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Montag, 21. Mai 2012 | 11:00

Löffel abgeben

25.07.2005

Von Wolfram Schütte

 

Der FDP-Jungmann Jan Dittrich, der sich kürzlich mit dem Slogan, die Rentner sollten „einen oder zwei silberne Löffel“ abgeben, unbeliebt gemacht hatte, ist schnell politisch aus dem Verkehr gezogen und zur zeitweiligen Zwangserziehung in ein Altenwohnheim abkommandiert worden. Wer vom „Löffel abgeben“ spricht, selbst wenn er, wie dieser selbstgefällige Schnösel, diesen Todeswunsch für ein (Alters-)Kollektiv durch die Verunklarung des bekannten Sprachbilds nur assoziativ herbeiruft, ist offenbar selbst für die BILD-Zeitung, die ihn im Hinblick auf einen Gutteil ihrer Käuferklientel erst an den Pranger gestellt und ihm dann politisch das Genick gebrochen hat, denn doch zu weit gegangen. Und die FDP, als politischer Kommissarskader der rigiden neoliberalen Ideologie, hat noch nicht den angepeilten Rückhalt unter der Wählerpopulation der „Besserverdienenden“. Denn mit einer zweistelligen Prozent-Zustimmung könnte man sich über die öffentlichen Zumutungen ihre avantgardistischen Heißsporne so leicht nicht mehr hinwegsetzen, wie jetzt, als einer von ihnen die schwarze Katze aus dem Sack gelassen hat. Aber es werden gewiß demnächst andere folgen, die sich dann noch etwas vorsichtiger äußern & nicht so leicht als „Sündenbock“ durchs Land getrieben werden – bis dann eines nahen Tags nicht nur mehr über zu „hohe“ & „unbezahlbare“ Renten gesprochen wird, sondern auch darüber, wie man die gesellschaftlichen Kosten, welche die immer höhere Lebenserwartung von immer mehr Rentnern zurfolge haben, endlich „wirksam & vernünftig“ senken könne. Zwar macht ein Teilbereich der Gesellschaft an den kregelen Alten vor und erst recht dann während ihrer Demenz beträchtliche Profite – von der Touristik- über die Pharma- bis zur Medizin- oder Betreuungsindustrie. Aber da die anfallenden Rentner-Kosten (außer ihren Reisevergnügungen) alle aus öffentlichen Kassen finanziert werden und deren finanzieller Zustrom immer absehbarer nachläßt, wird indirekt oder direkt bald doch wieder vom „Löffel abgeben“ gesprochen werden, speziell wenn die Generation der Dittrichs nichts mehr zu löffeln hat, was ihren Lebens- & Konsumerwartungen entspricht. Damit träte ein, was (wie mir einmal eine Freund erzählte, der bei dem off-the-records-Gespräch dabei war) der damalige sächsische Ministerpräsident, der Wirtschaftsprofessor Kurt Biedenkopf, prognostiziert hatte, als er meinte, nachdem die Pflegeversicherung eingeführt wurde, werde über kurz oder lang auch über Euthanasie diskutiert werden. De facto ist man in Großbritannien, unter der Labourregierung (!) schon längst so weit, nicht jedem Alten alle medizinischen Hilfen und Lebenserleichterungen aus öffentlichen Kassen zu gewähren. Auch bei uns hat sich ja schon ein junger Politiker über Nutzen und Sinn von neuen Hüftgelenken für über Achtzigjährige abfällig geäußert. Es wird zwar jetzt häufiger schon über „Patientenverfügungen“, „Sterben auf Verlangen“, die „Inhumanität“ lebensverlängernder „Gerätemedizin“ etc. bei uns auf Allgemeinplätzen diskutiert; aber unsere Alten Armen „verdanken“ es bislang noch der nationalsozialistischen Euthanasiepolitik, daß bei uns das Thema ein Tabu blieb. Es fragt sich, wie lange noch. Nachdem Götz Aly eben gerade in „Hitlers Volksstaat“ die deutsche Zustimmung für Hitlers Kamikaze-Politik nicht nur mit der Ausplünderung der unterworfenen Staaten und mit der Inbesitznahme jüdischer Vermögen begründet hat, sondern