Der Querulant und der Sadist
24.05.2004
Wie ich mir im Kopfkino einen Kriminalfilm zurechtinszeniere
Von Wolfram Schütte
Ich gehöre nicht zu den sonntäglichen „Tatort“-Süchtigen, auch andere der zahlreichen, ja kaum noch überschaubaren Krimi-Serien in allen TV-Programmen haben mein Interesse nicht. Ebenso wenig kann ich heute ein literarisches Vergnügen an der Lektüre von Kriminalromanen finden, und um neue Romane und Erzählungen mache ich einen Bogen, wenn mir schon der Klappentext „kriminalistische Spannung“ verspricht, was kaum noch einem Buch nicht nachgesagt wird, weil die Werbetexter offenbar nur im Versprechen auf Crime & Suspense Absatzchancen auch für Bücher sehen, die im engeren Sinne mit dem ehrenwerten literarischen Genre nichts zu tun haben.
Selbst Umberto Ecos Mittelalter-Krimi für Gebildete, „Im Namen der Rose“, der eine zeitlang unter Intellektuellen, die up-to-date sein wollten, unvermeidlicher Gesprächsgegenstand war, habe ich nicht gelesen; aber doch eher widerwillig geduldet, dass mir ein begeisterter Kollege während eines Spaziergangs dessen Handlung referiert hat.
Ich erwähne das alles nicht, um mich einer snobistischen Abneigung zu rühmen oder mich über Liebhaber des Kriminalromans, deren berühmte Autoren mir namentlich durchaus geläufig sind, naserümpfend zu erheben. Ganz im Gegenteil. Ich will eher von einem „Kriminalroman“ berichten, der mich auf Anhieb elektrisiert hat – als hätte ich ihn gelesen und habe ihn doch nur selbst ausphantasiert. Ich warte auf seine Verfilmung; obwohl ich sie mir doch schon selbst in meinem Kopfkino vorgeführt habe. Denn hier, scheint mir, hat „das Leben“ einen Stoff so vorformuliert, dass man von einem perfekten Drehbuch sprechen könnte, für das nur noch ein Regisseur gewonnen werden müsste, um ihn in seiner Vieldeutigkeit uns vor Augen zu stellen. Claude Chabrol wäre der richtige dafür.
Auf den Regisseur der kriminellen Geheimnisse der ländlichen Bourgeoise kommen ich, weil die Geschichte in Auxerre, in der tiefsten & langweiligsten Provinz in Frankreich spielt. Erzählt hat sie kürzlich Gerd Kröncke, der Pariser Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, am 5. 4. 2004 unter dem wunderbaren Titel „Das Vermächtnis des toten Gendarmen“. Der kleine 4-Spalter der SZ ist ein journalistisches Meisterstück, weil Kröncke – von dem ich annehme, dass er Chabrols Filme nicht unbesichtigt gelassen hat – den Fall „mit dem Hautgout des Skandals“ klassisch aufbaut und ebenso klassisch entwickelt und zuletzt offen lässt. Eigentlich müsste ich jetzt den ganzen Artikel zitieren, aber mich interessieren seine elektrifizierenden Motive.
Der SZ-Reporter beginnt mit dem Friedhof, als dem Ausgangspunkt einer großen Rückblende. Auf dem Friedhof von Auxerre im Departement Yonne sind jetzt die sterblichen Überreste des Gendarmen Christian Lambert exhumiert worden. Weil er die Trennung von seiner Gefährtin nicht verwunden habe, berichtet Kröncke, sei der Gendarm – also aus Liebes- & Verlassenheitskummer – in Depressionen verfallen und habe sich am 4. August 1997 in seiner Garage mit seinem Karabiner selbst erschossen. Ein trauriges, aber nicht ganz ungewöhnliches Ereignis, wenn einem ein Karabiner zur Verfügung steht. Selbstverständlich musste die Staatsanwaltschaft diesem Dienstvergehen in Tateinheit mit der erwähnten tödlichen Folge nachgehen. Sie kam auf das Motiv und die Tat, kombinierte beide und befand, dass es sich „ohne jeden Zweifel“ um Selbstmord handelte. Nun aber, fast sieben Jahre später, schreibt Kröncke, „gibt es fast Gewissheit...: Der Gendarm wurde ermordet. Ein Mörder wird gesucht“.
