Vom Denken und von der Sprache
18.07.2005
von Hans Durrer
Im Februar 2005 veröffentlichte der Berner „Bund“ unter dem Titel „Klar und tief wie ein Schweizer See“ persönliche Betrachtungen eines Sektionschefs im Schweizer Bundesamt für Migration, der wie folgt eingeleitet wurde: „Sprache bestimmt das Denken, und das Denken prägt die Sprache, Das gilt auch für die Behörden, die heute von ‚Asylsuchenden’ sprechen und nicht mehr von ‚Asylanten’. Doch auch die Verschärfung der Asylpolitik findet in der Sprache statt.“
Man rede heute von ‚Rückführung’ statt von ‚Ausschaffung’, von ‚Übergriff’ statt von ‚Folter’ usw. usw., wir kennen das. Dass Sprache „verletzen, beschönigen, schützen, verschleiern, dramatisieren, verharmlosen ... aber auch verständlich, präzis und ehrlich“ sein kann, ja, wer würde dem heutzutage nicht zustimmen? Schliesslich sind wir es mittlerweile gewohnt, von Lehrern und Lehrerinnen, Dieben und Diebinnen und ... wie steht es eigentlich mit Trottel, Depp und Turnschuh?
Die Idee, dass die Sprache unser Denken bestimme, geht auf Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf zurück. Auch wenn heutzutage die meisten Linguisten der Auffassung sind, dass Sprache unser Denken beeinflusst, so gehen sie dennoch nicht so weit, zu behaupten, dass die Sprache unser Denken bestimme. Das ändert jedoch nichts daran, dass die meisten von uns das trotzdem glauben. Woran liegt es? Daran, dass der Mensch, wenn er sich einmal entschieden hat, etwas als interessante Tatsache zu akzeptieren, fast nicht mehr davon abzubringen ist, wie Geoffrey K. Pullum (in „The Great Eskimo Vocabulary Hoax and other irreverent essays on the study of language“) schreibt.
Mal angenommen, Sapir und Whorf hätten Recht und die Sprache bestimmte wirklich unser Denken, bedeutete dies dann, dass die Eskimo mit ihren etwa zwei Dutzend Wörtern für Schnee den Schnee anders wahrnehmen als das Leute tun, denen dieses Vokabular fehlt? dass Schreiner, die mehr Worte für Holz kennen als der durchschnittliche Verwaltungsangestellte, Holz differenzierter sehen? Möglicherweise. Aber hiesse das auch, dass die Hopi-Indianer, die für Insekt, Flugzeug und Pilot ein einziges Wort haben, nicht zwischen einer Biene und einem Piloten unterscheiden können. Wohl kaum. Was bedeutet es also dann? Dass wer sein Weltbild aus einer einzigen Sprache bezieht, sich der Möglichkeiten und Vielfältigkeiten, die das Leben bereithält, beraubt.
Angenommen, man spräche anstatt von „Rückführung“ künftig von „Ausschaffung“, anstatt von „Übergriffen“ von „Folter“, anstatt von „Kollateralschäden“ von „Toten“, was würde das ändern? Würden wir betroffener, entsetzter, aufgerüttelter auf solche Nachrichten reagieren? Es ist nicht anzunehmen. Anzunehmen ist, dass wir uns daran gewöhnten (wie wir uns an fast alles gewöhnen), doch ab und zu eben gleichwohl betroffen und entsetzt aufschrecken würden – wie das auch heute schon geschieht, weil uns gewisse Vorkommnisse nun einmal aufrütteln, ungeachtet dessen, wie sie sprachlich daherkommen.
Doch warum dann immer wieder diese Diskussionen um die korrekte, angemessene, ja richtige Art, die Dinge zu benennen? Weil wir uns nicht der Illusion berauben wollen, wir könnten die Realität mittels der Sprache verändern.
Hans Durrer
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