auch mit dem Kalkül einer Sozialgesetzgebung, welche „das Volk“ für die Mordgeschäfte seiner selbstgewählten Henker bis zuletzt bei der Stange mit dem Hakenkreuz hielt, bin ich gespannt, wann der Rest des „Sozialklimbims“ des bundesdeutschen Sozialstaats als letzte „Bastion des Nationalsozialismus“ von antifaschistischen Deutschen Arbeitgeberpräsidenten oder Chefvolkswirten dieser oder jenen Deutschen Bank angegriffen und von der herrschenden politischen Klasse auftragsgemäß geschleift wird.Wie lange also noch? Denn in der inneren Logik & Praxis des immer rücksichtsloser durchgesetzten und sich subkutan durchsetzenden Systems des allein ausschlaggebenden ökonomischen Profitdenkens, das für immer mehr Bereiche unseres privaten wie gesellschaftlichen Lebens Maßgeblichkeit verlangt (& von immer größeren Teilen der Gesellschaft, mangels einer politischen Alternative, bei fortschreitendem Ausbleichen metaphysischer oder religiöser Humanitätsgebote, akzeptiert wird) ist für „überflüssige Menschen“ so wenig „nützliche Verwendung“ im gesellschaftlichen (Selbst-)Verwertungszusammenhang erkennbar, wie für „kostenintensive“, sich nicht mehr ökonomisch reproduzierende Alte oder gar für Kranke & Hinfällige – sofern diese nicht zu jener künftigen Happy few gehören, die im Laufe ihres Lebens (mit welchen Mitteln auch immer) Reichtümer angesammelt haben, mit denen sie in ihrem Alter noch für ihr Fortkommen wuchern können, falls ihre potentiellen Erben ihnen nicht vorzeitig den Garaus machen. (Die Gier ist ja besonders stark da vertreten, wo „viel“ und nicht bloß bescheidenes „etwas zu holen“ ist.)Der Gedanke, die jetzt ihre Renten & Pensionen „abfrühstückenden“ Alten von 63 Jahren aufwärts, sollten kürzer treten (vulgo weniger Renten bekommen & auf Teile des ihnen „Zustehenden“ verzichten), um so für das Rentnerleben ihrer Kinder und Enkel „vorzusorgen“, hat ja durchaus etwas logisch Bestechendes, zumindest dort, wo die jetzigen Rentner sich vergleichsweise hohe, mehr als auskömmliche Altersversorgungen erwirtschaftet haben. Es hätte einmal Sinn gemacht, muß man aber wohl sagen, als Lebens- & Arbeitszeit der Generationen durch berufliche Kontinuitäten noch verbunden waren. Heute aber wird längst nicht mehr gesamtgesellschaftlich in solchen Kontinuitäten und Zeiträumen gedacht oder geplant und schon gar nicht eine entprechende progressive Stabiltät des herkömmlichen Rentensystem noch angenommen.. Die allerorten empfohlene „private“ Zusatzversicherung – gesetzt, man hat ein lange währendes, lukratives Erwerbsleben: aber wer kann denn damit rechnen? – ist jedoch darauf angewiesen, spekulative Gewinne an der Börse zu machen, also laufend in einem permanent laufenden Roulettesystem ihre Einsätze zu positionieren, um das Stammkapital mit eben jenen riskanten Operationen zu verzichfachen, die zu weiteren Produktivitätssteigerungen qua Entlassungen führen – nur: um am Ende wesentlich mehr auszuwerfen, als je in einem Arbeitsleben monatlich „privat“ eingezahlt worden ist, falls auf dem Weg dahin nicht durch eine „falsche“ Finanzoperation der Versicherungsgesellschaft die Kehrseite des Risikospiels sich offenbart: nämlich der Verlust des vorübergehenden Gewinns, wie es schon mehr als einmal im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ in den letzten Jahren der Fall war. Dann könnten aber die dann erwartungsvoll bezugsberechtigten Rentner gar keine Löffel abgeben, weil ihnen erst gar keine in die Hände gekommen wären. Wolfram Schütte

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