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Montag, 21. Mai 2012 | 10:49

Ackermann oder: Sündenbock & Leithammel

08.02.2005

Von Wolfram Schütte

 

Ich glaube, es war Edward G. Robinson (zumindest träfe es besonders auf ihn zu), für den die amerikanische Filmindustrie den Slogan erfand: „The Man you love to hate“. Die von dem brillanten Darsteller verkörperten Gangster waren klein, hässlich, neurotisch & brutal, kurz Ekelpakete des „Bösen“. Die paradoxe Formulierung Hollywoods, die einem genrebedingten Sündenbock galten & zur Verkaufsförderung seiner Filme diente, trifft auf den Konzernchef der Deutschen Bank, den Schweizer Josef Ackermann, nicht zu – oder nur bedingt. Denn Ackermann ist groß, ansehnlich-attraktiv und souverän. Nur hat er sich, als er mit dem Churchillschen Victory-Zeichen, den zum V gespreizten Finger der linken Hand, vor dem Prozess gegen ihn und den ehemaligen Vodafonchef Esser den Gerichtssaal betrat, als arrogantester aller „Bosse“ nachhaltig, weil optisch festgehalten und beliebig oft reproduzierbar, allgemein unbeliebt gemacht.

Dabei wollte er ja nur aller Welt zeigen, die in dem höchstbezahlten Manager der Republik den persönlichen Raffer schon sah, daß er – im Schutz bester Anwälte, versteht sich – nicht gerichtlich belangt werden könnte wegen einer selbst verfügten Gewinnbeteiligung am Verkauf zu Vodafon, was dann auch der Fall war.
Der „Sieg“ über die im (angeblich) „öffentlichen Interesse“ gegen ihn angetretenen „Staatsanwälte“ (also die Anwälte des Staates!), hat Ackermann, außer bei dienenden Wirtschaftsjournalisten, wenig Applaus eingebracht. Wie schon das scheinbar die Souveränität des Gerichts bewußt missachtendende Victory-Zeichen, schaffte erst recht Ackermanns Victory im Gericht die Grundlage für einen persönlichen Haß, der umso nachhaltiger war, als er sich einer Ohnmacht verdankte, die in seinem gerichtlich festgesetzten Freispruch den Wechsel einer strafenden Gerechtigkeit zu Protest gehen gesehen hatte.

Manager-Bosse wie Ackermann können & dürfen sich offenbar alles erlauben, weil sie jenseits des „Bürgerlichen Gesetzes“ stehen, lautete das Resümee des ungesunden Volksempfindens, das ungesund ist, weil es nur ein unaufgeklärtes Empfinden und nicht ein kundiges Wissen über die Praxis eines ökonomischen Systems ist, an dem es selbst, wenn auch bescheidener als der Souverän auf dem Chefsessel der „Deutschen Bank“, fraglos partizipiert.

Der Schweizer Bankier, den die Bosse der „Deutschen Bank“ auf den Chefsessel geholt haben, um das Unternehmen noch profitabler zu machen, indem er, mit dem Charme eines warmklingenden alemannischen Tonfalls, mitleidlos & kalt lächelnd möglichst viel unproduktiv-überflüssiges „Humankapital“ zur Profitmaximierung der DB entlässt, pardon: „freisetzt“, also die DB davon „befreit“, hat sich von diesem eingetretenen öffentlichen Imageschaden nicht im Geringsten einschüchtern lassen. Der Sündenbock für den Ansehensverlust der sich ungeniert selbst bedienenden deutschen Manager, fühlt sich offenbar ganz wohl in der Rolle des Leithammels.

