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Montag, 21. Mai 2012 | 10:47

Kalendergeschichten

18.11.2004

Schröder als Avantgardist – im Lichte des „Kommunistischen Manifests“

Von Wolfram Schütte

 

Nachdem der Rauch verzogen ist, der aus dem Brandherd gestiegen war, den Schröder und Eichel entzündet hatten, als sie einen bloß wieder einmal nur (angeblich) „angedachten“ Vorschlag in die Öffentlichkeit lancierten, kann man vielleicht etwas kühler über ihre Idee nachdenken, den „Tag der deutschen Einheit“ vom symbolischen 3. Oktober zu lösen und den deutschen Nationalfeiertag in der Nähe des Datum an einem Sonntag zu „feiern“. Das an- und nicht zu Ende Gedachte schien so absurd, dass man versucht war, für einmal mit der Kommentierung durch die CDU-Chefin Merkel einverstanden zu sein, die meinte, in keiner anderen Nation wäre jemand auf einen solchen Gedanken gekommen.

Sie hat Recht. Undenkbar ist die Vorstellung, dass die Franzosen, Amerikaner oder Russen auch nur im Traum daran denken könnten, ihre Nationalfeiertage von ihren festen Daten zu lösen. Denn sie gehören als triumphale Selbstvergewisserungen- und feiern zum integralen und substantiellen Traditionsbestand ihrer Nationen. Sie sind der theatralische Kern ihrer nationalen Ideologien.

Wieder einmal: Der deutsche Sonderweg

Wie so oft ist das aber in Deutschland anders, und wie fast immer haben wir uns („als Nation“, resp. unseren Vorfahren) das selbst zuzuschreiben. Der „Tag der deutschen Einheit“, die den bundesrepublikanischen 17. Juni ebenso ablöste wie den DDR-eigenen „Tag der Befreiung“, ist jüngsten Datum und soll an die von der UdSSR geschenkten, mit Hilfe der „Westmächte“ von Helmut Kohl vollzogene Vereinigung jener beiden deutschen Teilstaaten erinnern, die nach der erst fremd- und zuletzt selbstzerstörerischen Nazizeit, von Deutschland auf „deutschem Boden“ übrig geblieben waren. Es ist aber kein Geheimnis, eher eine Offenkundigkeit, dass am „Tag der deutschen Einheit“ nicht eine geglückte Symbiose zu feiern wäre, sondern eher einen fortschwärenden Dissens mit quacksalbungsvoller Rhetorik vergeblich „heilsam“ zu „besprechen“ ist. Was einer lange verzögerten Liebesheirat zuerst ähnlich sah, weil angeblich nun nach Willy Brandts viel zitiertem Wort, zusammenwachse, was zusammengehöre, gleicht heute immer noch mehr einer Zwangsehe, die beiden Partnern Missvergnügen, Entfremdeln und Ärger (es) bereitet.

Ein deutscher Nationalfeiertag wie der am 3. Oktober (an dem die DDR der BRD „beitrat“), unterscheidet sich von denen der eben erwähnten anderen Nationen darin, dass er allenfalls eine Utopie beschwört, während sich Franzosen, Amerikaner und Russen in der Nostalgie an ihre jeweiligen große Vergangenheit sonnen können – so verdunkelt sie auch von der heutigen Realitäten ihrer Staaten sein mag.Kurz: Selbst unser „Nationalfeiertag“, den zu „feiern“ wir als Bürger einer repräsentativen Demokratie an unsere gewählten Repräsentanten, die politische Klasse und deren Lobbyisten, in Bund, Land und Gemeinden delegiert haben, ist immer noch Produkt eines nachwirkenden Kollateralschadens, den der Nationalsozialismus als Spätfolge uns hinterlassen hat.

Das erklärt zum einen die geringe historische Stringenz und Zustimmung, zum anderen aber auch, dass er als nationales Datum des Selbsteingedenkens nicht wie anderorts mit Militär-Paraden, Gottesdiensten und dem öffentlichen Paradieren greiser, ordensgeschmückter Patrioten bei uns begangen werden kann, sondern eher „in aller Stille“ und mit appellativem Ernst wie eine Trauerveranstaltung absolviert wird.

