Sind Bücherleser bessere Menschen?
21.03.2005
Von Hans Durrer
Anfang März berichtete der Londoner Guardian, dass Luis Sanchez, der Bürgermeister von Nezahualcoyotl, einem Arbeiter-Vorwort am Rande der mexikanischen Hauptstadt, die unter seinem Kommando stehenden Polizisten verpflichtet habe, jeden Monat mindestens ein Buch zu lesen, ansonsten sie der Chance auf Beförderung verlustig gingen. Er glaube nämlich, so Herr Sanchez, dass Lesen das Vokabular der Polizeiangestellten erweitern und auch ihre Fähigkeiten, sich schriftlich auszudrücken, fördern werde. Zudem werde es Ihnen helfen, ihre Gedanken zu ordnen und effektiver mit dem Publikum zu kommunizieren. „Lesen“, so der Bürgermeister, „wird sie zu besseren Polizeioffizieren und zu besseren Menschen machen.“
Herr Sanchez hat meine Sympathie. Nicht zuletzt, weil auch ich glaube, dass Bücherleser bessere Menschen sind. Auch wenn ich dafür überhaupt keinen Beleg vorweisen und so recht eigentlich auch weiss, dass es einen solchen wohl gar nicht geben kann.Übrigens: Bücherleser wie sie Herr Sanchez (ich schliesse mich an) versteht, meint nicht den Leser, der alles, was auf Papier gedruckt sich zwischen zwei Buchdeckeln findet, für ein Buch hält (obwohl es das streng genommen natürlich ist), Bücherleser meint den Leser von Texten, die als einigermassen anspruchsvoll gelten und von denen angenommen wird, sie könnten uns bilden (was auch immer das sein mag).
Die Lektüre folgender Autoren wird empfohlen: Edgar Allan Poe, Agatha Christie, Arthur Conan Doyle, Paco Ignacio Taibo II, Carlos Fuentes, Octavio Paz, Juan Rulfo, Gabriel García Márquez, Miguel de Cervantes, Antoine de Saint-Exupéry.Ich habe keine Einwände gegen die Liste, auch wenn ich nicht von allen hier genannten Autoren Bücher gelesen habe (ehrlich gesagt nur von vier der zehn) – schliesslich ist jeder verschieden geprägt, hat jeder wieder einen etwas anderen Geschmack. Trotzdem: um ein gutes Buch auch als solches schätzen zu können, empfiehlt es sich, gelegentlich auch Schrott zu lesen – und sei es auch nur um des Vergleichs Willen.
Doch bleiben wir bei der Frage, ob Bücherleser bessere Menschen sind? Also wenn ich mir manchmal Büchersendungen im Fernseher angucke, wo Leute, die offenbar viel lesen, den Zuschauern bekannt geben, welche Bücher sie warum gut finden, oder mich an die paar Germanistik-Vorlesungen, die ich mir vor vielen Jahren angetan habe, erinnere, da habe ich so recht eigentlich eher den Eindruck, Bücherleser seien in erster Linie ... na ja, Strebertypen eben, schöngeistig, rechthaberisch, und gefallsüchtig obendrein. Aber bessere Menschen? Und einfach, weil sie Bücher lesen? Wer verlangt, dass man lesen, lesen, und nochmals lesen soll, ist meist im Bildungssektor tätig (hat also Leser nötig) und meint es womöglich gut (und wenn er Verleger ist, vor allem mit sich selber), doch die Vorstellung, dass einen die Lektüre der Werke Shakespeares zu einem besseren Menschen machen könnte, entbehrt nicht einer gewissen Lächerlichkeit und gehört wohl in die Kategorie „Massenmörder, aber gläubig“.
Die Initiative von Herrn Sanchez ist gleichwohl zu begrüssen. Einerseits, weil ein Polizist (es kann, wie immer, auch eine Frau sein), der liest, in der Zwischenzeit nichts Dümmeres tut, und andrerseits, weil ihm die Lektüre Entdeckungen zu machen erlaubt, die im praktischen Leben womöglich nützlich sein könnten. Diese hier zum Beispiel: „Ihr Amerikaner denkt, wenn die Leute etwas wollen, soll es erlaubt werden.. Ihr bestraft euch mit Unerfreulichem, indem ihr etwas duldet, was ihr eigentlich verabscheut. An diesem Paradox werdet ihr zugrunde gehen, das meint zumindest der Philosoph. Wir Franzosen wissen, dass die Menschen nicht das Gute, sondern das Mühelose wollen, und der Trägheit der menschlichen Natur nachzugeben ist nicht gerade bewundernswürdig“ (Diane Johnson: Scheidung auf französisch).
Simmt’s? Stimmt’s nicht? Darüber selber nachzudenken lohnt allemal. Und nicht nur für Polizisten....
Hans Durrer
|
Von der Verrohung des Bürgertums
Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...
Gegen die Dominanz des Beliebten
Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...
Garten Eden vor der Haustüre
Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...
Vergangen, aber nicht vorbei
Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...
Gesamtnote: zehn. Bestanden!
Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...
Verstaubt ohne Ende
Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...
Der neue Schulmädchenreport
»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...
|