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Montag, 21. Mai 2012 | 10:48

Logorrhöe

10.01.2005

Von Thomas Rothschild

 

Ob es an der zunehmenden Vereinsamung der Städter liegt? Es scheint ein ungeheures Potential an ungestilltem (ein in diesem Zusammenhang wunderbar zweideutiges Wort!) Mitteilungsbedürfnis zu geben. Wer nicht den Wunsch verspürt, sich eine lange Bahnfahrt hindurch über die Familienverhältnisse, die Essensgewohnheiten und die letzten sieben Urlaubsorte einer Unbekannten informieren zu lassen, sollte sein Gegenüber lieber nicht danach fragen, wohin es reist. Und eine unvorsichtig höfliche Nachfrage, wie es denn gehe, die eigentlich nur auf ein konventionelles und nichtssagendes "danke gut" zielte, kann unvermutet zu einem umfangreichen Katalog von echten und vermeintlichen Krankheitssymptomen anregen.

Nun kann man solche ausufernden Zuwendungen von Kommunikation vermeiden, indem man sich taub und stumm stellt. In der Regel hilft das. Aber wie schützt man sich vor akustischer Belästigung, die an einen anderen Adressaten gerichtet ist? Nein, hier soll nicht noch einmal Klage geführt werden über den allgemeinen Handyterror, obwohl der schlimm genug ist. Es geht vielmehr um jene Geschwätzigkeit, diesen ungebremsten verbalen Dünnpfiff, der sich just dort entfaltet, wo man seine ganze Konzentration einem konkurrierenden akustischen Reiz zuwenden möchte. Die Rede ist vom Konzert, der Oper, dem Theater. Dass im Jazzkeller, bei einem Folkfestival Freundeskreise und ganze Betriebsausflugsgruppen am Tisch sitzen oder herumstehen, pausenlos quatschen und die Musik so nachdrücklich ignorieren, dass man sich fragt, warum sie ausgerechnet an diesen Ort kommen mussten, ist ja mittlerweile fast die Regel.

Immer häufiger aber muss man es hinnehmen, dass auch im Konzertsaal, im Theater der Mann in der Vorderreihe seiner Frau den Unterschied zwischen einer Oboe und einer Klarinette erklärt, wenn diese (oder eine von ihnen) längst die schönsten Klänge produziert. Immer häufiger scheinen Opernbesucher der Ansicht zu sein, die Ouvertüre diene als Hintergrund für die Vollendung der zuvor begonnenen Tagesberichte. Und bei der Tenorarie im zweiten Akt ist man schon dankbar, wenn der Nachbar nur ein erkennendes Lob äußert und nicht mitsingt. Im Theater schließlich mag man gelegentlich darunter leiden, dass die Schauspieler zu leise oder undeutlich sprechen, aber auf die Erklärungen, die wiederum ein Nachbar seiner offenbar begriffsstutzigen Begleiterin abgibt, würde man gerne verzichten. Und im Übrigen auch auf die tierischen Urlaute exotischer Vögel, mit denen fein gekleidete Damen ihrer Begeisterung über einen Dirigenten oder einen Pianisten Ausdruck zu verleihen vorgeben, die aber nur der Selbstdarstellung von Egomanen dienen, die es nicht ertragen, mal nicht beachtet zu werden, und die auf jeden, der Musik tatsächlich liebt, der sie in sich nachklingen lassen möchte, wie eine physische Folter wirken.

Schon wahr, es gibt Kulturen, in denen im Theater und bei Musikdarbietungen ehrfurchtsvolle Stille unüblich ist. Und noch Haydn hat bekanntlich sein Orchester dirigiert, während die Gäste von Esterházy laut schmatzend und schwatzend ihr Abendessen genossen. Aber mittlerweile haben sich halt bei uns Konventionen herausgebildet und damit das Bedürfnis, Musik oder Theater ungestört aufzunehmen. Das Mitteilungsbedürfnis sollte doch besser anderswo gestillt (!) werden. Dass wir ihm so oft begegnen: vielleicht liegt es ja doch nicht an der städtischen Vereinsamung, sondern lediglich an der ganz normalen Rücksichtslosigkeit.

Thomas Rothschild

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