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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 09:19

Zum Tod von Lothar Baier

14.07.2004

Enfant perdu

Von Wolfram Schütte

 


Zuletzt sollte er in der Werkausgabe Jean Améry dessen beide große Essays „Über das Altern“ und „Hand an sich legen“ herausgeben. Nun erfahren wir, dass Lothar Baier in Montreal selbst „Hand an sich gelegt“ und den „Freitod“ gewählt hat.
Nein, disponiert dazu war Lothar, im Gegensatz zu Jean Améry (der früh schon mit diesem Gedanken Umgang hatte), gewiss nicht. Aber dass er jetzt dem von ihm ebenso sehr geschätzten wie bewunderten Essayisten und Romancier auf dem „Weg ins Freie“ (Schnitzler) gefolgt ist, weist (für mich) auf eine verwandte existentielle, geistespolitische Situation hin, die dem ersten „Jean Améry“-Preisträger (1985) nun alle weiteren Lebenswege ungehbar zu machen schien. Er hatte sich gegen den „Zeitgeist“ gestellt, an einer Linken, die – weil nie parteipolitisch gebunden – festgehalten, wie schmal auch für sein sowohl aufklärerisch-humanes wie literarisch-moralisches „Engagement“ der Boden auch zunehmend wurde.

„Heimatlos“, wie man sie in den Fünfziger/Sechziger Jahren nannte, war diese undogmatische Linke, der er sich zugehörig wusste und fühlte, für den 1942 in Karlsruhe geborenen Studenten der Germanistik, Philosophie und Soziologie und späteren Kulturjournalisten, Essayisten und Übersetzer nicht – weil er (wie der viel ältere Auschwitzhäftling Améry) jenseits der deutschen Misere in der geistigen und politischen Militanz Jean-Paul Sartres eine intellektuelle Heimat und eine sich immer wieder „engagierende“, eingreifende Instanz gefunden hatte, die er – zusammen mit dem Freund und Sartre-Übersetzer Traugott König – auch noch gegen die Angriffe der neuen „Meisterdenker“ auf den Alten vom Montparnasse verteidigte, als längst die sogenannten „Neuen Philosophen“ bei uns en vogue waren. Lothar Baier lief aber nie über, machte keine Kompromisse mit den Wendigkeiten des „Zeitgeistes“, der die deutsche außerparlamentarische Linke grün-rosa integrationsbereit zeigte. In dem englischen Schriftsteller und Essayisten John Berger, der in Savoyen lebt, sah er wie in Jorge Semprun, dem Spanier in Frankreich, immer noch existente, große intellektuelle und moralische Biographien, die beispielhaft erstritten, gelebt und qua Person und Oeuvre erhalten wurden – gegen die Erosionen der Zeit. Daran konnte man sich orientieren.

Die französische Kultur, Philosophie und Literatur – dort vor allem Paul Nizon, aber auch den Julien Benda des „Verrats der Intellektuellen“, den er neu edierte – war für Lothar Baier (und wieder ganz ähnlich wie für Jean Améry) der intellektuelle und moralische Gradmesser für den Zustand der sozialen und geistigen Welt. Wie kein zweiter nachgeborener deutscher Intellektueller war Lothar Baier darin zuhause, wenngleich er seine immer durchgehaltene, leidenschaftliche, jedoch dem Pathos fremde Distanz auch in seiner geistigen Wahlheimat nicht aufgab, wie seine ebenso informativen wie höchst kritischen Bücher über „Französische Zustände“ (1982) und die „Firma Frankreich“ (1988) und seine historische Recherche nach den brutal von der Kirche und dem französischen Königtum ausgelöschten Katharern brillant bewiesen.
Es gab wohl auch bei Lothar Baier in den Achtziger und erst recht später in den Neunziger Jahren die Hoffnung, die wohl eher eine illusionäre Utopie war, sich selbst den deutschen Zuständen, die er bei vielen seiner Weg- und Altersgenossen und vielen Freunden sich „opportunistisch“ durchsetzen sah, ganz zu entziehen und von einer materiell-ideellen Fortexistenz in Frankreich zu träumen. Dabei war sein Experiment, wie John Berger in Savoyen, sich an der Ardèche in einem selbst mitumgebauten Bauernhaus niederzulassen, gründlich gescheitert. Aber das wieder vereinigte Deutschland nach 1989 und sein Drang, auf der Weltbühne aufzutreten, war ihm zunehmend fremd, wenn nicht gar abstoßend geworden – und seine unzeitgemäße Parteinahme für das alte Jugoslawien, das sich nationalistisch zersetzte und ethnisch „säuberte“, sah ihn eher vorsichtig an der Seite des Serbenverteidigers Peter Handke. Es machte aber einen Unterschied ums Ganze, Baier als Besucher in Alexandar Tismas Novi Sad zu sehen, statt wie Handke schwärmerisch auf dem Belgrader Bauernmarkt.