Es war seine Tochter Isabelle, die nie an die Depression mit Todesfolge ihres pensionierten Vaters geglaubt und jahrelang für eine neue Untersuchung seiner Todesumstände gekämpft hatte. Jetzt endlich kam es zur Exhumierung. Ihr Ergebnis: der Kopf des Toten wies zwei Einschusslöcher auf, von denen jedes für sich zum sofortigen Tod geführt hätte. Ein Projektil war durch den Mund, das andere durch die Schläfe ins Gehirn gedrungen. Dergleichen Schussakrobatik, erst recht mit der Umständlichkeit eines Karabiners, ist keinem lebenden Menschen allein zuzutrauen, am wenigsten einem Provinzgendarmen aus Auxerre.
Wenn es Mord war, wer war dann aber der Mörder von Christian Lambert?
Hier muss, um die Spannung zu steigern und einen entscheidenden Schritt weiter zu gehen, der deutsche Reporter des französischen Provinz-Mordfalls einen neuen Absatz beginnen. „Vorigen Monat“ schreibt er (und ein Regisseur hätte das Kommende zeitgleich in Parallelmontage mit der Obduktion und dem abschließenden Befund über den Ermordeten montiert), „wurde der 70-jährige Emile Louis aus Auxerre zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er seine Frau und seine Tochter vergewaltigt und gefoltert hatte“. Ein gewiss außerordentliches Verbrechen, wenn man sich den Satz in allen Einzelheiten noch einmal vergegenwärtigt. Das wäre fast ein Film für sich speziell in Ansehung des Alters des Verbrechers und seiner familiären Tätlichkeiten. „Aber der wichtigere Prozess steht noch bevor“, überführt Kröncke den semantischen Paukenschlag in einen fortwährenden Trommelwirbel, denn: „Louis steht im Verdacht, in den Siebzigerjahren sieben junge Frauen umgebracht zu haben“. (Mit dem alliterierenden Zahlenspiel: 70-jähriger, 70-iger Jahre, 7 Frauen könnte ein Filmregisseur jedoch leider nichts anfangen, hier gehört es zur Schwarzen Magie der Poesie des Lebens. )
Die meisten der sieben Vermissten, berichtet Kröncke, „waren leicht behindert und tagsüber in sozialen Einrichtungen untergebracht. Den Busfahrer Louis kannten sie alle, er brachte sie regelmäßig zur Tagungsstätte“ – bis sie verschwanden, aber ihr rätselhaftes Verschwinden im Laufe der Zeit vergessen hat, ohne dass man die Rätsel ihres spurlosen Verschwindens gelöst hätte. Ein zweiter unheimlicher Motivkomplex: Massen- & Serienmord an behinderten jungen Frauen: was wird mit ihnen geschehen sein und warum wurden sie vergessen?
Aber was hatte nun der exhumierte Christian Lambert mit Emil Louis und den „Verschwundenen von Yonne“ zu tun? „Nur der Gendarm Christian Lambert“, schreibt Kröncke, „hatte jahrelang die Spuren der vermissten Frauen verfolgt“ und „1984 einen Bericht vorgelegt, in dem alle Indizien gegen Emile Louis zusammengetragen waren“. Das ist ein weiteres, bekanntes Kriminalfall-Motiv: mutmaßlicher Täter und Verfolger leben auf engstem Raum zusammen, kennen einander und jeder weiß vom anderen, dass der weiß, was er weiß. Warum ist aber aus den gesammelten Recherchen des Gendarmen nichts geworden? „Aus Gründen, die mysteriös bleiben“, berichtet Kröncke, „versagten nacheinander vier Staatsanwälte, keiner leitete ein Verfahren ein“ – was aus dem ohnehin schon erstaunlichen Kriminalfall einen Justizskandal macht, der aber keiner wurde, obwohl er ja größere Kreise (einbe)zog. Die höhere Bourgeoisie der Honorablen, die in der französischen Provinz noch residiert und regiert wie bei uns im 19.Jahrhundert, erweiterte den Kreis der Verdächtigen, die Schweigen und Untätigkeit bewahrten und den Mörder unter sich unbehelligt leben ließ.
Der Report des Christian Lambert verschwand im Laufe der Zeit, die ins Land Yonne ging – nicht aber das Rechtsbewusstsein des kleinen Gendarmen. Ihm hing inzwischen der Ruf eines Querulanten an, weil ihn sowohl die Untätigkeit seiner Oberen als auch die Freiheit des mutmaßlichen Täters nicht ruhen ließ. „Stur und unbeeindruckt ermittelte er weiter“, schreibt der deutsche Journalist, und man kann sich gut die Verbissenheit, Wut und Isolation, aber auch die kleinen Triumphe der Erkenntnis vorstellen, die der stöbernde & kombinierende Gendarm gewann – aber auch die Einsamkeit dieses „Rächers der Hinterbliebenen“ von sieben jungen Frauen, deren Verschwinden keinen mehr in der Provinzgesellschaft interessierte, nachdem die Serie beendet war. Der „Querulant“, der wohl auch seinen Kollegen und erst recht seinen Vorgesetzten auf die Nerven ging – hier wäre der Filmregisseur gut beraten, wenn er seinen Gendarmen durchaus verbohrt, übellaunig und unsympathisch darstellte, denn „auch der Hass auf die Niedrigkeit verzerrt die Züge“ (Brecht) – wurde erst versetzt und dann pensioniert; aber er ließ auch als Pensionär außer Dienst nicht locker mit seiner Spurensuche nach weiteren Indizien für die Überführung des mutmaßlichen Täters.
