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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 09:23

Albumblatt für Thomas Roth

12.09.2004

Von Thomas Rothschild

 

Als ich 1985 in der Stuttgarter Zeitung einen Artikel veröffentlicht hatte, der sich kritisch mit der Verhackstückung der Wirklichkeit im Hörfunk auseinander setzte, mit der längst überbotenen Verkürzung der Wortbeiträge auf dreieinhalb Minuten, und dafür ein anhaltendes Mikrophonverbot beim Dritten Programm des inzwischen mit dem SWF zum SWR fusionierten SDR bekam – die in dem Artikel Genannten grüßen mich bis heute nicht, als hätte sich nicht alles längst bestätigt, was ich damals voraussagte –, schritt auf dem Flur des Rundfunkgebäudes ein junger Volontär auf mich zu und fragte mich mit einem zweideutigen Lächeln, ob ich das denn alles ernst meinte, was ich da geschrieben hatte. Ich interpretierte seinen Gesichtsausdruck als Missbilligung, musste seine Frage aber bejahen.

Mittlerweile glaube ich, dass ich sein Lächeln missverstanden habe. Es war wohl eher ein Zeichen heimlichen Einverständnisses. Der junge Mitarbeiter war nämlich niemand anderer als Thomas Roth.

Noch einmal hat er meine Wege gekreuzt, wenngleich nicht leibhaftig. Gerhard Zwerenz rief mich an, um zu fragen, ob ich der Autor eines Kommentars sei, den er im Radio gehört und der ihn erfreut hatte. In diesem Falle musste ich verneinen. Der Autor war Thomas Roth. Zur Autorschaft hatte ich eine Silbe zuviel.

Dann tauchte Thomas Roth in Moskau auf. Er entwickelte sich zum besten Russlandkorrespondenten des Fernsehens seit Gerd Ruge und Klaus Bednarz. Jetzt sitzt er in der deutschen Hauptstadt und moderiert wöchentlich den Bericht aus Berlin. Thomas Roth ist im heutigen Fernsehen eine Ausnahmeerscheinung. Er ist es in mancherlei Hinsicht. Er vertritt in seinen Kommentaren eine unmissverständliche Meinung, die sich dem seit 1989 herrschenden Konsens verweigert hat. Das ist, auf dieser Position, erstaunlich genug. Aber er ist auch witzig, verfügt über eine Sprache, die den gängigen Standard deutlich überschreitet, und scheint vor allem fast frei zu sein von der branchenüblichen Eitelkeit. Die unerträgliche Selbstdarstellungsmanie der Medienleute macht bei ihm der Unterordnung unter das Mitzuteilende Platz. Dass der Dienst an der Nachricht, am Kommentar, an der Analyse zudem mit Intelligenz und einer erkennbar skeptischen Grundeinstellung ausgeübt wird, macht die Sendungen von und mit Thomas Roth zu Exemplaren der wenigen Highlights, die im zunehmend verrottenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk verblieben sind, einem Rundfunk, dem seine letzten Anhänger abhanden zu kommen drohen, nicht etwa, weil sie das private Fernsehen für besser hielten, sondern weil er sich diesem ohne Not mehr und mehr angleicht, weil er von seinen eigenen Funktionären systematisch und in fast krimineller Weise ruiniert wird.

Für die Ausnahme soll an dieser Stelle mal Dank ausgesprochen werden. Er behagt uns ja mehr als Nörgelei. Es gibt nur leider so wenig Anlässe.

Thomas Rothschild

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