Brigitte & Elke
25.04.2005
Buch, Markt- & letzte oder jüngste Schreie mit Folgen
Von Wolfram Schütte
Schon vor mehr als einem Jahrzehnt konnte man als Literaturredakteur einer überregionalen Zeitung von den Pressefrauen seriöser Verlage hören, daß eine literarische Empfehlung in der Frauenzeitschrift „Brigitte“ für den Verkaufserfolg eines Buches durchschlagender sei, als alle Rezensionen, Kritiken oder Anzeigen in den Großen Tages- & Wochenzeitungen des „Qualitätsjournalismus“ zusammen. „Brigitte“ schlug uns alle, wenn es um „Kasse“ im Buchhandel ging. Es wird nicht zuletzt an Elke Heidenreich gelegen haben, die dort seit 20 Jahren Kolumnen schreibt, aber nicht nur an ihr, daß „Brigitte“ nicht allein den feinen Ton für weibliches Outfit, Moden, Diät und Kosmetik angab, sondern auch für den Absatz von Literatur „gehobenen Anspruchs“. Es ist längst nicht nur mehr ein offenes Geheimnis, sondern mittlerweile so selbstverständlich, daß es gar nicht mehr wahrgenommen wird: die große Mehrheit der Leser von Romanen, Erzählungen und Lyrik sind Leserinnen – im Bereich der (noch) regelmäßig lesenden Schichten unserer Gesellschaft.
Die Leserinnen haben offenbar mehr Zeit (oder besser: nehmen sie sich), also mehr Muße dazu, und sie werden von weniger audiovisuellen Attraktionen – Politik, Sport, beruflicher Karriere – abgelenkt bei der Bestimmung & Ausfüllung ihres individuellen Zeitbudgets, als (ihre) Männer.
Auch darf man annehmen, daß sich bei ihnen eine höhere oder weitere Sensibilität herausgebildet und/oder erhalten hat, der Kulturtechnik des Lesens und der Bewegung in fiktiven literarischen Welten ein Vergnügen abzugewinnen, das im emotionalen Nachvollzug starker Lebens- (& nicht nur Liebes-) Geschichten eine Bereicherung ihres individuellen Lebens erfährt. Literatur als Lebensmittel, Sinnstiftung und Teilhabe an der Fülle der Welt, jenseits des eigenen Erfahrungsraums, der sich lesend aber erweitert und damit jenen wiederkehrenden „Sog“ entwickelt, der für den Typus des/der Lesenden so fundamental ist.
Insofern wäre der ungewöhnliche, um nicht zu sagen „abseitige“ Ort für den Verkaufserfolg anspruchsvoller Literatur (gewiß nicht aller und schon gar nicht „sperriger“), so ungewöhnlich nicht – umso mehr, als nicht nur das lebensweltliche journalistische Ambiente der stilbildenden Zeitschrift „Brigitte“ vertrauenswürdig & kundig ist, sondern auch emotionale Tonlage, Interessens-Ansprache und sprachliche Signalements der „Brigitte“-Lektüre-Empfehlungen auf ein Publikum eingestimmt sind, das sich dabei zuhause & verstanden fühlt, weil es sich von Gleichgestimmten aus- & angesprochen sieht. Der Schriftsteller H.C. Buch hat vor kurzem über diese „weibliche Wellness-Literatur“-Förderung, die durch das „Matriarchat“ von Elke Heidenreich symbolisiert werde, in der „Welt“ Klage geführte und ist gleich als „Macho“ abgestraft worden.
Aber es lag längst schon in der Logik nicht nur der Zeit, welche Frauen in den Medien größere Macht einräumt, sondern auch im Interesse der Buchbranche, daß die „Brigitte“-Kolumnistin und Erzählerin Elke Heidenreich das ausgegeigte „Literarische Quartett“ und dessen kurzzeitige Zugabe mit dem nun erst recht schulmeisterlichen Primgeiger mit Aplomp „beerbte“. Wo dieser als literarischer praeceptor germaniae ex cathedra herumkrähte (& zum diebisch-masochistischen Vergnügen einer happy few zur unübertrefflichen Selbstparodie aufgelaufen war), hat seine weibliche Nachfolgerin der Figur des marktschreierischen Propagandisten als originelle Marketenderin des Literarischen ein verspätetes Debüt mit dem Imperativ „Lesen!“ im Fernsehen verschafft – genau zu dem Zeitpunkt, als dieser altehrwürdige schaustellerische Berufstand, der einmal Pfannen, Küchengeräte oder Bügelautomaten an den Eingängen unserer Kaufhäuser als letzten Schrei müßiggängerischen oder neugierigen Gaffern lauthals anpries, von den Einkaufsstraßen unserer Metropolen verschwunden ist. In der Person Elke Heidenreich glüht sein Renommee nun noch einmal nach – und schafft sich zusätzlichen Respekt, indem die Dompteurin in einem Kleinkunsttheater willfährige männliche Promis als „Gäste“ zur Vorführung bringt, die – ob deutscher Außenminister, Schmidtdurcheinander, FAZ-Herausgeber oder RTL-Quotenhitler – submissest darstellen dürfen, daß auch sie wirklich & gelegentlich: „Lesen!“
Glücklich dürfen Verlage sich schätzen, deren Bücher hier mit der Banderole eines zitierfertig formulierten Werbeslogans umgarnt und dem „Kaufen!“ anempfohlen werden. Nichts sucht das potentielle Kaufpublikum süchtiger, als daß ihm die subjektive „Qual der Wahl“ oder die zeitraubende Suche nach dem „interessanten“ Buch im Dschungel der Kritiken & Rezensionen kurzerhand & autoritativ abgenommen wird und es sich dabei doch zugleich „on the sunny side of the street“ befindet, wo „man“ weiß, was zu lesen sei.
