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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 09:17

Fragen anlässlich des 17. Juni

14.06.2004

Die verblüffend einheitliche Rhetorik der Medien zum neu erwachten Bewusstsein über den 17. Juni gibt doch Anlass zu einigen Fragen, die in der Euphorie des neuen Konsens offenbar niemand stellen mag

Von Thomas Rothschild

 

Einverstanden. Machen wir den 17. Juni zum deutschen Nationalfeiertag, an dem eines Volksaufstands gegen ein unmenschliches autoritäres Regime gedacht wird, der von den sowjetischen Panzern brutal niedergewalzt wurde wie 1956 der Aufstand in Ungarn, wie 1968 das sozialistische Experiment des Prager Frühlings.

Es ist gut, wenn mit Geschichtsfälschungen aufgeräumt wird, die den Kalten Krieg, die DDR und die Sowjetunion überlebt haben. Aber die verblüffend einheitliche Rhetorik der Medien zum neu erwachten Bewusstsein über den 17. Juni gibt doch Anlass zu einigen Fragen, die in der Euphorie des neuen Konsens offenbar niemand stellen mag.

Warum hat es in Deutschland in den Jahren von 1933 bis 1945 keinen Aufstand gegen die nationalsozialistische Diktatur gegeben, der vergleichbar wäre jenem, der nur acht Jahre nach deren Ende, fünf Jahre nach Gründung der DDR gegen die kommunistische Diktatur möglich war? War den Deutschen der Nationalsozialismus, anders als der Kommunismus, kein Terrorregime, das es zu bekämpfen gegolten hätte? Oder wäre ein Aufstand wie der vom 17. Juni gegen Hitler so viel gefährlicher gewesen, als er es gegen die DDR-Regierenden und deren Beschützer in Moskau war? Müsste dann ein Nationalfeiertag nicht des ausgebliebenen Aufstands gegen diese schrecklichere Diktatur und der dadurch geforderten Opfer innerhalb und außerhalb Deutschlands gedenken?

In den vergangenen fünfzehn Jahren haben wir erfahren, dass sich Diktaturen beseitigen lassen, wenn das Volk es nur wirklich will, und zwar - wenn man von Rumänien absieht - sogar ohne Tyrannenmord. Die Diktaturen in Ost- und Südosteuropa wurden auf diese Weise bezwungen. Der Nationalsozialismus in Deutschland wurde von außen beendet.
Was bedeutet dieser Unterschied?

Version 1:
Der immer wieder bemühte Vergleich von kommunistischer und nationalsozialistischer Diktatur ist Nonsens. Jene Diktaturen, die sich - übrigens zu Unrecht - kommunistisch nannten, waren im Vergleich zum Nationalsozialismus so "liberal", dass sie, im Gegensatz zu diesem, ihre Selbstvernichtung durch das Volk ermöglichten.

Version 2:
Die Beseitigung einer Diktatur durch das Volk lässt sich verhindern, indem man einen Krieg beginnt, der, selbst in der Phase der Niederlagen, das Volk so sehr zusammenschweißt, dass es, im scheinbar nationalen Interesse, die Diktatur unterstützt. Das würde erklären, warum Jugoslawiens Milo¨ević so viel länger an der Macht bleiben konnte als die Diktatoren Osteuropas.

Version 3:
Die Deutschen haben in ihrer Mehrheit den Nationalsozialismus bis zum Ende gewollt, haben jedenfalls - anders als die Völker, die kommunistische Diktaturen wegfegten - keine Anstalten gemacht, die nationalsozialistischen Machthaber zu stürzen. Sie waren eher bereit, Krieg, zunehmendes Elend, das völlige Fehlen jeglicher demokratischer Einrichtungen wie Parteienvielfalt, freie Rede, freie Presse oder Versammlungsfreiheit und die systematische Vernichtung von Regimegegnern, Zigeunern und Juden sowieso, zumindest zu akzeptieren, als auf die Straße zu gehen, um vorwegzunehmen, was am 17. Juni in Berlin geschah und was in den vergangenen fünfzehn Jahren die Diktaturen Ost- und Südosteuropas zu Fall gebracht hat.

Welche Version auch zutreffen mag, so oder so: einen Beleg für den Mut der Deutschen vor Herrscherthronen wird man daraus nicht konstruieren können. Warum kommen solche Überlegungen nicht zur Sprache, wenn vom 17. Juni die Rede ist? Voll Bewunderung vermerkte ein Fernsehkommentator, dass ein Volk, das eben noch in seiner Mehrheit eine Diktatur unterstützt hatte, sich nunmehr, am 17. Juni, gegen eine andere Diktatur gewehrt hat. Als ob sich das nur als Beweis einer Läuterung interpretieren ließe und nicht auch als logische Konsequenz ein und derselben Haltung. Der Versuch, den Aufstand vom 17. Juni zu einem faschistischen Putsch umzustilisieren, war ohne Zweifel eine Propagandalüge der DDR-Führung und ihrer Nachbeter im Westen. Aber dass der Nationalsozialismus in vielen Köpfen so kurz nach dessen Niederlage und, wie wir erkennen mussten, sogar noch fünfzig Jahre danach weiterlebte, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Dass dies beim Aufstand vom 17. Juni keine Rolle gespielt habe, dass man davon heute nicht reden müsse, wird nur glaubhaft machen können, wer die hier gestellten Fragen, die Frage vor allem nach dem ausgebliebenen Aufstand gegen die NS-Diktatur, triftig beantwortet.

Wenn die Antwort ausbleibt, stolpern wir von der einen Geschichtsklitterung in die andere. Wer den Aufständischen vom 17. Juni Mut attestiert, Bewunderung zollt und nicht zugleich nach den Gründen der Mutlosigkeit oder der Mitschuld in den zwölf Jahren kurz davor fragt, gleicht den einseitigen Geschichtsinterpreten der DDR aufs Haar. Und arbeitet jenen in die Hände, die ohnedies bagatellisieren, was die DDR und die Teilung Deutschlands erst ermöglicht hat.

Thomas Rothschild

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