Von Wunden, Wahrheitskommissionen und Wiedergutmachung
11.04.2005
Die Sozialdemokraten entschuldigen sich
In der DDR haben jüdische und nicht-jüdische Rückkehrer aus dem Exil, darunter die Österreicher Hanns Eisler und Georg Knepler und der Pass-Österreicher Bertolt Brecht, die man in Österreich nicht dulden wollte, ein blühendes Musik- und Theaterleben aufgebaut. Selbst im konservativen Adenauer-Deutschland konnten Heimkehrer die Frankfurter Schule erneut zu einem einflussreichen Zentrum der intellektuellen Inspiration machen. In Österreich gab es nichts Vergleichbares. Dort bestimmten Austrofaschisten im Kartellverband (CV) und Nazis im Bund sozialistischer Akademiker (BSA) das geistige Klima, und diese sorgten dafür, dass ihr Mittelmaß bis in unsere Gegenwart hinein nicht überschritten wurde. Selbstkritik an der versäumten Rückholung von Exilanten blieb stets nur rhetorische Pflichtübung. In der politischen Praxis bevorzugten auch Sozialdemokraten nachweislich jeden FPÖ-Antisemiten gegenüber einem Juden. An den Universitäten entschieden Nationalsozialisten wie Heinz Kindermann, Otto Höfler oder Erich Heintel, wo’s lang geht, während Heinz Politzer, Karl Popper und zahlreiche andere allenfalls mal durch einen Preis „geehrt“ wurden, wie es Franz Werfel bereits in seiner „Blassblauen Frauenschrift“ karikiert hat. Und die SPÖ benennt bis heute ihr Bildungsinstitut lieber nach dem freudigen Anschlussbefürworter Karl Renner als nach der verjagten Marie Jahoda.
In einem Gespräch mit der in Wien erscheinenden „Presse“ vom 12.2.2005 (einem für Sozialdemokraten symbolischen Datum) sagt der gegenwärtige österreichische Bundespräsident Heinz Fischer: „Renners ‚freudiges Ja’ zum ‚Anschluss’ ist eindeutig eine arge Fehlentscheidung gewesen und etwas, was ich sehr irritierend finde. Ich glaube aber, dass sich Renner dieses Fehlers bewusst wurde, und er soll einmal gesagt haben, er sei glücklicherweise in die Lage versetzt worden, im Jahr 1945 an der Wiedergutmachung dieses Fehlers zu arbeiten.“ Fehlentscheidung, irritierend, Fehler… Gerne wüsste man, worin genau die „Wiedergutmachung“ des ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik bestanden hat. Bestraft wird jedenfalls, wer nichts wiedergutzumachen hat.
Der deutsche Germanist Fritz Martini hat sich im Dritten Reich kompromittiert. Er hat nie darüber gesprochen. Aber er hat Käte Hamburger aus dem schwedischen Exil an die Universität Stuttgart geholt. Eine ähnliche Geste ist aus Österreich nicht ruchbar. Im Gegenteil: hier berief man Professoren, deren Nazivergangenheit allgemein bekannt war, nach einer kurzen Anstandspause bald nach 1945 wieder auf prominente Lehrstühle. Ihre Kollegen und die Minister und Bundespräsidenten, die diese Berufungen zu verantworten hatten, fühlen sich in der Umgebung von alten Nazis allemal besser als in der Nachbarschaft von Juden.
Seit Jahren, nein, seit Jahrzehnten gibt es Wortmeldungen, die darauf hinweisen, dass man es nach 1945 nicht nur unterlassen hat, verjagte Österreicher aus dem Exil zurückzuholen, sondern dass der BSA systematisch und massenhaft alte Nazis, darunter SS-Leute, Gestapomänner, Mörder und Kriegsverbrecher aufgenommen hat. Unter dem Druck des immer wieder verdrängten Falls des Euthanasiearztes Heinrich Gross sah sich der BSA nun genötigt, eine Aufarbeitung seiner Geschichte in Auftrag zu geben. Der Präsident des BSA Caspar Einem entblödet sich nicht, sich dabei auf die südafrikanischen Wahrheitskommissionen zu berufen. Diesen Vergleich muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die Wahrheitskommissionen wurden bekanntlich von den Opfern der Apartheid gebildet. Sie waren ein großzügiges Angebot an die Folterknechte von gestern. Worin also besteht für den Präsidenten des BSA die Analogie? War der BSA, der die Nazis aufnahm und förderte, das Opfer? Hat man jene, die vor und nach 1945 von diesen Nazis diskriminiert wurden, gefragt? Hat man sie um Amnestierung gebeten?
Der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich bemerkte einmal: „Manchmal geschieht es, daß Untäter sich entschuldigen. Sie sagen zu den Opfern: ‚Wir entschuldigen uns.’ Sie bitten nicht um Entschuldigung, sie entschuldigen sich. Sie sprechen sich von Schuld selbst frei. Da könnten sie ebensogut sagen: ‚Wir verzeihen uns.’ Da könnten sie auch sagen: ‚Wir vergeben uns.’ Der schlampige Gebrauch des Wortes ‚entschuldigen’ fällt niemandem so recht auf. Wer kann denn wen entschuldigen? Nur die Opfer können entschuldigen. Nur die Opfer können vergeben. Wenn sie aber tot sind, können sie es nicht. Für diejenigen, die sich selbst von Schuld freisprechen, ist es nicht weit bis zu dem Satz: ‚Wir versöhnen uns’, nämlich mit den Opfern. Wollen sich die Opfer mit den Untätern versöhnen?“
Der BSA amnestiert sich selbst. Zur Präsentation der in Auftrag gegebenen Studie über „Die Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten“ wurde unter dem Titel „Wunden schließen“ eingeladen. Der Präsident des BSA erklärte feinsinnig, es ginge darum Wunden offenzulegen, damit sie heilen könnten. Wer aber hat diese Wunden geschlagen? Und wer hat sie erlitten? Was geht bei Leuten vor, die die Verwirrungen in den Köpfen der heutigen Wundheiler im BSA nicht durchschauen, die sie gar für einen Ausdruck antifaschistischer Courage halten? Wo bleibt auch nur die Spur eines Unrechtsbewusstseins, wenn man die Verletzungen der Täter pflegt und die Wunden ihrer Opfer nicht einmal wahrnimmt? In seinem Stück „Der einsame Weg“ lässt Arthur Schnitzler den jungen Felix sagen: „Ein Geständnis hebt eine Schuld nur auf, solange der Schuldige dafür bezahlen kann.“ Der BSA hat mit seinem Geständnis so lange gewartet, bis kaum noch jemand vorhanden ist, um die Schuld zu bezahlen. Aber das ist ein theoretisches Problem. Es hat ohnedies niemand daran gedacht, irgendwelche Schulden zu bezahlen. War nur so dahergeredet. Man ist ja in Österreich.
Thomas Rothschild
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