Wahrscheinlich liebt er es gar nicht einmal so sehr, von den „Havenots“ gehasst zu werden, sondern liebt es nur nicht, geschasst zu werden, so daß er (was heute von jedem Beschäftigten drohend gefordert wird) einzig & allein „seinen Job optimal erfüllt“.
Im gleichen Augenblick, in dem der sozialdemokratische Wirtschaftsminister Clement die Flucht nach vorne antreten und die Lebenslüge offenbaren muß, daß nämlich trotz aller vorauseilender Botmäßigkeit der Regierung zugunsten der Großindustrie und der Banken die Zahl der Arbeitslosen „offiziell“ bei uns über die 5 Millionen-Grenze gestiegen ist (und de facto, nehmt alles nur in allem, wohl bei 8 Mio. angekommen sein dürfte), erklärt der Chef der Deutschen Bank, der Ackermann von Frankfurt am Main, ganz ungerührt & lächelnd, daß das von ihm gesteuerte Institut zwar das beste Profit-Ergebnis seit 2000 erzielt habe, ihm aber die 17 % Rendite des vergangenen Jahres längst noch nicht genug sei. Er peile vielmehr um die 25 % an und das sei halt nur zu erreichen, indem sich zu den bereits von ihm in die Freiheit des Arbeits- & Stellenmarktes entlassenen 20.000 DB-Mitarbeitern noch einmal 6400 gesellen müßten.

„Parteiübergreifend“, behaupten wahrheitswidrig die Medien, sei die „Empörung“ über Ackermanns Ankündigung nun „groß“ – dabei haben sich nur nichtssagende SPD- & CDU-Hinterbänkler darüber aufgeregt. Von den Vorsitzenden der “großen Volksparteien“, von Müntefering, Stoiber, Merkel oder vom Bundeskanzler hörte man kein lautes Wort dazu. Dabei müßten gerade sie – und zwar sie alle – doch jammern & wehklagen. Denn der radikal offen(siv)e Deutsche-Bank-Chef hat ihr oberstes wirtschaftspolitisches Mantra – nach dem erhöhte Profite der so genannten „Arbeitgeber“ & aufgrund erniedrigender Lohnkosten beim „Humankapital“, dessen Arbeitsplätze nicht nur „sichere“, sondern ihm auch neue schaffe – als Hokuspokus Fidibus enthüllt. Ackermann hat die Gesundbeter des „reformerischen“ Sozialabbaus ebenso gnadenlos wie demütigend als bestenfalls ahnungslose Dummschwätzer „vorgeführt“.
Was für eine Taktlosigkeit vom Chef der „Deutschen Bank“, was für eine Blamage für unsere Wirtschafts-Gläubiger in der Politik! Wieder einmal hat der DB-Chef grinsend sein Victory-Zeichen gemacht – und den „politisch Verantwortlichen“ bleibt nichts anderes übrig, als sich wegzuducken. Oder: wie Wirtschaftsminister Clement, sich ein wenig darob zu räuspern und eilfertig noch weitergehende Steuererleichterungen für Großunternehmen anzukündigen, verbunden mit der untertänigsten Bitte, doch dafür auch im Lande zu bleiben (Homerisches Gelächter in allen Vorstandsetagen Deutschlands).

Besonders peinlich müßte die „Blamage“ für die journalistischen Weißwäscher des Neoliberalismus sein, z.B. in der Wirtschaftsredaktion der „Süddeutschen Zeitung“. Ich kann mich aber noch gut daran erinnern, wie noch vor wenigen Wochen deren Ressortleiter Nikolaus Pieper, wie immer gut formuliert, für das Ackermannsche Paradox schon „vorgebaut“ hatte. Pieper hatte damals bereits ein Hohes Lied auf den „Patriotismus“ von deutschen Großunternehmen gesungen, die eine besonders fette Rendite einfahren, indem sie sich sowohl beim heimischen Personal radikal „gesundschrumpfen“, als auch die immer noch notwendige Arbeitsplätze in Billiglohnländer auslagern. Je höher die Rendite, desto patriotischer, weil arbeitsplatzsicherer sei das für die deutsche Restbelegschaft, wurde man von Pieper belehrt – ungeachtet der Tatsache, daß sich „das Kapital“ zweifelsfrei & global eher nach den Erkenntnissen von Karl Marx als nach den sentimental-nationalpatriotischen Illusionen von Nikolaus Pieper (oder Wolfgang Clement) richtet & verhält: ubi bene ibi patria.Wenn es Zeit ist, geht es; oder wenn seine Zeit gekommen ist, wird es abgeholt & geschluckt.