Zivile Wurschtigkeit des Staatsvolks

Unverkennbar hat die wurschtige Feier-Enthaltsamkeit des Staatsvolks (das sich als solches wohl auch gar nicht mehr empfindet, falls es das je tat, am ehesten noch zur sozialliberalen Wende) etwas bestechend Andersartiges und erstaunlich Ziviles, weil ihm das Archaische und Martialische fehlt, das solchen kollektiven Äußerungen der nationalen Identität andernorts eigen ist. Nur einen Teil von dieser deutschen Andersartigkeit wird man aber einem kollektiven ethischen Reflex auf das nationalistische Menetekel des Nazismus zugute schreiben dürfen, aufgrund deren die Deutschen zivile Indifferenz sich selbst gegenüber einer kollektiven Identitätsversicherung vorzögen oder gar transnational dächten. Weder denken die Deutschen trans- noch national. Sie „denken“ privatistisch: ohne mich, ad me ipsum. Den größeren Teil der deutschen Gleichgültigkeit gegenüber dem Tag und der Täglichkeit der deutschen Einheit wird man wohl darin vermuten dürfen, dass die Bürger vom „Staat“, den sie als ihr zu gestaltendes Eigentum gar nicht so recht je angesehen haben, heute nur noch das Ensemble der politischen Klasse wahrnehmen, die „den Großen gibt und den Kleinen nimmt“, weil „der Staat“ dabei ist, die bislang fraglose „Heilige Kuh“, vulgo das „Goldene Kalb“ des gewachsenen und stetig wachsenden kollektiven Wohlstands, Stück für Stück zu schlachten.

Nur ein vollkommener Ignorant könnte noch annehmen, was als Springprozession von „Reformen“ und Revisionen ihm nun schon jahrelang in allen Lebens- und Arbeitsbereichen mit täglichem Wechsel angeboten wird, sei ein logistisch durchdachtes, verantwortungsvoll und mit ausgleichender Gerechtigkeit zielbewusst in Gang gesetztes nationales, kollektives Projekt „zur Beförderung des Wohlstands der Nation“, um Adam Smith zu paraphrasieren. Denn selbst der Dümmste unter uns ist nicht dumm genug, um nicht zu sehen (oder meinetwegen im allfälligen Tohuwabohu doch zu ahnen), dass der als „Reform“ fälschlich ausgegebene faktische Revisionismus der Regierungsparteien den gesamten sozialstaatlichen Umbau sowohl dilettantisch als auch konsequent, sowohl hilflos wie zielstrebig zugunsten der multinationalen Großunternehmen betreibt und dabei erkennbar eine politische Ohnmachtshaltung „kultiviert“, die sie allen – vom unternehmerischen Kleingewerbetreibenden über das Kleinbürgertum bis zu der wachsenden Zahl der jungen und alten Arbeitslosen – vorlebt und de facto anempfiehlt, wo nicht sogar anordnet.

Sozialdemokratische Patrioten in Aktion

Befindet man sich erst einmal auf diesem weiten Feld einer Alternativlosigkeit, in der einzig der angebliche „Sachzwang“ herrscht, dann leuchtet einem vollkommen ein, dass der Schrödersche Gedanke, den deutschen Nationalfeiertag manövrierfähig zu machen und ihn auf einen Sonntag zu verlegen, einer schlüssigen Logik folgt. Und dass der eingebildete „Boss der Bosse“ es seinem Oberfinanzbuchhalter Eichel überließ, sich damit ins Sperrfeuer der Kritik zu begeben, zeugt vom Mut der Verzweiflung, die einem Offenbarungseid nahe kommt.

Denn es sind ja mitnichten „vaterlandslose Gesellen“, wie die Sozialdemokraten von der konservativen Reaktion immer wieder im vergangenen Jahrhundert beschimpft wurden, sondern sozialdemokratische „Patrioten“, welche avantgardistisch und „verantwortungsethisch“ die sentimentale Fixierung des Nationalfeiertags auf den jeweiligen 3. Oktober aushebeln wollten, um einzig und allein „der Wirtschaft“ zu Gefallen zu sein – ein Bestreben, das allen ihren revisionistischen Eifer bestimmt, der ja die Großunternehmen und das große Kapital schon von Steuerlasten befreit und immer mehr davon dem arbeitenden „Staatsvolk“ aufgelastet hat. Eichel, hörte man, habe sich sogar schon ausgerechnet, wie dadurch ein wenig mehr Steuer-Geld in seinen leeren Kassen klingelt, dass „das Volk“ statt sich als Nation zu feiern (vulgo: auf die faule Haut zu liegen), kräftig arbeitet im Dienste der wirtschaftlichen Gewinnsteigerung.

