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Spiegelbild

28.06.2004

oder:

Jedes Land hat den Fußball, den es verdient

Von Anselm Brakhage

 

Deutschlands Fußball-Nationalmannschaft ist in der Vorrunde ausgeschieden. Deshalb müssen wir nicht den nationalen Notstand ausrufen, und wir ersparen uns hier auch mal alle fußball-spezifischen Analysen, Erklärungsversuche und Verbesserungsvorschläge. Versuchen wir eine Einordnung ins gesamtgesellschaftliche Geschehen.

Es ist viel von den Straßenfußballern die Rede, die wir nicht mehr haben. Was heißt das? Sich bedingungslos ausleben im Spiel, sich mit allem, was man hat, einzubringen, alles in sein Spiel zu projezieren, die Wut, die Lust, die Verspieltheit, den Ehrgeiz, die Ideen; das innere Feuer in gesunde Aggressivität umsetzen (und nicht nach Fehlern in Frustration umschlagen zu lassen); Erfüllung suchen in einem gelungenen Schuss, Trick, Pass... den Hunger nach Glück, den Lebenshunger im Spiel zu befriedigen, das macht für mich den Straßenfußballer aus.

Unsere jungen Nachwuchskicker werden von ihren Müttern im Zweitwagen zum Training gefahren. Sie tragen Fußballschuhe, die 100 – 150 Euro kosten. Von mir aus. Und wenn sie sie nicht tragen, dann wollen sie sie zumindest. Auch noch okay. Aber wenn dieser Wunsch größer ist als der Wille das nächste Spiel zu gewinnen, dann ist was aus dem Ruder gelaufen. Ich habe allwöchentlich das Vergnügen, dem Jugendfußball beizuwohnen. Stars wollen sie alle sein. Aber wenn’s nicht läuft, war’s der Schiedsrichter, der Platz, die falschen Schuhe. Dass man sich für den gewünschten Erfolg gelegentlich auch anstrengen muss, kommt den wenigsten in den Sinn. Wenn’s anfängt mühsam zu werden, weicht man lieber doch schnell aus auf die bequeme Zerstreuung - überall und jederzeit zu haben.

Und genau so sieht das Spiel unserer Nationalmannschaft aus: freudlos, risikolos, verkopft, ängstlich auf Sicherheit bedacht, ohne Temperament, ohne die letzte Leidenschaft, ohne das innere Feuer - satt eben, wie nach einem üppigen Mahl. Und vor lauter Sattheit geht uns die Lebenslust flöten.

Unsere kids sind nicht besser oder schlechter als früher oder anderswo. Man kann ihnen keinen Vorwurf machen, genauso wenig wie unseren Spielern bei der EM. Die wollten zweifelsfrei besser spielen, aber sie können nicht raus aus ihrer Haut. Sie sind Kinder unserer Gesellschaft, und diese Gesellschaft hat eine maßlose Konsum- und Anspruchshaltung produziert – bei Kindern und Erwachsenen ebenso.

Natürlich ist das kein rein deutsches Phänomen, aber irgendwie erfährt es hierzulande doch eine besondere Blüte. Ruud van Nistelrooy äußerte unlängst im Interview, wie dankbar und ungläubig er auf seine persönliche Erfolgsstory blickt, dass er sein Glück kaum fassen kann, Woche für Woche die Fans mit seinen Toren verzücken zu dürfen; er nimmt es auch nach Jahren noch nicht als Selbstverständlichkeit. Und das war auch seiner Freude nach dem gewonnen Elfmeterschießen anzusehen.

Wir wurden vor zwei Jahren auf denkbar unspektakuläre, glanzlose und glückliche Weise Vizeweltmeister. Was passierte dann? Man nahm es nicht als Geschenk des Himmels, sondern verkündete am Tag des großen Empfangs vollmundig: Und in vier Jahren werden wir Weltmeister ! Wir waren über lange Jahre eine große Fußballnation und leiten daraus wie selbstverständlich ab, dass das auch für alle Zeiten so sein muss. Als hätten wir einen Anspruch darauf.
Auch sonst: wirtschaftlich ging es uns jahrzehntelang blendend, also hat das die nächsten Jahrzehnte gefälligst so weiter zu gehen. Bei kleinen Abstrichen schreien, klagen, jammern wir. Anspruchshaltung pur. Wir haben uns an unsere Urlaubsreisen gewöhnt, immer weiter, immer öfter. Hey, das ist klasse, ja. Aber es ist Luxus pur. Das haben wir vergessen. Wir sollten uns darüber freuen, wenn es möglich ist. Aber wir haben kein Recht, uns zu beklagen, wenn es nicht möglich ist.

Vielleicht war Van Nistelrooy auch ein schlecht gewähltes Beispiel, nur weil er einen Satz gesagt hat, der mir gefällt. Vielleicht hat ihm nur sein PR-Berater den Satz eingeflüstert, weil er gerade ein Marketing-Konzept fährt, das auf Bescheidenheit setzt.
Wie auch immer: ich bleibe dabei: Es ist kein Zufall und auch nicht primär das Ergebnis eines bestimmten Spielsystems, eines zu gutmütigen Trainers oder der falschen Aufstellung, dass die deutsche Mannschaft genau den Fußball gespielt hat, den sie gespielt hat. Diese freudlose verkrampfte Art, Fußball zu spielen, ist Spiegelbild unserer verwöhnten übersättigten Gesellschaft.

Anselm Brakhage

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