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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 09:08

Deutschland, heilig Raserland

02.04.2004

Von Anselm Brakhage

Respekt vor Richterin Brigitte Hecking. Sie hat Flagge gezeigt im Autobahnraser-Prozess.

 

Das Urteil lautet 18 Monate Haft für Daimler-Testfahrer F. Sie hat sich nicht beirren lassen von allen dreisten Verschleierungsversuchen und der feigen Taktiererei der Verteidigungsführung, hat sich zuletzt nicht einschüchtern lassen von Morddrohungen. Mehr noch, sie hat ihnen den Spiegel vorgehalten.

Schnitt.

Philipp ist vor wenigen Wochen 18 Jahre alt geworden. Er hat es leider nicht mitbekommen. Im Oktober wurde er auf seinem Motorroller von einem jungen Autofahrer mit flottem Fahrstil zu Brei gefahren. Spaß muss sein. Philipp hat Glück gehabt: Er hat überlebt, taucht nicht auf in den Statistiken der verkehrsbedingten Todesopfer. Philipp lag über Monate im Koma. Inzwischen hat er die Augen wieder geöffnet. Er liegt jetzt in einer Spezialklinik für junge Komapatienten. Lauter Fälle wie Philipp, oft noch getoppt durch himmelschreiende soziale Umstände. Anders gesagt: kein Besuch, nichts.

Philipp hat Glück gehabt. Er hat eine Familie, die sich kümmert. Auch um die versicherungstechnischen Dinge. Aber das ist alles nicht so einfach, sagt die Versicherung und sagt die Berufsgenossenschaft. Solange der Unfallverursacher die Aussage verweigert. Der Unfallverursacher ließ Philipps Eltern telefonisch wissen, dass er unter den Folgen des Unfalls leide, sogar therapeutische Betreuung in Anspruch nehmen müsse. Warum er denn die Aussage verweigere, fragten sie ihn im Gegenzug. Sein Anwalt habe ihm das geraten, entgegnete er.

Es kotzt mich an.

So viel zum Thema Rückgrat. So weit der Bogen zum heutigen Raser-Urteil. Es geht nicht um das Fehlverhalten Einzelner, niemand ist davor gefeit. Es geht um die Minimalforderung, wenigstens im nachhinein die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Es geht um den gesellschaftlichen Rahmen, in dem dieses Fehlverhalten hervorgebracht, bisweilen regelrecht gezüchtet, und schließlich als Kavaliersdelikt abgenickt wird. Und es geht auch um konkretes Handeln. Nicht einmal eine Regierung mit grüner Beteiligung hat meines Wissens beispielsweise nur eine Sekunde lang ein generelles Tempolimit auf Autobahnen erwogen, wie es überall sonst auf der Welt Gesetz ist (*). Nein. Spaß muss sein. Und Zeit haben wir auch keine zu verlieren. Wenn die Konjunktur eh schon lahmt, kann man sich nicht noch mit der Automobilindustrie anlegen, dem Aushängeschild und Motor unserer Wirtschaft. Denn schnelle Autos bauen, darin sind wir Weltmeister.

Philipp hat Glück gehabt. Wenn's gut läuft, kann in den nächsten Monaten die Sonde entnommen werden und man kann langsam mit dem Füttern beginnen, sagt seine Logopädin. Und wenn er noch mehr Glück hat, kann er vielleicht irgendwann auch wieder sprechen.

Philipp ist mein Neffe, ich habe ihn letztes Wochenende besucht.

Ich bete für ihn. Zum Beispiel dafür, dass er eines Tages noch mal mit einer Frau zusammen kommen kann. Denn dieser Spaß muss sein.

Anselm Brakhage


(*) Diese Kolumne erschien einen Tag, bevor sich - als Reaktion auf das Urteil - Stimmen aus der Bundestagsfraktion der Grünen mit der Forderung nach einem Tempolimit auf Autobahnen zu Wort meldeten. Bleibt abzuwarten, inwieweit es bei einem Strohfeuer bleibt oder ernsthafte Initiativen folgen.

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