrieben hatte, passte gewissermaßen „punktgenau“ (wie man heute sagt) auf den von einer marxistischen Revolution aus Addis Abeba vertriebenen Prinzen, aus dessen Familie viele Verwandte in seiner Heimat ermordet worden sind. Adalbert von Chamisso ist nur mit einer Erzählung weltliterarisch bekannt geworden: dem „Peter Schlemihl“, der seinen Schatten dem Teufel verkaufte, um zu Reichtum und Ansehen zu kommen, aber sich weigerte, ihm auch noch seine „Seele“, sein Gewissen, zu verkaufen.
Es liegt verführerisch nahe, aufgrund dieser seltsamen durch den Preisträgernamen gestifteten Koinzidenz, ironisch zu fragen, ob Asfa-Wossen Asserate an Mosebach & Enzensberger seinen Namen verkauft hat, damit sich alle drei einen Jux und nebenbei jetzt auch ein noch ein einträgliches Geschäft damit machen konnten und wie dieser äthiopische Schlemihl, nachdem der Marketing-Schwindel aufgeflogen und er mit seinem Decknamen ins Strudeln gekommen ist, seine „Ehre“ noch retten könnte.
Auf die Gefahr hin, einer „teutonischen Humorlosigkeit“ geziehen zu werden, wenn man in der inszenierten literaturbetrieblichen Komödie auch noch einen Unterstrom von persönlicher Tragik erblickt, die am Ende einen öffentlich Blamierten hinterläßt & zwei sich bedeckt haltende Strippenzieher, die ihren Freund im Regen des Hohns stehen lassen, erlaube ich mir zu fragen, was man im Lichte dieser allegorischen Szene von der humanen Essenz jener „Manieren“ zu halten habe, deren Beförderung das von allen dreien geschriebenen, edierten und verkaufte Buch dienen solle. Zumindest die Losung der „Drei Musketiere“ scheint mir da entschieden „manierlicher“: nicht nur „Einer für alle“ den Kopf hinhalten zu lassen, sondern „Alle für einen“ mannhaft einzutreten. Es wäre langsam an der Zeit, die „Lumpazivagabundi“ würden sich gemeinsam zu ihrem Jux bekennen.
Wolfram Schütte
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