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Montag, 21. Mai 2012 | 10:44

Professionelle Scheinheiligkeit

25.10.2004

Fritz Pleitgens kulturelle Augenwischerei

Von Wolfram Schütte

 

Die ARD, entnehme ich einer epd-Pressemeldung in der „Frankfurter Rundschau“ (vom 20.10.2004), habe „ihr Engagement bei den Kulturprogrammen bekräftigt“. Was unter dieser „Bekräftigung“ zu verstehen sei, heißt es in der Meldung weiter, sei darin zu sehen, dass „der öffentlich-rechtliche Senderverbund“ dabei „bleibe, der größte Kulturvermittler in Deutschland“ zu sein, wie der WDR-Intendant Fritz Pleitgen jetzt erklärte. Da die kommerziellen TV-Sender – so sie nicht durch den gewitzten Juristen Alexander Kluge zwangsweise (durch seine Angebote, versteht sich) – nur zu minimalistischen „Kulturvermittlungen“ gezwungen wurden, können sich die ARD und das ZDF natürlich für die größten Kulturaktivisten halten, selbst wenn sie ihre immer bescheidener gewordenen kulturellen Feigenblätter noch weiter reduzieren würden. Denn unter Blinden sind die Einäugigen Könige.

„Allerdings“, fährt der ehrenwerte Fritz Pleitgen, laut epd/FR, in seinem ebenso vollmundigen wie auch nichts sagendem Eigenlob fort, werde die geringere Gebührenerhöhung zu Einsparungen zwingen, und es klingt ungemein fair und „demokratisch“, wenn er behauptet, jetzt müssten „alle Leistungen auf den Prüfstand“ und neben denen in „Unterhaltung, Sport, Information leider auch die in der Kultur“.

Man wird sich fragen müssen, was hier mit „Prüfstand“ gemeint ist – offenbar eine verschärfte Kosten/Nutzenrechnung plus Einschaltquotensubtraktion – und was das Pleitgensche „leider“ im Hinblick auf die Kultur bedeutet, außer: professionelle Scheinheiligkeit, mit der die Forderung des Deutschen Kulturrats, der eben jetzt von den ARD/ZDF-Intendanten verlangt hatte, der Kultur einen bedeutenden Stellenwert einzuräumen“, vom Tisch gewischt wird.
Denn die öffentlich-rechtlichen Intendanten denken gar nicht daran, nun qualitativ zu verfahren und beim Sparen den ohnehin von ihnen jahrzehntelang systematisch reduzierten Kulturanteil am Programm, also die „Minderheitenversorgung“, zu verschonen.

Im Gegenteil. Es sagt etwas aus über den Opportunismus, die Orientierungslosigkeit und die Dummheit der Medienpresse, wenn Pleitgens Augenwischerei, die wegen der geringeren Gebührenerhöhung auf eine Reduktion von Kultur beharrt und hinausläuft, von der Frankfurter Rundschau unter der Spitzmarke „Größter Kulturvermittler“ und dem Titel „WDR-Intendant bekräftigt Engagement für Kultur“ in sein faktisches Gegenteil verkehrt wird. Natürlich war, als absehbar wurde, dass die Gebühren um wenige Cents geringer erhöht würden, als sich die öffentlich-rechtlichen Intendanten das wünschten, Jobst Ploog sofort und „leider“ jetzt auch Fritz Pleitgen eingefallen, dass bei der Kultur im TV gespart werden müsse. Und da das weder auf Widerspruch bei den „verantwortlichen“ Ministerpräsidenten, noch bei „BILD“ stoßen würde, könnte man ja nun noch von Glück sagen, dass wenigstens Pleitgen sich herabgelassen hat, dem „Deutschen Kulturrat“ auf Orwellsche Newspeakart zu widersprechen, respektive Recht zu geben und dessen Forderung, dem „originären Kulturauftrag“ der ARD nachzukommen, schlichtweg zu ignorieren.

Solange der „Kulturrat“ nichts ist als ein einsamer Rufer in der Wüste; und solange die Printpresse und die in ihr tätigen Kultur- und Medienjournalisten noch nicht einmal aus wohl verstandenem Eigeninteresse ihre eigenen Interessen und die ihres Publikums in den öffentlich-rechtlichen Sendesystemen verteidigen, respektive einklagen – notfalls so penetrant wie der alte Cato im römischen Senat sein „ceterum censeo“ gegen Karthago wiederholte –, solange werden die Intendanten, souverän wie Fürstbischöfe im Heiligen römischen Reich deutscher Nation, schalten und walten nach populistischem Profit. Wenn das Werbe-Geld im Kasten klingelt, ihre Seele in den Himmel springet.

Es bedürfte einer wahrhaft „lutherischen“ Anstrengung aller kulturell Interessierten, um dem wild wuchernden Ablasshandel entgegenzutreten, der in den öffentlich-rechtlichen TV- und Hörfunksystemen zur stumpfsinnigen, kulturverachtenden Tagesordnung geworden ist.

Wolfram Schütte

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