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Montag, 21. Mai 2012 | 10:53

Godards Schweigen

14.03.2005

Von Thomas Rothschild

 

Es ist einer der großen Momente, in denen die Verweigerung einer Antwort mehr sagt als jedes Wort. Zuvor die Frage: „Werden die kleinen Digitalkameras den Kinofilm retten?“ Jean-Luc Godard, an den sie gerichtet ist, schaut verständnislos und schweigt. So dokumentiert in Godards jüngstem Film „Our Music“.

In dieser Szene treffen zwei Einstellungen aufeinander. Vielleicht auch zwei Generationen. Godard versteht die Frage offenbar nicht, mit der er da konfrontiert wurde, will sie nicht verstehen. Aus ihr spricht ein technologisches, ein technizistisches Weltverständnis, das der künstlerischen Auffassung Godards vom Film diametral entgegengesetzt ist.

Aber gestehen wir es ein: Die Frage befindet sich im Gegensatz zu Godards Reaktion auf der Höhe der Zeit. In den vergangenen Jahren haben die Künste – und keineswegs nur der Film – zunehmend auf technische Erfindungen gewettet, nicht auf ästhetische Innovation. Ob in der bildenden Kunst oder auf dem Theater, in der Musik oder selbst in manchen Bereichen der Literatur: man erhofft sich das Heil von Computer und Videokamera, von Apparaten und Elektronik, nicht von neuen Formen und Stoffen. Was Alfred Hrdlicka einst, wohl polemisch, Mondrian und seinen Nachfolgern vorwarf, dass sie den Menschen aus der Kunst verbannt hätten, das gilt heute modifiziert und verstärkt angesichts einer erkennbaren Verdrängung der Auseinandersetzung mit dem Menschen durch inhaltsleere Technologie.

Nun soll ja gar nicht geleugnet werden, dass technischer Fortschritt den Künsten von Nutzen sein kann und in deren Geschichte immer wieder gewesen ist. Auch Jean-Luc Godard hätte seinen ersten Film ohne die damals neuen leichteren Handkameras so nicht drehen können. Aber in die Filmgeschichte und in die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist „Außer Atem“ eingegangen wegen seiner revolutionären Bildsprache. Nicht die Handkamera macht eins der Schlüsselwerke der „Nouvelle Vague“ aus, sondern die geniale Weise, in der Godard mit ihr umgeht, wie er das gefilmte Material montiert, wie er Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg präsentiert, wie er sich mit sechzig Jahren Filmgeschichte auseinandersetzt.

Dem gegenüber ist die Hoffnung, die kleinen Digitalkameras könnten den Kinofilm retten, dem gegenüber sind all die Videotricks auf dem Theater, all die Computeranimationen in sämtlichen Lebensbereichen lediglich Ausdruck von Ideenarmut, einer bewusstlosen Hörigkeit gegenüber dem technisch Machbaren, die im künstlerischen Bereich die Mechanismen einer Wirtschaft reproduziert, in welcher der Mensch durch Maschinen und Elektronik ersetzt wird, weil das für einige Wenige profitabel ist.

Thomas Rothschild

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