Hatte das „Literarische Quartett“ noch vier(!)stimmig ein Buch unterschiedlichen Urteils- & Argumentations-Temperamenten ausgesetzt und damit so etwas wie einen literarischen Quatrolog unter Kennern & Liebhabern, Selbstdarstellern und Spaß-Charakteren simuliert – also die Chimäre einer literaturkritischen Öffentlichkeit im Potentialis vorgeführt –, so hat sich die Situation mit der Ein-Frau-Show Elke Heidenreichs auf den Ernstfall einer Vor-Leserin reduziert, die hinter ihrem Warentisch mit der immer gleichen, lautstarken Betroffenheits-Pose der glühenden, sozusagen verbissenen Liebhaberin der Literatur für ihre von eigener Hand aufgestellten Lieblinge derart die Werbetrommel rührt, daß einem jedoch im Trommelfeuer ihrer Prestissimo abgeschossenen Superlative Hören & Sehen vergeht.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis „Brigitte“ begriffen hatte, was für eine Goldene Gans sie mit ihrer Elke Heidenreich im Fernsehen laufen hatte. Denn anders als die „Süddeutsche Zeitung“, die für das Marketing ihrer 50igbändigen Romanbibliothek noch ihre Literaturkritiker als wöchentliche Klappentexter zwangsrekrutieren mußte, braucht die Frauenzeitschrift nur ihre Kolumnistin anzutippen, damit diese ihr eine „von Elke Heidenreich erlesene Brigitte-Edition“ von Romanen liefert – „um den Erlös von Brigitte zu steigern“, wie die „Süddeutsche Zeitung“, die´s allen anderen deutschen Blättern vormachte, jetzt ebenso kennerisch wie süffisant meldet. Denn nach den irreduziblen Einbrüchen im Anzeigengeschäft suchen viele deutsche Zeitungen und Zeitschriften neue, zusätzliche Gewinne durch Discount- & Schnäppchen-Verwertungen der Backlisten der (Hör-)Buchverlage, des Film- & Medienmarktes zu erzielen: von SZ, ZEIT, FAZ, Welt, BILD, Spiegel bis zur Provinzpresse.
Hatte die SZ noch das kleine Problem, ihre 50 mehr oder weniger längst bekannten Romane und Erzählungen aus der Backlist deutscher Verlage wie eine „Bibliothek der Moderne“ als unbestechliche Auswahl ihrer Literaturredaktion zu präsentieren (wie jetzt wieder mit ihren DVD-Filmhits), so hat es „Brigitte“ da leichter. Elke Heidenreich ist (nicht zuletzt durch ihre TV-Prominenz & -Präsenz) zu einem verkaufsfördernden „Logo“ sui generis geworden. Sie ist gewissermaßen die gehobene Volksausgabe des intellektuellen Dandys Hans Magnus Enzensberger, der einst die nun nach fast 250 monatlich edierten Bänden auslaufende „Andere Bibliothek“ mit dem selbstbezogen-vertrauensstiftenden Slogan begründete, dort nur schön gemachte Bücher in der hochkultivierter Ausstattung des renommierten Herstellers Franz Greno zu edieren, „die wir selbst lesen wollen“.