Wenige Tage, bevor er seine vollständig gesammelten Erkenntnisse 1997 (womit die fatale 7 wieder auftaucht) endlich erneut einem Richter vortragen wollte, fand man seine Leiche samt Karabiner und zwei Kopfschüssen in seiner Garage – und diesmal war die Staatsanwaltschaft schnell bei der Hand, mit dem Befund seines Selbstmordes die Akte des querulatorischen Gendarmen zu schließen. Christian Lamberts abschließender Bericht einer über Jahrzehnte hinweg geschmiedeten Indizienkette, ist aber erhalten geblieben. Das durch die Exhumierung zutage gekommene Missing link seiner Ermordung schließt nun den letzten Kreis zu seinem kriminologischen Vermächtnis, in dem wohl der Sinn seines Gendarmenlebens während seiner letzten Jahrzehnte bestand, denn es dient nun als Grundlage für die Anklage gegen den 70jährigen Emile Louis. Der Prozess soll Ende des Jahres beginnen: gegen einen mutmaßlich achtfachen Mörder.
Was mich an diesem von Gerd Kröncke referierten Kriminalfall elektrisiert, ist nicht so sehr seine Ausweitung zum Justizskandal, sondern vielmehr, dass er gleichsam das kriminelle Pandämonium der französischen Provinz, das Claude Chabrol zum Sujet seiner fiktiven Filme der Siebziger & Achtziger Jahre gemacht hatte, durch das „wirkliche Leben“ als Realphänomen ratifiziert. Dann: die fast paradigmatische Häufung kriminalistische Motive, die der Fall auskristallisiert hat mitsamt der Dramaturgie seiner Entwicklung und der Tatsache, dass der Rechercheur und sein Verdächtiger über Jahrzehnte hin gewissermaßen in Augenkontakt waren und erst das exzentrische familiäre Verbrechen von Emile Louis die Indizien, welche Christian Lambert gesammelt hatte, „schlüssig“ werden ließ. Schließlich aber ist es die psychische und moralische Energie, mit der hier ein Einzelner, der ganz unten in der Hierarchie der Polizeibeamten stand und dort auch geblieben ist, über Jahrzehnte hinweg gegen „ein Meer von Plagen“ und den „Übermut der Ämter“ (wie es in Hamlets Abwägen über Sein und Nichtsein heißt) der Gerechtigkeit nicht den Königs-, sondern den Armenweg bereitet hat: – das hat mich an diesem Kriminalfall und Justizskandal elektrisiert. Zuletzt aber: dass der Fall bis heute unabgeschlossen ist, also aufs Unheimlichste fortschwelt. Denn die Leichen der sieben verschwundenen Opfer sind bis heute nicht gefunden worden. Was ist mit ihnen geschehen?
Kröncke zieht, gewissermaßen in einer Coda seines kleinen, dichten Erzähl-Allegros, noch Parallelen zu dem belgischen Fall Dutroux. So habe es auch in Auxerre Gerüchte über Orgien und Sex-Ringe gegeben, bei denen „honorige Bürger, Würdenträger und Politiker an sadomasochistischen Exzessen mit jungen Frauen aus Behinderten-Einrichtungen beteiligt“ gewesen seien. Aber das ist nur eine „klimatische“ Beschreibung von „Sex in the Country“, eine Verbindung mit Emile Louis sieht Kröncke nicht. Aber der Komplex sexuelle Ausbeutung von jungen, offenbar geistes-behinderten Frauen, deren Debilität sie ebenso schutzlos wie unglaubwürdig, bzw. willenlos macht, tauchte als Motiv auch kürzlich in Ulrich Seidls Wiener Vorstadt-Höllen-Film „Hundstage“ auf. Möglich, dass für alle Dunkelziffern ausgeübter sexueller Gewalt hier der bislang am geringsten durchleuchtete Kriminalitätsraum sich ausbreitet.
Wolfram Schütte
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