Umtriebig
08.11.2004
Von Thomas Rothschild
Man begegnet ihr im Hotelfoyer und auf dem Bahnhof, im Flugzeug und selbst am Badestrand. Sie ist ein aus dem öffentlichen Bild nicht mehr wegzudenkender Typus: die effiziente Frau. Sie sieht aus, wie einem Hollywoodfilm oder einer Fernsehserie entstiegen. Sie ist ständig unter Hochspannung, alles an ihr vibriert. Wenn sie mit einem spricht, dann hat ihr Blick alles unter Kontrolle, was sich neben oder hinter einem bewegt. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass es an ihr liegt, ob die Welt im nächsten Augenblick zusammenbricht oder weiter besteht. Ihre vermeintliche Bedeutung wächst proportional mit der Anzahl der auf dem stets griffbereit geöffneten Laptop eingehenden E-Mails und den auf dem Handy ankommenden Anrufen.
Der Feminismus hat die historische Chance verschenkt, der Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft eine humanere Alternative entgegenzusetzen. Stattdessen überbieten Frauen die männliche Potenzprotzerei. Alles, was an Männern immer schon widerlich war, ihr Karrierismus und ihr kompetitives Verhalten, ihre Angabe mit Statussymbolen und ihre Anerkennung von Hierarchien an Stelle von Solidarität, ist nicht etwa, wie man um 68 und danach noch hoffen konnte, verschwunden oder auch nur reduziert worden, es wird vielmehr, oft in karikaturistischer Verzerrung, von Frauen adaptiert. Wie in der Politik, so wollen sie offenbar auch im Alltag beweisen, dass sie, wenn schon nicht das Recht auf gleichen Lohn, wenigstens das Recht auf gleiche Dummheit haben wie Männer. Wo es auf gleichen Lohn ankommt, am Fließband nämlich und bei unqualifizierten Arbeiten, hat sich seit der Verbürgerlichung der Frauenbewegung kaum etwas geändert. Laptops spielen dort keine Rolle.
Vom Feminismus haben sich viele Frauen und auch manche Männer – sei es aus Einsicht, sei es aus Opportunismus – versprochen, was zuvor bereits zu den Idealen der Arbeiterbewegung gehörte: eine freundlichere Gesellschaft. Daraus ist nichts geworden. Wenn wir uns so umsehen im Hotelfoyer und auf dem Bahnhof, im Flugzeug und selbst am Badestrand, können wir uns des Eindrucks nicht erwehren: Es ist kälter geworden auf dieser Welt.
Thomas Rothschild