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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 09:11

Dann wieder einen Papageno

02.04.2004


Plädoyer für das Fremde

Von Thomas Rothschild

 

Papageno wünscht sich ein Mädchen oder Weibchen. Sie zu erringen ist ihm jedoch keine Prüfung wert. Ob sie tugendhaft ist und schön - wenn er dafür "selbst den Tod nicht scheuen" soll, bleibt er lieber ledig. Erst als ihm der Priester Sarastros ein Mädchen in Aussicht stellt, "das an Farbe und Kleidung" ihm gleicht, das nicht nur jung und schön ist, sondern auch Papagena heißt, wird er neugierig. Und als sich Papageno und Papagena schließlich gefunden haben, wünschen sich die beiden im Duett "erst einen kleinen Papageno, dann eine kleine Papagena, dann wieder einen Papageno, dann wieder eine Papagena". Das ist "das höchste der Gefühle": sich selbst zu reproduzieren, Kinder als Klone seiner selbst zu zeugen und zu gebären, den Traum des Narziss zu verwirklichen. Nicht das Andere, das Fremde wünscht sich Papageno als Partnerin und als Nachfolger, sondern immer wieder nur sein Ebenbild.

Papageno ist nicht nur der plebejische Hanswurst, als der er gemeinhin gesehen wird, das erdverbunden materialistische Gegenstück zum idealistisch überhöhten Tamino, er ist auch der chauvinistische Spießer, das Modell des Kleinbürgers, der das Fremde, das nicht einmal aussehen muss wie Monostatos, für den Teufel hält, und sich am eigenen Mief berauscht.

Alice Schwarzer bekämpft die Prostitution mit dem Argument, die vielen Ehemänner würden das Verhaltensmuster, das sie sich bei den Huren erkaufen - Ausübung von Herrschaft und Macht gegenüber der im Grunde verachteten Frau -, anschließend gegenüber ihren Frauen daheim verdoppeln. Wenn Übertragungen tatsächlich so einfach und mechanisch funktionieren, wie Alice Schwarzer behauptet, dann muss analog gelten, dass jene Lesben, die ihre sexuelle Vorliebe für Frauen nicht etwa damit begründen, dass sie diese leidenschaftlicher lieben und begehren als Männer, dass sie überhaupt nur Frauen mögen, sondern damit, dass diese sie besser verstehen und befriedigen könnten, weil sie ihnen ähnlicher sind, die mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit, sich auf das Unähnliche einzulassen, auch im Umgang mit anderen Menschen reproduzieren.

Genau das aber ist der Mangel, der unsere Gesellschaft kennzeichnet. Die Fähigkeit, Fremdes zumindest zu ertragen, besser noch: zu genießen und zu lieben, wird nicht mehr trainiert. Die zivilisatorische Anstrengung, anders zu reagieren als die Graugänse von Konrad Lorenz, wird nicht mehr abverlangt. Differenz wird verschleiert, statt positiv aufgeladen zu werden. Distanz wird abgebaut, nicht als lustvoll erfahrbare Wahrnehmung kultiviert.

Wer Shakespeare in ein heutiges Deutsch übersetzt, bringt ihn dem heutigen Theaterbesucher nicht näher, sondern täuscht ihn nur über die Distanz hinweg, die unsere Welt von jener Welt trennt, die Shakespeares Konflikte und Tragödien, seine Konstellationen und komischen Momente bedingte. Wer lernt, diese Distanz produktiv mitzudenken, wer sich einlässt auf jene entfernte Zeit, die Shakespeare so genial auf die Bühne brachte, wird belohnt mit dem Eindringen in jenes ganz Andere, auf dessen Hintergrund dann, vermittelt und bereichert, unser Hier und Jetzt in neuem Licht erscheint und verständlicher wird. Wer hingegen Shakespeare nur begreift als einen anderen Botho Strauß, wie Papageno immer nur einen Papageno und eine Papagena gelten lassen will, bringt sich um die Vielfalt menschlichen Erlebens. Und er ist prädestiniert, auch dem Fremden in der Gegenwart Verständnis zu verweigern. Denn dieses verbindet mit dem historisch Fremden die eine entscheidende Eigenschaft: dass es anders ist als man selbst.

Die vom kulturellen Alltag geforderte ständige Gratwanderung zwischen einer verstaubten Musealität auf der einen Seite und einer hirnlos affirmativen, geschichtslosen, jeder lukrativen Mode hinterherhechelnden Zeitgenossenschaft auf der anderen ist ein akrobatischer Akt, und nicht zu beneiden ist, wer als Kulturpolitiker oder -manager zwischen den Lobbyisten der beiden Fraktionen vermitteln soll. Zu Recht ärgern sich produktive Künstler über das Missverhältnis ihrer Förderung im Vergleich mit den großen Events oder den Staatstheatern. Zu Recht auch befürchten Bibliotheken den Verlust von Erinnerung, wenn die Mittel fehlen, um die Bestände zu vervollständigen. So oder so aber: die Begegnung mit dem Fremden, die Entdeckung unvertrauten Terrains sollte stets Vorzug haben gegenüber der bloßen Hingabe an das Vertraute.

Dem Gegensatz von Einlassung auf das Fremde und dem wohligen Bad im Vertrauten entspricht eine Reihe verwandter Gegensätze: der Gegensatz von Urbanität und Provinzialismus, von Kosmopolitismus und Patriotismus, hinter dem sich oft nur mühsam ein stets zur Aggressivität neigender Nationalismus verbirgt, von Wahlverwandtschaft und Familienkult, von Skeptizismus schließlich und Glauben. Und es hat seine innere Logik, dass mit der Zunahme von Fremdenfeindlichkeit eine Aufwertung von Provinzialismus, Patriotismus, Familie und Glauben einher geht. Die Großstadt mit ihrer Anonymität, ihrem Überraschungspotential, ihrer Dynamik; die Vielfalt der Kulturen mit ihren irritierenden Regelmechanismen, die von den daheim erworbenen abweichen; die aktive Zuneigung und Hinwendung zu Menschen, an die man nicht durch den Zufall der Verwandtschaft, gar durch den Mythos des Blutes gebunden ist; die Bereitschaft, scheinbare Sicherheiten in Zweifel zu ziehen, Unerklärtes ohne metaphysische Hilfskonstruktionen auszuhalten - all dies erfordert Energie. Die mit der Provinz, der Heimat, der Familie und dem Glauben (man kann all das auch "westliche Zivilisation" nennen) verknüpften Rituale hingegen kommen einer verbreiteten Faulheit des Denkens und des Handelns entgegen.

Diese Faulheit hat Konjunktur. Die Welt ist voll von Papagenos, die sich nichts sehnlicher wünschen als einen kleinen Papageno, dann eine kleine Papagena, dann wieder einen Papageno...

Thomas Rothschild

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