Pax provincialis
12.04.2004
Von Christoph Pollmann
In der Ferne ein Kernkraftwerk. Eine Wolke steigt aus mächtigen Schloten in den klaren, unendlichen Frühlingshimmel: Sonntag in Deutschlands Provinzen. Friede allen Hütten, allen Amtsstuben, allen Vereinsheimen ewiger Friede!
Im Spiel Gramschatz gegen Lebersdorf steht es steht es mittlerweile 0:1.
Torwartpatzer. Überschüttet vom olympischen Schimpf der Zuschauer steht er da, der Krieger. Zielscheibe allen Hohns, der aus biersauren Schlünden an sein Ohr dringt und sich unvergessen in seinem Nacken verbeißt. Doch bald wieder bezieht der Torhüter nibelungengetreu seinen Posten zwischen den Pfosten. Großvaters Stimme raunt dunkel aus der Schädeltiefe: Stalingrad, Verdun. Das wird ihm nicht noch einmal passieren!
Man bedenke: Vor uns steht das größte Amokvolk der Geschichte, doch nicht mehr rot färben sich die Uniformen und kein Todesschrei dringt aus dem engen Landserkragen mehr. Jetzt riecht die Wehrmacht nach Gras und Acker. Und geht sie vom Kampfplatz, dann schlagen sich die Mannen kurz die Erdkrume aus den Sohlen, verschwinden totenstill in die Duschräume, wo sie sich demütig vom Metzgermeister standbepauken lassen. Der hat ja inzwischen den Trainerschein gemacht.
Draußen steigen Gott die Bratwurstbrandopfer in die Nase. An der schäumenden Fasstränke kommen seine deutschen Schafe zur Halbzeitruhe. Der Dorfkrüppel turnt auf orthopädischen Schuhen herzu und will mehr Senf, während die Dorfschöne noch am Spielfeldrand weilt und sinnt. Ihr Lockenzauber flunkert rotgülden herüber. Auf dem leeren Platz, unmittelbar vor ihren unerlösten Augen, übt der juvenile Held – ganzer Stolz des Fleckens – geduldig seine Ballkunst, derweil die Kinder des Dorfes die vielen verschossenen Lederkugeln aus dem Weiher fischen. Es sind die Kanonenkugeln des Friedens! Doch sie wissen noch nicht darum.
Ein Alter geht mit einem kleinen Sarg umher und treibt den Eintritt für die großsportliche Hanswurstiade ein. Am deutschen Gemüt der Weltfried´ erblüht, möchte man jetzt ausrufen. Deutsche Sinnesart, ja ja...
Die Pause ist vorüber, der zweite Akt beginnt. Mann um Mann erstürmt das Feld. Bald schon rast das Leder durch die Sphären. Und eine junge Sonne überglänzt heiter die utopische Szene. Wieder singt der Chor: „Hau halt mal drauf, Mensch du!“ und „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ Stimmen ebben und fluten durch die Lande, weit hinaus von Dorf zu Dorf, durch Unterland und Oberland. Alle Provinzen heben nun an.
Hört ihr, Bürger der Welt, jenes friedsame Grölen? Hört ihr, Menschen aller Erdteile, auch das erlösende Bäuerchen zwischendurch, den Vorklang von Schlaraffia? Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, hieß es einst. Wir aber erwidern mit dicker Brust: Das Leben ist ein Metzger aus Gramschatz, der den Trainerschein gemacht hat!
Christoph Pollmann
P.S.: Das Spiel endete übrigens 1:1 durch ein Eigentor des Lebersdorfer Verteidigers Bollmann in der letzten Minute.