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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 09:20

Nachlese zur Tour

27.07.2004

Öffentliche Exekution eines Schwarzen Schafes

Warum wurde Simeoni von Lance Armstrong verfolgt?

Von Wolfram Schütte

 

In einem Abschluss-Kommentar zur diesjährigen „Tour de France“ in der „Süddeutschen Zeitung“ v. 26.7.04 schreibt Andreas Burkert: „Lance Armstrong hat dieses Jahr bei der Tour endgültig die Diktatur eingeführt“. Dieses Verdikt über den grandiosen sechsmaligen Tour-Sieger, der diesmal so souverän wie noch nie gewonnen hat, bezieht sich auf das Verhalten des Texaners, der auf einer der letzten Etappen höchst persönlich in eine Ausreißergruppe gefahren war, zu der auch der Italiener Filippo Simeoni gestoßen war und diesem wie den anderen Ausreißern klargemacht hatte, daß sie keine Chancen auf einen möglichen Etappensieg hätten, wenn Simeoni weiterhin unter ihnen sei. Die Ausreißer zwangen daraufhin den Italiener, sich ins Feld zurückfallen zu lassen, damit Armstrong seine Drohung nicht wahrmachen würde, mit seiner allen anderen Teams physisch überlegenen US-Postal-Mannschaft an die Spitze des Feldes zu spurten und die Gewinn-Träume der Ausreißer, die Armstrongs Gesamtsieg nicht gefährden würden, zunichte zu machen.

Dieser Vorfall, der mehr als bloß ein exzentrischer Ausfall des zornigen „Dominators“ war, ist von live kommentierenden ARD- & ZDF-Teams in seiner Tragweite gar nicht wahrgenommen und nicht entsprechend kommentiert worden. Hätte Armstrong kommentarlos in diesem Augenblick seine physische Überlegenheit ausgespielt (wie er sie z.B. demonstrierte, als er Andreas Klöden um den fast schon sicheren Etappensieg brachte), könnte jetzt keiner von der „Einführung der Diktatur“ oder – auch das ist keine schlechte Metapher, auf die der ehemalige französische Tourfahrer Laurent Jalabert kam – von einer Strafaktion des texanischen „Sheriffs“ mit seinen Texas-Rangern sprechen. So aber hat Armstrong vor Augen geführt – wie blind, blöd oder willentlich verschwiegen die deutschen Live-Kommentatoren sich auch angesichts dieser Evidenz (wie auch mancher anderen) zeigten –, daß dieser Etappensieg ein Geschenk von Gnaden des Triumphators war.

Reden wir also nicht mehr von Fairness oder Courage, die dabei auf der Strecke bleiben: sowohl bei ihm, wie bei denjenigen, die sich ihm beugten. Nur Simeoni, der sich für die feigen Ausreißer „opferte“, erhebt sich bewundernswert vor diesem düsteren Hintergrund ab.

Armstrongs erfolgreiches, ultimatives & erpresserisches Verhalten hat Gründe, die an die Substanz des Radsports gehen: „Der Italiener (Filippo Simeoni) hat 1999 unter Eid zu Protokoll gegeben, das ihn sein Landsmann, Michele Ferrari, von 1996 bis ´97 mit dem Blutdopingmittel Epo und anderen verbotenen Substanzen flott gemacht hat. Simeoni wurde für vier Monate gesperrt. Armstrong bekämpft ihn öffentlich, seitdem während der Tour 2001 bekannt geworden war, daß er mit dem umstrittenen Arzt eng zusammenarbeitet. Gegen Ferrari läuft in Bologna ein Prozess, mehrere Sportler haben ihn schwer belastet“ (Andreas Burkert). Armstrong nennt Ferrari bis heute einen „Ehrenmann“ und sagt: „Michele ist für mich unschuldig, bis ein Gericht etwas anderes feststellt“.

Das ist zweifellos ehrenhaft von Lance Armstrong; ebenso auch, beinhart einem Freund beizustehen, wenn er verleumdet wird. Daß Armstrong Simeoni einen „Lügner“ und „einen bösen Menschen“ nennt und ihn (wie auch andere Fahrer, die in Simeoni, wie üblich dämlicherweise, einen „Nestbeschmutzer“ sehen) auf der Tour geschnitten hat, wäre nur zu verständlich, wenn er, wider das eidliche Zeugnis des Kronzeugen Simeonis und der anderen Ferrari-Ankläger, zweifelsfrei recht hätte, was aber nicht der Fall ist, solange der Texaner selbst seine Ehrenerklärung für seinen medizinischen Berater, mit dem er ja wohl nicht nur Karten spielt, vom Urteil des Bologneser Gerichts abhängig macht.