Avantgardistisch
ist das Schröder/Eichelsche Umspringen mit dem „Tag der deutschen Einheit“ deshalb, weil es von brutaler, nackter Offenheit ist und geeignet wäre, „alle festen, eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen aufzulösen“, damit die deutschen „Menschen endlich gezwungen sind, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen“. Das nenne ich ein wahrhaft zeitgemäßes, modernes, ökonomieadäquates Handeln, wie es zwar nicht im Buch der Sozialdemokratie, aber im „Kommunistischen Manifest“ steht und zwar in dem Teil, der längst auch an der Wallstreet als prognostisches Kursbuch für die Globalisierung hohes Ansehen genießt. Sich zu ihm mit Taten zu bekennen, wie es Schröder und Eichel nun mit dem flottierenden Nationalfeiertag versuchten, indem sie „an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit“ setzen wollten: Das entspricht der Manifest-Einsicht, wonach „die moderne Staatsgewalt nur ein Ausschuss“ sei, „der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“.

Gesund und Krank feiern

Freilich haben die beiden sozialdemokratischen Verwalter der modernen Staatsgewalt ihre Rechnung vorerst ohne den Wirt und ohne ihre politische Konkurrenz gemacht. Die einen, denen damit ein arbeitsfreier Tag gestrichen werden sollte, das sogenannte „Volk“ in der Form potentieller Wähler, haben den Vorstoß der regierenden Lobbyisten „der Wirtschaft“ sofort mit Sympathieentzug quittiert, während sich die CDU/CSU mit dem Heiligenschein patriotischer deutscher Treue und nationalen Traditionsbewusstseins schmücken konnten, weil doch wieder einmal die Sozis bewiesen hätten, dass sie nichts mit der Nation am Hut haben. Und beide haben zusammen den ungedeckten Wechsel der Avantgardisten zu Protest gehen lassen. In der Tat war (und ist) unseren regierenden Sozialdemokraten ihr historisch mit menschlicher Empathie belasteter Name immer öfter umso hinderlicher, je revolutionärer, d.h. angepasster sie sich in die Rolle der Vorreiter der „Bourgeoisie“ geben und dementsprechend politisch handeln.

„Die Wirtschaft“, die ja ohnehin, nach der vollzogenen Kassierung des protestantischen Buß- und Bettags als Feiertag, darauf dringt, auch die anderen arbeitsfreien christlichen Restbestände im deutschen Kalendarium (Pfingst- und Ostermontage, der zweite Weihnachtsfeiertag) zu streichen, also die Säkularisation fortzusetzen, die im „Kommunistischen Manifest“ als „Entkleidung des Heiligenscheins“ gefeiert wird, hat aber nach dem Vorstoß von Schröder und Eichel kräftig Morgenluft gewittert.

Der bislang noch nicht hervorgetreten Vorstandschef der Münchner MAN, ein Rudolf Rupprecht, holt gewitzt einen neuen Knüppel aus dem Sack. Er schlägt nämlich vor – um der „trägsten Bärenhäuterei“ des Arbeitsvolks das Fell über die Ohren zu ziehen – , christliche Feiertage, die auf den Donnerstag fallen, einfach auf den Freitag zu verschieben, um das regelmäßige Anschwellen des „Krankenstands“, mit dem sich zahlreiche Schlaumeier bislang ein auf vier Tage erweitertes Wochenende bescheren, auf ein bloß dreitägiges „drastisch zu senken“.

Denn wenn man „das Volk“ schon nicht zwangsweise zum Konsum verpflichten kann – „den großen Lümmel“ (H. Heine) zum Arbeiten zu bringen, müsste ja noch möglich sein. Das zumindest sollte von der Protestantischen Ethik, die laut Max Weber den Kapitalismus bislang beflügelt hat, auch nach einer radikalen Säkularisation aller kalendarischen Hinterlassenschaften christlicher Kultur, erhalten bleiben: im Dienste „der Wirtschaft“.

Wolfram Schütte

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