Die Rückkehr der großen Erzählungen
06.06.2004
Oder: Der ewige Wagner in uns
Von Christoph Pollmann
Die letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts propagierten das Ende der Geschichte und der großen Geschichten. Es war kein Platz mehr für die Idee eines reißenden Zeitstromes, der vom Telos getrieben irgendwann in ein Meer der Glückseligkeit münden würde. Nein, man stellte sich vor, die Geschichte sei wie eine überschwemmte Wiese, in der es hier und da zwar mal quakte, ansonsten aber alles nur hin- und herschwappte...
Aus, vorbei! Das Idyll eines müden Geschichtsbiotops ist nun letztgültig trockengelegt. Das Wasser fließt aus den Poldern zurück in einen wilden Strom großer Menschheitsstorys: Kreuzzüge, heilige Kriege, Wirtschaftskriege, Völkermorde, Völkerwanderungen, Kolonialisierungen, Bildung neuer Imperien, Babylonisierung, kosmische Eroberungszüge, Apokalypsensehnsucht – die Welt der Oper, die Oper der Welt! Es regieren die neuen Nibelungen: Emmerich zerstört zum dritten Mal New York, Petersen macht aus Brad Pitt Achilles und schraubt solcherart Gegenwart und Mythos ineinander. Nun können die naiven Erzählströme wieder fließen, die Adoleszenz greift uns frisch in den Schritt!
Tut uns leid, Theodor Wiesengrund, wir haben´s nicht geschafft. Dein Schwert, die negative Dialektik, ist uns in den Händen stumpf geworden, kaum dass du es fertiggeschmiedet hast. Vergessen sind Kant, der Königsberger Kauz und Lessing, der lamentierende Lehrkörper. Warum nur? Sie wollten Aufklärung, wir jedoch die Dunkelheit eines Kinosaales. Sie wollten uns die Mechanismen der Weltläufte aufzeigen, wir wollen vom Plot überrascht werden.
Dabei gibt es in der Erzählindustrie gar keine Überraschung mehr, denn wir bekommen seit Jahrzehnten schon die selbe Schonkost serviert: Ablenkung. Gut, das ist an sich nichts Neues - es ist die Dimension, die einen schauern lässt. Denn die Rückkehr der großen Erzählungen ist total. Sie wird als Weltepos inszeniert zur totalsten Kunst. Nicht umsonst sprach Stockhausen am 11. September von einem radikalen Kunstwerk – und er hat in einem fatalen Sinne ja Recht...
Die Religionen bieten schließlich die Drehbücher, in die das alles passen mag, haben sie doch mit dem jüngsten Gericht die letztmögliche Katastrophe der Menschheit parat. Unversehens gerät die Erzählindustrie so zum Geburtshelfer neuer Religiosität. Wenn der Selbstmordterror uns schließlich an der Haustüre abholt, dann werden auch wir (es) zu glauben beginnen. Leise wird´s in uns raunen: „Die Welt hat ein Ziel, es ist uns offenbart!“
Ja, der Durst nach Helden, nach monumentalem Film ist groß in dieser Zeit. Das war vor sechzig Jahren schon mal so. Damals hieß der Feind Bolschewismus. Der predigte Antireligion und Kulturrevolution. Geantwortet wurde mit Bibelfilmen und Mythologie. Daraufhin ist die Sowjetunion leise implodiert. Heute antworten wir auf laut explodierenden Fanatismus mit computeranimierter Weltuntergangskunst. Es lebe der ewige Wagner in uns!
Christoph Pollmann
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