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Montag, 21. Mai 2012 | 10:54

Vermischte Meldungen

28.03.2005

Von Hans Durrer

 

In der Osterausgabe der Neuen Zürcher Zeitung fand sich dieses Jahr auf der Seite „Vermischte Meldungen“ ein langer Text über das New Yorker „Plaza“ Hotel, das die neuen Eigentümer schliessen und in Luxuswohnungen umbauen wollen, daneben ein etwas weniger langer Text über die Eröffnung der Weltausstellung in Japan sowie Berichte über den Fall Schiavo, eine Flüchtlingstragödie vor Sizilien, eine Polizeiaktion gegen Menschenhändler in Athen und die Explosion einer Öl-Raffinerie in Texas. Zudem erfuhr man, dass, wegen der Umstellung auf die Sommerzeit, Ostern dieses Jahr eine Stunde kürzer war und dass – so die Kurzmeldungen – es in Verbier zu einem tödlichen Snowboardunfall gekommen, in Frauenfeld ein 62-jähriger Rennvelofahrer tödlich verunfallt sei, es in Südostasien weitere Opfer der Vogelgrippe gegeben und in England und Wales, seit dem Verbot der Hetzjagd mit Hunden, 800 Füchse getötet worden seien.

Ein Ausserirdischer, zum ersten Mal zu Besuch auf unserem Planeten, würde sich wohl einigermassen wundern über dieses Potpourri an Meldungen und sich womöglich fragen, weshalb dem Plaza in New York soviel und der Flüchtlingstragödie vor Sizilien so wenig Platz gewidmet wurde. Da Fragen nach dem publizistischen Warum in aller Regel mit den Wünschen der Leser begründet werden (auch wenn wohl häufig simple praktische Erwägungen – „Ich brauch hier noch einen Text von 2'000 Zeichen, Hugo“ – den Ausschlag geben), bedeutete dies in diesem Fall, dass dem Leser der Neuen Zürcher Zeitung nun einmal die Eigentumsverhältnisse (und die sich daraus ergebenden Folgen) des New Yorker Plaza näher stehen als das Schicksal von ein paar chinesischen Flüchtlingen.

Warum, trotz der wenig prominenten Platzierung, gerade der kurze Text über die Flüchtlingstragödie vor der Küste Siziliens meine Aufmerksamkeit erregte, mir haften blieb, und nicht mehr los liess, vermag ich nicht zu sagen. Es war eine Agenturmeldung und las sich wie folgt: „Rom, 25. März (ap) Menschenschmuggler haben vor der Küste Siziliens offenbar 15 chinesische Flüchtlinge über Bord geworfen. 6 Leichen wurden am Dienstag geborgen; 6 weitere Chinesen wurden gerettet und laut Polizeiangaben unterkühlt ins Spital gebracht. 3 Personen werden noch vermisst. Nach Erkenntnissen der Ermittler waren die Chinesen in Malta aufgebrochen. Die Flüchtlinge wurden etwa 22 Kilometer von der sizilianischen Küste laut Aussagen der Überlebenden unter Waffengewalt gezwungen, ins Wasser zu springen.“

Mich hat diese Nachricht erschreckt. Und aufgewühlt. Weil mir nur Fakten mitgeteilt werden, mir der Kontext fehlt – und man mich damit mit mehr Fragen als Antworten zurück lässt. Da sind also 15 Chinesen nach Malta geflohen – waren es Männer oder Frauen, waren sie jung oder alt, waren Kinder dabei? Woher in China kamen sie, was waren sie von Beruf, wieso flohen sie, wie und wo gelang ihnen die Flucht und wieso nach Malta? In Malta gibt es also offenbar Menschenschmuggler – ja sind diese denn der dortigen Polizei nicht bekannt (Malta ist schliesslich nicht gerade riesig), werden die nicht überwacht? Etc. etc.

Vor vielen Jahren habe ich im südlichen Vietnam einen Mann gekannt, der damals um die fünfzig war, während des Krieges als Helikopterpilot für die Amerikaner geflogen war und, wie er mir erzählte, dreiundzwanzig Mal aus dem Land zu fliehen versucht hatte und dreiundzwanzig Mal gefasst wurde. Er werde es wieder versuchen, sagte er und wir lachten beide. Er half mir, mich im Land zurecht zu finden. Wir machten Ausflüge, ich lernte seine Familie kennen, wurde zu einer chinesischen Hochzeit mitgenommen, auch weil, wie mir gesagt wurde, einen Ausländer dabei zu haben, Glück bringe. Mir gefiel das Fest, die Gäste schienen freundlich und gelassen, doch alle wollten sie weg. Und wohin? Amerika, sagte eine alte Chinesin. Und wohin in Amerika? Chinatown, antwortete sie.

Seit einigen Jahren, so erfuhr ich letzthin, lebt mein Bekannter jetzt in den USA. Ich weiss nicht, wie er es dorthin geschafft hat, doch ich wünsche ihm, dass es dort manchmal so ist, wie er sich das erhofft hat.

Hans Durrer

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