Noch amüsanter sind die Versuche der FAZ, den von der „Deutschen Bank“ unzeitgemäß platzierten „Sprengstoff“, mit dem Ackermann nach Clements „Schreckensmeldungen“ leider öffentlich hantiert hat, mit hauseigenen Bordmitteln zu entschärfen. Das übernimmt der Feuerwerker & Herausgeber Holger Steltzner. Das ist Chefsache. Nachdem er „die gespielte Empörung professioneller Betroffenheitspolitiker“ beiseite geschoben hat (wie Ackermann sie vorweg schon ignorierte), stellt Steltzner ein Paar rhetorischer Fragen, nämlich zwei: wie viel die DB verdienen muß, um auf Entlassungen verzichten zu können und ob die Gewinne nicht besser verwendet werden könnten, als sie den Aktionären in den Rachen zu schmeißen. Nein, weiß der FAZ-Besserwisser auf dem Chefsessel, das geht nicht, denn der arme Ackermann „ist ein Getriebener der Kapitalmärkte“, der hohe Gewinne machen müsse, damit die „verbleibenden Arbeitsplätze“ bei der DB gesichert und die Unabhängigkeit der DB erhalten bleibe. Also wieder einmal: der Schweizer als deutscher Groß-Patriot. „Doch wer verbirgt sich hinter der Chiffre Kapitalmarkt?“, fragt der FAZ-Lehrer seine halb noch empörten, halb schon verängstigten Schüler-Leser. Mitnichten verbirgt sich hinter dem „Kapitalmarkt“ der böse Wolf Ackermann und: „aufgemerkt also!“, wie Professor Unrat bei Heinrich Mann in solchen Fällen sagte, „auch nicht seine gewinnbeteiligten Investmentbanker“, diese Lämmlein, die der Kapitalmarkt vor sich hertreibt. Nein, nein, liebe Kinder: der Kapitalmarkt – das seid Ihr, Ihr alle: „ungezählte Arbeiter, Angestellte, Rentner oder Freiberufler, die über Lebensversicherungen, Fonds, Sparpläne oder berufliche Versorgungswerke eine möglichst hohe Rendite erzielen wollen!“

Ihr
seid es (und niemand sonst: keine Großaktionäre, Börsenspekulanten oder Finanzgesellschaften), nein, nein: Ihr allein seid es, die dem Ackermann, der für Euch sät und mit seinen Investmentbankern erntet, das Leben & Wirken sauer macht, wenn Ihr Euch über die von ihm bis jetzt schon 20.000 in Freiheit gesetzten und die 6200 schon wieder dafür vorgesehenen humankapitalistischen Ballaststoffe aufregt oder gar Euren Wohltätern von der „Deutschen Bank“ die Gewinnbeteiligung neidet. Ihr Kleingläubigen & Kleingläubiger, könnt Ihr nicht mit Eurem Ackermann wachen? Seid wachsam & lasst Euch doch nur nicht von der Schreckensmeldung über die fünf Millionen gezählte und 8 Millionen ungezählte arbeitslose Arbeiter, Angestellte, Rentner, Freiberufler aus der Ruhe bringen. Denn: „Mit welchem Recht will jemand“ Euch mitgefangenen kleinkapitalistischen Anleger „die Rendite für eine angemessene Altersvorsorge streitig machen, zumal der Staat die versprochene Rente nicht mehr wird zahlen können“. Welcher Jemand? Der steuer(n)lose Staat etwa? Niemand – außer den Neidern aller Hartz IV-Kreise.
Ackermann wacht, Gute Nacht!

Wolfram Schütte

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