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Montag, 21. Mai 2012 | 10:47

Wider den Manichäismus

13.12.2004

Von Thomas Rothschild

 

Seit der Mensch über Gott und die Welt, also über sich selbst nachdenkt, sucht er nach dem Wesen und nach den Ursachen des Bösen. Und weil Differenzierungen anstrengen, weil das Absolute leichter zu imaginieren ist als Übergänge und Zwischentöne, neigt der Mensch zu dualistischen Modellen. Dem absolut Bösen wird das absolut Gute gegenübergestellt, und für dieses wie für jenes findet sich jeweils eine Verkörperung. Hat man den Gegensatz erst einmal benannt, ist die Rettung schon in Sicht. Man muss nur die eine Seite, die böse, beseitigen, zumindest unter Kontrolle halten, dann steht der anderen, der guten, nichts mehr im Wege bei ihrer segenreichen Wirkungsabsicht. Zumindest aber ist man selbst stets, was immer man tut, exkulpiert. Schuld sind die anderen, die per Definition Bösen.

Die Christen haben dieses Modell über zwei Jahrtausende hinweg gerettet, und George W. Bush konnte munter anknüpfen an eine Weltsicht, nach der es Demokraten und Schurken, Christen und Ungläubige gibt und nichts sonst. Der Vulgärmarxismus reproduzierte diesen Manichäismus im Gegensatz von Arbeitern und Kapitalisten, der Vulgärfeminismus im Gegensatz von Frauen und Männern. Und weil es angenehm ist, sich selbst bedingungslos zu den Guten zu rechnen, weil die Denkfaulen stets in der Mehrheit sind, setzen sich in allen Ideologien über kurz oder lang die vulgären Varianten durch. Auf die komplexen Modelle der Gründer folgen mit naturgesetzlicher Regelmäßigkeit die manichäischen Vereinfachungen der Nachfolger, gegen die sich die Minderheit derer, die auf Differenzierungen bestehen, nicht durchsetzen kann. Sie resigniert und überlässt das Feld den Dummköpfen.

Es gehört zu den Eigenarten des manichäischen Denkens, dass es sich durch keinerlei Empirie beirren lässt. Wenn Amerikaner im Irak foltern, dann ist das für Bush und seinesgleichen keine Widerlegung ihrer Theorie. Folter, sagen sie, sei „gegen die Natur der Amerikaner“, und wenn Amerikaner foltern, dann sind sie eben keine Amerikaner, oder aber die Folter ist keine Folter. Die Benennung ersetzt die Wirklichkeit. Wenn man Feministinnen, die kategorisch behaupten, Frauen würden „von Natur aus“ keine Kriege führen, keine Grausamkeiten begehen, alle Übel dieser Welt seien notwendig und ausnahmslos Männern anzurechnen, auf reaktionäre und aggressive Politikerinnen, auf folternde Soldatinnen und Gefängnisaufseherinnen hinweist, dann erklären sie, diese Frauen seien eben keine Frauen, sondern Männer in weiblicher Verkleidung, Frauen nur dem „sex“, aber Männer dem „gender“ nach. Nicht die tatsächliche Handlungsweise von Frauen bestimmt das Weltbild, sondern die Wahrnehmung der Welt folgt der vorausgegangenen manichäischen Festlegung. Dass Verbrechen in einer von Männern beherrschten patriarchalischen Gesellschaft häufiger von Männern begangen werden als von Frauen, wird ja kein vernünftiger Mensch leugnen. Die Frage ist nur: Sind Frauen von Natur aus „besser“, oder haben sie nur weniger Gelegenheit, „böse“ zu sein. Mit anderen Worten: ist nicht das Gute, das sie für viele Frauen repräsentieren, lediglich eine Folge ihrer Diskriminierung? Beruht die Vorstellung, Frauen seien zu bestimmten negativen Handlungsweisen weniger fähig als Männer, nicht auf dem gleichen biologistischen Wahnbild, das Männer zu der Behauptung veranlasste, Frauen seien zum Komponieren oder für die Mathematik ungeeignet? Dass Juden im Nationalsozialismus keine SS-Leute und keine KZ-Aufseher wurden, lag nicht in ihrer Natur. Man hat sie bloß in diesen Kreisen benachteiligt. Das entschuldigt nicht die SS-Leute und KZ-Aufseher. Es dementiert nur eine Auffassung, die ein Kollektiv von vornherein für geeigneter oder für weniger geeignet hält, Untaten zu begehen.

Der Verdacht liegt nahe, dass das eigentliche Übel in der Verabsolutierung des Übels, im Manichäismus liegt. Wo man ein unveränderlich Böses einem von Natur aus Guten gegenüberstellt, ist die Ausrottung vorprogrammiert. Das vermeintlich Gute muss paradoxerweise gegenüber dem vermeintlich Bösen praktizieren, was es angeblich verhindern möchte: das Böse. Deshalb geht nicht von einer Religion, von einem bestimmten Fundamentalismus eine Gefahr aus, sondern von allen Religionen, die einen „richtigen“ und einem „falschen“ Glauben kennen, von allen Fundamentalismen, die Toleranz allenfalls rhetorisch verkünden, in der Praxis aber zwischen Guten und Bösen unterscheiden, jene – zum Beispiel mit Privilegien – belohnen und jene – etwa beim Zugang zu öffentlichen Ämtern – benachteiligen.

Die Kritik am manichäischen Weltbild bedeutet freilich nicht eine Relativierung aller Werte, die grundsätzliche Leugnung des Bösen. Die Gleichsetzung von Mördern und Ermordeten, von Folterern und Gefolterten, von Vergewaltigern und Vergewaltigten ist eine unzulässige Verhöhnung der Opfer. Aber Täter und Opfer, das Böse und das Gute, wenn sie sich denn in dieser Eindeutigkeit gegenüberstehen, sind jeweils im einzelnen Fall zu überprüfen. Die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv macht noch niemanden gut oder böse. Das ist die Grundlage der Ablehnung von Kollektivschuld, auf der unsere Zivilisation beruht und die zumindest immer dann in Anspruch genommen wird, wenn man selbst einem Kollektiv angehört, dem Böses angelastet wird. Dass auch im Guten die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv kein Bonus sein kann, scheint zumindest dann in Vergessenheit zu geraten, wenn eine Fußballmannschaft ein Länderspiel gewinnt oder wenn ein Politiker auf Goethe oder Mozart stolz zu sein beansprucht. Das Gute ist, wie das Böse und seine Schattierungen, individuell verteilt und muss stets aufs Neue unter Beweis gestellt werden. Kein Christ, kein Amerikaner, kein Arbeiter, keine Frau ist „von Natur aus“ darauf abonniert.

Thomas Rothschild

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