Ich gehöre nicht zu jenen, die dem in jeder Hinsicht bewundernswerten Strategen im Kampf um das Gelbe Trikot den sechsten Sieg neiden; auch verabscheue ich nicht seinen angeblichen „Kannibalismus“, mit dem er Mitkonkurrenten „demütigt“, indem er ihnen (& uns) seine eigene Stärke, sein taktisches Geschick, seine logistische Phantasie demonstriert. Wer sein gesamtes alltägliches Leben dem jährlichen Tour-Sieg unterordnet, sollte ihn auch haben – so befremdlich diese freudlose Selbstdisziplinierung mir (als bescheidenem Hedonisten) auch erscheint. Schlagend hat Armstrong auch bewiesen, daß man die Tour heute nur gewinnen kann im Verbund mit einer intelligent ausgewählten und instrumentalisierten Mannschaft: US-Postal hat, vergessen wir es nicht, wenn`s wirklich drauf ankam, auf dieser Tour immer das Feld angeführt!

Insofern hatte Filippo Simeoni von der schwachen „Domine Vacanze“-Mannschaft, in der er auch gar nicht wohlgelitten war, gegen Armstrong nie eine wirkliche Chance (wie alle anderen Teams auch) gehabt. Aber daß er, als isolierter, geschmähter, verachteter Outlaw ( ja: wie im Western, wo ein ehemaliger Gun-Man, der sich zum Gesetzestreuen gewandelt hat, sich seiner ehemaligen Kumpel erwehren muß) es dennoch immer wieder versuchte, war als individueller Kampf denn doch sehr bemerkensswert, ja: bewundernswerter als das, was Jan Ullrich geboten hat. Und wenn es noch so etwas wie eine emphatische Sympathie für den ausgeschlossenen Underdog im Sportjournalismus gäbe, stände Simeoni, einer der von Anfang an Verlorenen und ein herausragender Verlierer-Held dieser Tour, vor unser aller Augen, und unsere Sympathie hätte ihn bis zuletzt, wo er es noch einmal auf den Champs Elysee versuchte, begleitet.

Vielleicht verführt mich meine Sympathie für Simeoni (und mein Ärger darüber, daß mein Interesse nicht stärker von den plappernden Livekommentatoren und den feigen Ehemaligen auf ihn gelenkt wurde) jetzt dazu, daß ich mir eine Spekulation über Lance Armstrong und die Gründe für sein fanatisches Verhalten gegenüber Simeoni erlaube.

Gesetzt, Armstrong hätte recht, sein engster medizinischer Berater, Dottore Ferrari, sei von Simeoni und den anderen Landsleuten des Italieners zu Unrecht des Dopings bezichtigt worden, obwohl es damals gang und gäbe war. Dann bliebe die Frage, warum diese Fahrer ihren ehemaligen Spindoctor fälschlicherweise denunzierten.

Gesetzt, Armstrongs italienischer Freund habe, bei der medizinischen Beratung des sechsmaligen Tour-de-France-Siegers, sich eines Besseren besonnen und habe ihn – anders als mit seinen Landsleuten in der Vergangenheit – mittels völlig dopingunverdächtiger Mittel & Methoden zu seinen alle anderen deklassierenden Leistungen geführt. Dann bliebe immer noch die Frage, warum Armstrong Simeoini dafür verfolgt, daß er seine von Ferrari gedopte Vergangenheit öffentlich eingestanden hat. Denn gefährlich hätte ihm der Fahrer auf dieser Tour so wenig werden können wie Ullrich, Klöden è tutti quanti.

Gesetzt aber, Simeoni hätte recht damit, daß Ferrari der „Doktor Mirakel“ (E.Th.A. Hoffmann) nicht nur für ihn gewesen war und möglicherweise ein solcher noch immer ist, nämlich für dessen Freund Lance Armstrong, dann hätte es eine schlüssige Logik, daß Armstrong sowohl unanfechtbar dominiert, als auch den Denunzianten verfolgt wie der Teufel die arme Seele, um ihn – den einzigen Gerechten unter sovielen Pharisäern – demütigend „unschädlich“ zu machen, um ihn aus dem kontaminierten Radsportgeschehen zu entfernen & existentiell zu vernichten, aufdaß Simeoni nicht als Schatten des Verdachts weiterhin in der Tour mitfährt. Wer das verborgene Geheimnis des Dr. Ferrari (-Mabuse) verraten hat, darf um keinen Preis der Welt aus eigener Kraft auch nur den geringsten Gewinn davon haben oder gar auch nur einen Etappen-Sieg erringen. Das zu verhindern, wäre der Musterschüler seinem Meisterlehrer schuldig.

Ich gebe zu: das ist eine klassische Verschwörungstheorie, umso mehr, als ihr innerster Kern darin bestünde, daß einzig Dott. Ferrari (und nicht Lance Armstrong!) alle Fäden in der Hand hätte, resp. den einen Faden der Glaubwürdigkeit, an dem der sechsmalige Tour-Gewinner hängt. Ein Wort von Ferrari über seinen Schutzbefohlenen Lance Armstrong – ein Wort der Lüge oder der Wahrheit –, und Armstrong hinge an ihm wie ein Gehängter & es wäre um allen seinen Ruhm in der (Radfahrer-)Welt geschehen.

Wir werden es nicht erleben. Armstrong ist zurecht der größte Radrennfahrer, wie wir wieder gesehen haben; aber auch, wie er Simeoni verfolgt & erledigt hat und das kann einen denn doch nachdenklich machen – über eine Charakterschwäche hinaus.

Wolfram Schütte

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