Der Harald Schmidt der "Anderen Bibliothek"
22.12.2004
Es reicht
Von Wolfram Schütte
Die Email des Herausgebers Hans Magnus Enzensberger und des Herstellers Franz Greno, mit der sie einem exklusiven Kreis von Kennern & Liebhabern das Ende ihrer seit rund zwanzig Jahren monatlich angewachsenen „Anderen Bibliothek“ für den Sommer 2005 mit dem 249. Band ankündigen, hat unter Literaturredakteuren so fabelhaft eingeschlagen, wie Harald Schmidts letztjährige Ankündigung, seine Late Night Show in SAT 1 kurzfristig zu beenden, damals unter Medienjournalisten und Feuilletonisten für Entsetzen sorgte. HME & „His Schmidtness“ verstehen es, ihre Auftritte und Abgänge mit Aplomb zu inszenieren.
Wie im Falle Schmidts der neue, nichtsahnende SAT1-Geschäftsführer von seinem einzigen intellektuellen Zugpferd öffentlich abgeworfen wurde, so ist nun der Eichborn Verlag düpiert worden: von den beiden einzig Verantwortlichen für sein prestigeträchtigstes Buch- & Verlagsprojekt. Dabei stünden, behauptet Eichborn, die beiden Bibliotheks-Flüchtigen noch bis 2007 beim Frankfurter Verlag unter Vertrag.Abgesehen von dem jetzigen Coup, der wie ein Imitat des Harald Schmidtschen öffentlichen Abtritts erscheint (und wer den 75jährigen HME kennt, traut ihm alles zu: auch diese inszenatorische Kopie), teilen HME und der TV-Entertainer Schmidt, was ihnen ihre Verhaltensweisen allererst erlaubt: Schnelligkeit der Intelligenz, brillante Selbst-Vermarktungsstrategie, Gewitzt- & Gerissenheit bis zum Zynismus (also alles, wofür beide bewundert werden), aber vor allem: Souveränität, die ja nur besitzt, wer über den Ausnahmezustand verfügen kann. Die beiden Millionäre können ihn sogar, wie jetzt geschehen, herbeiführen – also sich das erlauben, wovon der sie bewundernde Rest der literarisch-feuilletonistischen deutschen Intelligenz noch nicht einmal ernsthaft zu träumen wagt: nämlich selbst bestimmen, wann sie die Schnauze voll & genug haben – zumindest in der Rolle, die sie eine Zeitlang zu ihrem und ihrer Verehrer Vergnügen gespielt haben. So gesehen war HME mit seine Late-Night-Show der „Anderen Bibliothek“ ein Harald Schmidt avant la lettre und Harald Schmidt mit der auf ihn ganz und gar zugeschnittenen Anderen Talkshow ein HME im TV-Mediengeschäft. Und beide wußten, was sie sich wert und wie teuer sie jenen sind, die sich mit ihnen schmücken wollen.
Wie bei Schmidts Abgang wollen Ihre hingerissenen Fans nun auch bei Hans Magnus Enzensberger „Finito!“ am liebsten nicht glauben, was ihre Stars ihnen nun als Entzug zumuten. Oder sie phantasieren sich rückwirkende oder vorausdeutelnde Verschwörungstheorien zurecht, nach denen der eigenwillige „Fliegende Robert“ (HME ad se ipsum) in die Luft gegangen sei, entweder weil der Eichborn-Verlag sein letztes Rundumsponsoring für das Humboldt-Projekt nicht hinreichend befördert habe, oder daß Enzensberger schon seine nächste Überraschung in der Tasche habe. Man wird ja sehen: wenn es zu gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen dem Herausgeber und dem Verlag der „Anderen Bibliothek“ kommt, ob der Verlag ohne die beiden Erfinder und Exekutoren ihrer „Anderen Bibliothek“, deren Name jedoch Eichborn gehört, Fortsetzer finden und ob der Münchner Staubaufwirbler, wenn er sich verzogen hat, plötzlich und unverhofft mit einem anderen, zeitgemäßen Projekt auf die Bühne tritt.
Kann aber durchaus sein, daß der muntere Fünfundsiebziger einfach genug von dergleichen Unternehmen luxurierender Moden hat. Man kann ihm immer alles zutrauen – dafür hat er, nicht nur durch flinke, dem „Zeitgeist“ vorauseilende Wendungen & Sprünge im eigenen essayistisch-lyrisch-journalistischen Oeuvre gesorgt, sondern auch durch zeitgemäße Magazin-Gründungen des leidenschaftlichen Projekteschmieds – wie „Trans-Atlantik“, das „Kursbuch“ oder schließlich die „Andere Bibliothek“, der er immerhin eine fast eheähnliche zwanzigjährige Treue hielt, was für einen umtriebigen Springinsfeld wie ihn wohl der stärkste Liebesbeweis seiner stärksten Neigung war: Der Neigung, allen anderen deutschen Verlegern (auch seinem Freund Siegfried Unseld) zu demonstrieren, was Verlegerei – mit Lust, Laune, kosmopolitischer Kenntnis, herausgeberischem Kalkül und intelligenter Gewitztheit betrieben – auch kann: das schier Unmögliche erreichen, nämlich mit Antiquarischem, Exzentrischem und sparsamen Novitäten die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, vorausgesetzt, man hat einen unverkennbar genialischen Hersteller und Ausstatter wie Franz Greno zur Seite, der noch das prekärste Buch derart zu präsentieren versteht, daß es in Schönheit gelungen erscheint.
Christoph Bartmann (in der SZ v. 22. 12. 04) hat zurecht hingewiesen auf sinnfällige & -volle Parallelen zwischen dem Versandhandelsunternehmen „Manufactum“, das gutes altes Gebrauchsgut nachbaut & zur Luxushandwerkerei veredelt und der „Anderen Bibliothek“ mit deren individualistisch-anspruchsvollem Programm und herausragendem, stilbildenden Buchdesign. Begrenzte, nummerierte Erst-, parallele Luxusausgaben gehörten zu dieser Exklusivität ebenso wie die Möglichkeit, die „Andere Bibliothek“ im Abonnement zu beziehen. Das Lesebändchen, das Greno wieder einführte, ist in manchen anderen Verlagen übernommen worden.Für beide „Unternehmensgründungen der westdeutschen Achtzigerjahre“ gilt, womit sie warben: „Luxus ist kein Verbrechen“ und „Es gibt sie noch, die guten Dinge“. Beide „geistesverwandte Unternehmungen“, bemerkt Bartmann, „rufen den Geist einer schönen Saturiertheit wach, als Geiz noch nicht geil und Geschmack noch ans Portemonnaie gehen durfte“. Es könnte sein, daß dergleichen Voraussetzungen im schwinden begriffen sind und Enzensberger das früher als andere begriffen hatte und – wie üblich bei ihm – konsequent handelte (& vielleicht auch rücksichtslos im Hinblick auf zuvor vereinbarte Buchprojekte?). „Es war ja nur eine schöne Kunstfigur“ (Clemens von Brentano).
Wolfram Schütte
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