Die Macht der Musik
13.06.2005
Von Thomas Rothschild
Ist das der Grund, weshalb ich mit zunehmendem Alter und abnehmenden Illusionen über meine Mitmenschen häufiger und freudiger ins Konzert gehe? Was in der Gesellschaft mit geringem Erfolg angestrebt wird, Toleranz und multikulturelle Aufgeschlossenheit, ist im Musikleben längst Wirklichkeit. Im Konzertsaal und in der Oper gibt es, so scheint es, keinen Rassismus und keine Fremdenfeindlichkeit. Fast mag es scheinen, dass dies der einzige Ort ist, auf den das zutrifft. Selbst in Fußballstadien hört man, entgegen der Mär von der völkerverbindenden Funktion des Sports, rassistische Schmähungen, wenn, wie etwa in Freiburg, ein Farbiger mitspielt. Dass einer japanischen Geigerin oder einem afroamerikanischen Sänger weniger begeistert applaudiert würde als deutschen Musikern, ist mir noch nie aufgefallen. Und gibt es ein harmonischeres Bild als ein international besetztes Quartett, ein international besetztes Orchester? An sich sollte derlei nicht verwundern. Es fällt auf, weil es eben außerhalb des Konzertsaals nicht zu den Selbstverständlichkeiten unserer Zivilisation gehört.
Vielleicht trägt die Musik selbst zu dieser Harmonie bei, indem, wer sie produziert, durch ihre Kraft liebenswert erscheint. Die Wirkungsmacht der Künste, gemeinhin von Realisten eher angezweifelt, scheint sich just bei jener Kunst am deutlichsten zu bestätigen, die am wenigsten über semantische Eindeutigkeit verfügt. Was kaum ein Buch, eine Theateraufführung, ein Film auszurichten vermögen, eine, wenn auch nur flüchtige, Etablierung von Humanität, scheint der Musik zu gelingen. So betrachtet wäre der Konzertsaal ein Ort der Utopie. Vielleicht ist es ja auch kein Zufall, dass die pathetische Beschwörung der Menschheitsversöhnung durch Schiller, in diesem Jahr gern zitiert, aber in der politischen Wirklichkeit wenig befolgt, erst im Zusammenhang mit Beethovens Musik weltweit ins Bewusstsein der Menschen gedrungen ist.
Das ist schön und entmutigend zugleich. Denn wenn es der Musik bedarf, um jene Haltungen zu überwinden, die unser Zusammenleben vergiften, die zu Massenmorden und Kriegen führen – welche Hoffnung bleibt uns für die Welt außerhalb des Konzertsaals? Eine musikalische Dauerberieselung mag zum Konsum verleiten und allenfalls zum Abbau von Angst vor dem Zahnarzt von Nutzen sein. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit jedenfalls verschwinden offensichtlich nicht, wo uns, im Fahrstuhl oder im Kaufhaus, Töne aus Lautsprechern entgegenquellen. Wenn es anders wäre: wie gerne wollte man die permanente akustische Belästigung hinnehmen, als wäre sie, was sie nicht ist, das utopische Erlebnis eines Konzertbesuchs.
Thomas Rothschild
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