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Montag, 21. Mai 2012 | 10:56

Treue

09.05.2005

Gibt es ein altmodischeres Wort als “Treue”? Sie ist in Verruf geraten, mit ihr möchte sich jenseits vom ritualisierten Versprechen bei der Hochzeit niemand mehr brüsten. Hierzulande denkt man, wenn man sie nennt, gleich “Nibelungen” mit, will heißen: bedingungslos, ohne Reflexion und Kritik.

 

Und das hat ja seinen Sinn. Treue war vielfach herabgekommen zu einer moralischen Rechtfertigung von Besitzstandwahrung und Interessengemeinschaft zum Schaden Dritter. Sie war zu einer leeren Hülse geworden, der kein wirklich altruistisches Gefühl entsprach. Und gewiss gibt es keinen Grund, sich für eine Treue einzusetzen, die Unrecht in Kauf nimmt, gar verteidigt. “Right or wrong - my country” war immer schon ein idiotischer Grundsatz, und er bleibt es auch, wenn man “country” durch andere Substantiva ersetzt.

Aber wie so oft, hat das Pendel heftiger ausgeschlagen, als es das vernünftige Maß erfordert. Aus der Überwindung eines fragwürdig gewordenen Werts ist eine neue Untugend entstanden. Man scheint es sich heute geradezu schuldig zu sein, sich und der Umwelt zu beweisen, dass einem Treue nichts gilt.

Schon wahr, oft sind ihre verbliebenen Verteidiger nichts als Heuchler. Wer kennt sie nicht, jene Mächtigen, die von ihren Untergebenen Treue verlangen, die sie Loyalität nennen, ihrerseits aber jene Treue, die Fürsorgepflicht heißt, verweigern. Bei solch unsymmetrischen Konstellationen ist das Treuegebot eine Disziplinierungsmaßnahme zum Vorteil des Stärkeren. Es hat mehr mit Erpressung zu tun als mit Liebe.

Aber ist es nicht erstaunlich, wie regelmäßig Menschen gehässig oder hinterhältig just solche beschimpfen, just solchen übelwollen, die ihnen geholfen, sich für sie eingesetzt haben? Es gibt offenbar einen psychologischen Mechanismus, der einem schon den Verdacht von eingeforderter Dankbarkeit so lästig oder gar bedrohlich erscheinen lässt, dass man jene vorweg symbolisch “bestraft”, die sie erwarten könnten. Fällt jenen Männern und Frauen, die ihre einstigen Geliebten anderen gegenüber schlecht machen, nicht auf, dass sie damit nur sich selbst beschämen? Schließlich bleiben sie ja eine Erklärung dafür schuldig, dass sie sich so sehr geirrt haben wollen. Sind sie so grenzenlos davon überzeugt, dass an ihrer Täuschung, wenn es denn eine war, nur der Partner, die Partnerin Schuld trägt?

Unser Plädoyer gilt nicht der Rückkehr zur Illusion von der lebenslangen Liebe (die es ja durchaus geben mag), es gilt nicht dem Anspruch, seine Meinung über andere für alle Zeiten beizubehalten. Aber wenn man denn Übles denkt von jemandem, den man einst geschätzt, vielleicht überschätzt hat: muss man damit auf den Markt gehen? Kann man nicht mal, Dritten gegenüber, den Mund halten? Und vergibt man sich etwas, wenn man Dankbarkeit zeigt, wenn man, wie es früher einmal hieß, Gutes mit Gutem vergilt, statt genau jenen zu schaden, die einem Gutes getan haben, lediglich um einem Verdacht zu entgehen: dass man ganz altmodisch treu sei?

Thomas Rothschild

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