Von Elke (Magna) Heidenreichs „Brigitte-Edition“ heißt es denn auch, daß die vorerst 26 Bücher, die vierzehntägig erscheinen und von ihr in der „Brigitte“ beworben werden, nicht ein Literaturkanon bilden sollen (denn das Wort ist ja negativ besetzt & gilt als Zwangsveranstaltung), sondern in aller markterprobter Bescheidenheit handele es sich dabei nur um „persönliche Empfehlungen“ ihrer Kolumnistin. Eben: der persönliche literarische Geschmack der Herausgeberin, der sich als kompatibel mit dem ihres Publikums erwiesen hat, ist ja das zugkräftige Kapital dieser „Brigitte“- (& TV) Edition in Halbleinen und mit Lesebändchen zu 10 ¤ das Stück.
Die Subjektivität und Exklusivität der Enzensbergerschen „Anderen Bibliothek“ verlangte ihren Käufern & Lesern sowohl Neugier als auch Vertrauen auf die Findigkeit ihres Herausgebers ab, der für vielerlei Überraschungen, Entdeckungen oder Wiederfunde sorgte, indem er seinem hybriden Literaturbegriff folgte, der sich vorallem jenseits des landläufig Belletristischen in der Reiseschriftstellerei, dem Essay, der Reportage, der Wissenschaftsprosa etc. tummelte. Und die „AB“ hatte auch ihren Preis, der kein „Schnäppchen“ war, aber auch dann durch die brillante herstellerische Inszenierungskraft Grenos gerechtfertigt schien, wenn einem dieses oder jenes Fundstück HMEs denn doch zu ausgefallen oder gar läppisch erschien. Die Reihe selbst basierte aber verlegerisch auf einer ökonomischen Mischkalkulation, die verlagsökonomisch doch immer riskant blieb, sosehr auch Nachauflagen als Erfolgsausgaben oder sogar kalkulierte Bestseller das Risiko minderten.
Gegenüber diesem ebenso elitär-exklusiven Clubcharakter, der noch ganz auf eine gebildete, solvente, distinktionswillige Leserschaft von Buch-Kennern und bibliomanischen Liebhabern & Sammlern spekulierte (nicht zu vergessen: limitierte Erst-Auflagen, lederne Vorzugsausgaben, Abonnement und Lesegesellschaft!), gehören alle anderen jüngsten Imitate des Reihencharakters solcher Bucheditionen einer „anderen Welt“ an: der des massenattraktiven Marketings, mit dem Zeitungsverlage in die Domäne der Buchverlage eindringen und den Buchhandel als Umschlagsort der Bücher neu aufmischen und verändern.
Durch die Person oder Institution erscheinen diese „Best of the market“- & „Reader´s Digest“- Editionen hinlänglich „persönlich“, durch den Reihencharakter wird ein Sammel- und Vollständigkeitssog provoziert und durch die Ausstattung („Halbleinen & Lesebändchen“) repräsentative Qualität suggeriert und alles zusammen zu „Schnäppchen-Preisen“ angeboten, angesichts derer der Taschenbuchmarkt, auf dem alle diese Titel schon vorlagen, überteuert erscheint, ganz zu schweigen von den Hardcoverpreisen für neue Bücher & Erstausgaben. Den Verlagen bleibt nichts anderes übrig – und kurzfristig „rechnet“ sich diese Wiederverwertung ihrer Backlist-Titel für sie –, als auf diese Marketingzüge mit Lockführern, -vögeln & Promotern aufzuspringen, koste es auch langfristig für den Buchhandel und die aktuelle Neuproduktion der Buchverlage, was es auch wolle: nämlich ein verändertes Verhältnis der Kunden zum bisherigen Preisgefüge & eine Umschichtung in ihrem Kaufverhalten.
Vor allem aber sind diese Reihen-Editionen nicht nur mit ihren „Schnäppchen-Preisen“ ein Angriff der Vergangenheit auf jegliche Zukunft, sondern auch ein werblicher Generalangriff in Permanenz an immer gleichen Orten – nämlich den Printmedien, die nun „ihre“ eigenen „Verlags“-Produkte absetzen wollen & müssen und dabei ökonomisch und logistisch jedem Buchverlag, der für seine neuen Produkte bei ihnen werben müßte, himmelweit überlegen sind.Wird dann noch die bisherige Buchpreisbindung von der EU-Kommission „geknackt“ – und unverständlicherweise hat der deutsche Buchhandel mit Apathie auf deren jüngst verordnete Aufhebung in der Schweiz reagiert –, dann werden sich Buchproduktion & -handel bei uns so radikal & rasant verändern, daß wir es uns heute noch gar nicht vorstellen können.
Nun: “Brigtte & Elke“ sind daran gewiß nicht „schuld“. Sie liegen nur im Trend, der die Richtung angibt. Es wird, wegen ihrer Billigpreise, am Ende eben teurer einen auf Neues erpichten literarischen Geschmack zu haben. The same procedure as everywhere.
Wolfram Schütte
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