Hans Arthur Marsiske: Kriegsmaschinen Hommage zum 80. Geburtstag von Fernando Botero Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens von Michael Ebmeyer Joy As A Toy: Dead As A Dodo Nis-Momme Stockmanns Heimkehrstück "Der Freund krank" in Frankfurt uraufgeführt
Donnerstag, 17. Mai 2012 | 09:19

Was für ein Wetter!

26.07.2004

Von Wolfram Schütte

 

Das Oster-Geschäft sei ihnen „vehagelt“ worden, las man vor einiger Zeit in der Vermischten Nachrichten unserer Zeitungen. Es hatten sich die Hoteliers Norditaliens beklagt, denen über die Feiertage bis zu 20 % ihrer Kundschaft entgangen seien. Aber nicht dadurch, daß die wettermäßige Metapher, die sich der Journalist der dpa nicht entgehen ließ, als er über die beredte Klage der italienischen Hoteliers im Aostatal und in Mailand schrieb, realiter zugetroffen hätte und die Gegend von Hagel eingedeckt worden wäre; im Gegenteil: es herrschte “eitel Sonnenschein“ und frühlingshafte Wärme in Oberitalien – nur hatte der Wetterdienst beides nicht, sondern Regen & Kälte angesagt und die potentielle Kundschaft daraufhin eben nicht (oder doch gerade) „das Weite gesucht“, sprich: war im engen Zuhause geblieben. Und das hat den Hoteliers das Geschäft verhagelt.

Ich erinnere mich, schon vor ein paar Jahren in der „Neuen Zürcher Zeitung“ ähnliche Beschwerden von Hoteliers im Tessin und im Engadin gelesen zu haben, die sich sogar schon überlegt hatten, gegen (für sie) falsche Wetterprognosen als Geschäftsschädigungen gerichtlich vorzugehen.

Nun sind die Alpen als Wetterscheide – auch bei Großwetterverhältnissen – eine für Wetterprogostiker besonders heikle Gegend, und die hohen Berge sorgen dafür, daß manche Gegend oder manches Tal verschont oder heimgesucht wird von Wetterverhältnissen, die in ein paar Kilometer Luftlinie ganz anders sein können. Aber wie oft hat man schon aus eigener Erfahrung beglückend erlebt (weil erwartet und ersehnt), dass nach Regen oder Diesiegkeit vor dem Brenner oder dem Gotthard-Tunnel sich danach südliche Sonne und Wärme breit machten, als sei man der nördlichen Hölle nach dem Fegefeuer von Tunnel & Pass entkommen und nun im lichtdurchfluteten Paradies mit allenfalls Puttenwölkchen angekommen.

Natürlich will der Kurzurlauber noch mehr als jeder, der für 14 Tage oder 3 Wochen in Ferien geht, sonniges Wetter, es sei denn, ihm käme es nur auf den Ort oder die Gegend an und das „schöne Wetter“ sei ihm egal. Und weil der Kurzurlauber sich noch „spontan“ entscheiden kann, will er erst recht sicher gehen, nicht bei Wind & Regen im Hotelzimmer rumsitzen zu müssen. Also begibt er sich in eine extreme Wetterdienstabhängigkeit.

Das bringt die „Wetterfrösche“ mit ihren Prognosen in eine Situation, die vergleichbar riskant ist wie die der Anlageberater an der Börse. Beide sollen ihren Kunden & Nutznießern Sicherheit für die Zukunft geben: daß die Sonne scheint & die Börsenwerte steigen. (Ist schon einmal jemandem aufgefallen, daß die epidemische Ausbreitung von Wettervorhersagen im öffentlichen Resonanzraum der akustisch-optischen Medien die Verbreitung von Dax - & anderen Börsennotierungen nach sich gezogen hat?)

