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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 09:22

Das Manifest des 21. Jahrhunderts

16.08.2004

Von Ernst-Erwin Buttertube, Großpoet und sehr privater Lehrkörper

 

„Verehrte Damen und Herren, verehrte Verehrer! Das Individuum steht auf den Barrikaden des 20. Jahrhunderts, auf dem Schutt der letzten 100 Jahre. Dort steht es alleine, angsterfüllt, und seine zitternde Hand findet nichts, woran sie sich klammern könnte. Alles scheint ihm nur ziellos aufgetürmt und hingeschmissen, ist ohne Halt und ohne Strebe. Auf den Barrikaden des letzten Jahrhunderts steht das Individuum – wehrlos in seiner schieren, hautumschlagenen Existenz – auf dem letzten Vorposten einer menschenwürdigen Welt. Es besieht den Horizont, von dem her nichts Gutes kommt, voll Sorge, aber auch angefüllt mit dem Stolz des Untergangs. Denn, was wir mit den Augen der letzten, testamentarisch noch würdigen Kreatur erblicken - dort im Anglimm des 21. Jahrhunderts - ist die Erstehung der Bestie! Erzüchtet inmitten der Weltenwüste, Geschöpf ohne Schöpfer, nicht Kreatur mehr, nein! - bloße Kreation. Ihr bitter-leuchtendes Kainsmal ist geistige Erblindung und seelische Taubheit. Keine wahre Regung steigt aus dem Born ihres Lebens, kein göttlicher Wink begleitet ihre Schicksalswege. Sie lebt inmitten der Wahrscheinlichkeit ihrer Tode, ohne Weisung und dazu verdammt ihr Bloß-Dasein im rohen Jetzt nur abzuleben, wegzuleben. Zerwalkt wird sie werden, zertreten und zerstanzt ohne Erbarmen - ja selbst ohne Rückstände. Denn sie wird nur Brennstoff sein, Brennstoff des neuen Abgottes: dem verkrüppelten Rieseninfanten, dem funky Moloch, dem Lümmel des Pop! Und die Auferstehung dieser Erbarmungswürdigen wird nur noch eine Wiederaufbereitungs-Erstehung sein! Und die Gnade dieser Erbarmungswürdigen wird nur noch eine Wiederverwertungs-Gnade sein... nimmer mehr.

Das ist sie, meine Damen und Herren, jene pluralektische Welt: ein Zwitter aus Psychokrümeln und Welteinheitsleib, dem der aufgeblähte Traum einer Globusgemeinde im Lobpreistaumel längst wie pestilente Sputa vom Maul in die Gosse getropft ist. Dachten wir uns diese Welt gerade noch als das ewige Duett kleiner, privater Lüsternheiten und alloffenbaren Liebesparaden, so mussten wir bald erkennen, wie uns alles, ja wahrhaft alles zu schierster Geste verkommt. Das Ich beispielsweise? Abgesplittert und dennoch totalst verfugt. Begraben in einem erstarrten Brei aus Sperrholz. Und selbst das Dramatische gerät zu schaler Lakonie. Immer wieder, mit fast schon anrührend-infantiler Hartnäckigkeit, werden Heiligtümer und Tempelstätten gestürmt und geschändet, obwohl sie längst zerfallen und vergessen liegen. Sehen Sie bloß DADA! Wie würden jetzt die einstmaligen Zürcher Zauberer über all die Allüren der selbsterkorenen Massenmessiasse hohngrinsen. Wie kotzig klingt das nachgeäffte Ich-Pathos der Expressionisten in den heulenden Mäulern der Heutigen! Aus Salz wurde Saccharin. Denn wo sind wir angelangt, wenn Marcel Duchamps, welcher das unglückselige 21. Jahrhundert damit einläutete, ein industriell hergestelltes Urinoir zum Kunstwerk zu erklären, nun millionenfach Beifall erntet? Und hätte er ihn ertragen? Oder Warhol, der dunkle Engel der Zukunft. War er´s denn nicht, der niemals müde wurde, dem Menschen seine Weisheit in die matte Seele zu brüllen: Jeder soll Maschine sein!

Ich aber sage euch, ihr Mitmenschen, lasst dem Immerwiederkäuten nicht den Triumph über die Einzigartigkeit, und lasst die 0-1-Einförmigkeit niemals zum neuen Evangelium gedeihen! Kantet euren Traum da stetig hinein! Denn so vieles in der Welt ist schon geschlagen mit äffischer Ähnlichkeit, und das große Fest der Entseelung wird vielerorts längst vorbereitet und mancherorts gar gefeiert. Die, die dort tafeln sind gedrillt von schrillstem Tohuwabohu, von Dementokratie und hippem Crossover der Erhabenheit und der Vulgarität. Fun heißt ihr völlig verstrüppter Kindergarten Eden...

Schnitzen wir uns diese Erbschleicher der Menschlichkeit aus dem Leib. Schaben wir uns diesen Denkaussatz von der Haut. Denn solange noch ein Graben zwischen E und U gezogen wird, solange also das Genie nicht dem Jongleur gleichkommt, und Klassik nicht dem Kladderadatsch, solange gibt es zumindest noch die Erinnerung an olympische Höhenluft. Denn dieser klare, heilige Odem ist es, der der Kreatur, uns demnach, einen letzten Hort wahrer, menschenwürdiger Pracht sichert. Gute Nacht.“

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