Wenn jetzt Jürgen Busche in der TAZ mit Noblesse dem einstigen politischen Gegner nachruft, Lothar Baier sei zuletzt „aus der Welt gefallen“, trifft er eine Entwicklung, die Baier genommen hatte, nachdem ihn in Deutschland, wo er von den Siebziger bis zu Beginn der Neunziger Jahre ein viel gedruckter und präsenter Kommentator, Essayist und Rezensent gewesen war, kaum noch jemand nach seiner Meinung zu den laufenden Ereignissen fragte. Gerechterweise muss man aber auch erwähnen, dass er nicht nur zunehmend verbittert und ohne Streitlust, sondern auch desinteressiert auf die heimische Szene blickte, seit er nach einer von Thomas Steinfeld vermittelten Gastprofessur in Montreal im frankophonen Kanada noch einmal neu Fuß zu fassen hoffte.

Der „Alteuropäer“, der er war und der mit dem, was man „Amerikanisierung“ der Lebensverhältnisse nennt, in Montreal nichts zu tun haben wollte, hatte europäische Bodenhaftung allenfalls noch bei der linken Schweizer „Wochenzeitung“ (WoZ), die mit dem deutschen linken „Freitag“ Beiträge austauschte, so dass man Lothar Baiers spärliche Wortmeldungen fast nur noch dort bei uns lesen konnte.
Aber wer ihn von den alten (Frankfurter) Freunden bei seinen seltener werdenden Besuchen noch sprach und vor allem sah, bemerkte, dass ihm hier (in Deutschland) nicht mehr zu helfen war und auch dass ihm, ganz im Sinne von Amérys „Versuch über das Altern“ dessen Untertitel physiognomisch sich einbeschreiben hatte: „Revolte und Resignation“. Lothar Baier war „ausgebrannt“, illusionslos, aber nicht zynisch, sondern nur abgrundtief traurig. Sein Lachen raschelte wie das des Kafkaschen Odradek.
Alles, was ihm nun noch als Lebensenergie und -hoffnung verblieben war, hatte Lothar nur noch auf die eine Karte, die eine Möglichkeit gesetzt: am äußersten Punkt französischer Kultur in der Neuen Welt, in einem multikulturellen Milieu sozial niederer Randzonen Montreals, sein künftiges Auskommen zu finden. Denn sowohl der Kontakt zur WoZ war zuletzt gestört, als auch sein Versuch einer neuen Liebe gescheitert, die in einer katastrophalen Trennung endete, welche ihn auch noch um seine letzten bescheidenen materiellen Ressourcen brachte und zutiefst gedemütigt hatte.

Wenn er jetzt, wer weiß wie, seine „Weg ins Freie“ ging, hatte diese letzte „Freiheit“, die ihm geblieben war, nur einen Gewinn: die Lasten, die sich ihm auftürmten und die er nicht mehr mit seiner verbliebenen Kraft bewältigen konnte, von sich abzuschütteln. Lothar Baier ist jetzt gestorben wie viele Emigranten, denen er wie andere seiner deutschen Generation der westdeutschen Linken immer besonderes Eingedenken bewahrt hatte.
Wir sollen uns, Lothar, hast Du bei unserem letzten Treffen in Frankfurt gesagt, als wir nostalgisch in unseren alten Lebenserinnerungen kramten, „nicht zu wichtig nehmen“. Nein, das sollten wir nicht. Aber dennoch: Auf die Gefahr hin, zu pathetisch zu werden, um den Schmerz zu lindern durch Erhöhung, mir fällt im Augenblick des Abschieds auf Nimmerwiedersehn von Dir in der Ferne Heines „Enfant perdu“ ein: „Verlorner Posten in dem Freiheitskriege, / Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus. / Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege, / Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus.“

Wolfram Schütte

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