Auf „Nummer Sicher zu gehen“ und damit Erfolg zu haben, ist aber in beiden etwa gleich wahrscheinlich. Bleiben wir beim Wetter. Wer z.B. einmal den Tag über in den lokalen Nachrichtensendungen im Rundfunk die Wettervorhersagen nicht nur als Nachrichtencoda mithört, sondern sie bewußt verfolgt, wird – wenn es sich nicht um eine sehr stabile Wetterlage wie ein fett über Europa sitzendes Azorenhoch handelt – bemerken, wie sich Prognosen, die sich auf eine Zeit in zwei, drei oder mehr Tagen beziehen, täglich verändern, so daß am Wochenanfang die Aussichten aufs Wochenende im Laufe der Woche manchmal mehrfach wechseln und die schöne Aussicht auf das Wochenende ebenso oft dabei ins angesagte Wasser fällt wie vice versa.

Man muß aber nicht an der alpinen Wetterscheide wohnen, um noch mit weiteren Merkwürdigkeiten konfrontiert zu werden. So habe ich die Erfahrung gemacht, daß z.B. Prognosen für das Rhein-Main-Gebiet rund 90 km östlichen am Rand des Spessarts nicht zutreffen müssen; ebenso lachhaft sind die Differenzen in der lokalen Wetterprognose für die gleiche Gegend, wenn man unterschiedliche Rundfunksender wie SWR, HR oder gar die kommerziellen Dudelfunks der Regionen miteinander vergleicht. Je genauer man wissen will, wie das Wetter an diesem oder jenem Ort ausschauen wird – vorausgesetzt natürlich: es ist „Wetter“, also Bewegung in der Luft und am Himmel –, desto unwahrscheinlicher ist es, daß die pauschalen Prognosen zutreffen.

Zugegeben: das sind banale Erkenntnisse, was aber nicht heißt, daß sie einem bewußt und vertraut sind. Umso weniger, als der Wunsch, den Vier Wänden des Alltags zu entfliehen, stärker ist, als die Sehnsucht nach einem bestimmten Ziel. Am besten aber ist´s, das Wetter dabei zu überlisten, nämlich das angekündigte schlechte. Und weil wir uns gerne von Fachleuten beraten lassen und uns deren Dienste stündlich angedient werden, vertrauen wir ihren Prognosen, als wüßten sie die Zukunft – und folgen ihnen.

In einer Gegend, wo man wetterfest sein muß, weil das Wetter höchst wendig und wendisch ist – nämlich in Großbritannien –, gehört es zwar als ständiger Gesprächsgegenstand zum Alttag. Aber es bestimmt eben deshalb nicht das Reiseverhalten, auf der Insel zumindest. Man verhält sich nach der Devise: es gibt kein schlechtes Wetter, man kann höchstens falsch angezogen sein. Solcher selbstbezogener Pragmatismus ist wohl allemal besser, als sich vertrauenselig & fremdbestimmt von den Wetter-Analysten in den April schicken zu lassen. Was heißt „April“, es kann auch jeder andere Monat sein.

Wolfram Schütte

Von der Verrohung des Bürgertums

Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...

Wenn man mit der Mafia seinen Doktor macht

Zwei Neuerscheinungen aus Deutschland und den USA nehmen einen trivialen Gegenstand ernst: die erfolgreiche Fernsehserie The Sopranos, die im Mafia-Milieu spielt. THOMAS ROTHSCHILD hat ...

Propagandaschlachten

Nahost-Interessierte kennen die Situation: geht es um Araber und den deutschen Nationalsozialismus, ist die Diskussion zuende, sobald ein Name fällt. Der 1974 verstorbene Großmufti von ...

Vergangen, aber nicht vorbei

Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...

Gesamtnote: zehn. Bestanden!

Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...

Der neue Schulmädchenreport

»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...

Der Kaiser der Revolution

Die Geschichte des Films ist, technisch betrachtet, die Geschichte einer permanenten Annäherung an die Wirklichkeitsillusion. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts aus einer Kombination dreier ...