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Montag, 21. Mai 2012 | 11:01

Die Urinprobe

24.08.2005

Lance Armstrongs Helden-Mythos von der Urologie zu Fall gebracht

Von Wolfram Schütte

 

Jetzt hat es also wohl doch noch den texanischen „Ausnahmesportler“ erwischt. Man hat ihn erwischt. Nicht nur Gottes, sondern auch der Wissenschaft „Mühlen mahlen langsam“. Auch Lance Armstrong soll schon 1999, als er den ersten seiner mittlerweile sieben „Tour de France“- Siegen einfuhr, mit Epo gedopt haben (& nicht: „worden sein“). Denn wenn „der Perfektionist“ etwas tut, dann tut nur er selbst es.

„Gibt es eine Nachricht im Sport, die weniger überraschen darf?“, fragt die „Süddeutsche Zeitung“ nun überraschenderweise. Oder hämisch? „Zerstört werden kann der Mythos sowieso nur für die Gutgläubigsten“, heißt es in der SZ jetzt weiter. Gehörte sie denn nicht auch bis Vorgestern zu jenen jetzt verächtlich als „Gutgläubigste“ von ihr Verhöhnten? Hat sie, wie alle anderen, die Armstrong bewunderten, nicht auch den Gutmenschen des Radsports Zucker gegeben – solange nichts nachweisbar war, das anderes belegte als das „schier übermenschliche Kämpfertum des unvergleichlichen Texaners“?Lässt man jetzt die Katze aus dem Sack? Bedeutete der gewiß von Mal zu Mal ge- & erpreßter wirkende Medien-Jubel über den „unseren“ Jan Ullrich & aller anderen Konkurrenten deklassierenden „Lance“ immer schon insgeheim: „Wir müssen Dir glauben – aber nur bis zum Beweis des Gegenteils“?

Wenn man sich jetzt selbst prüft, ist das Eingeständnis des Zweifels an der unmanipulierten Überlegenheit des einmal krebskrank gewesenen Phönix des Radsports angebracht. Es war gewiß auch bei einem selbst virulent gewesen, weil man vom Wettlauf zwischen dem Hase der Dopingprüfer und dem Igel der immer raffinierter, sprich: nicht nachweisbaren Dopenden wußte. Zu viele waren hier auf der Radpiste schon erwischt & schmählich überführt worden, andere sogar auf dem Feld der Unehre gestorben.

Aber man hat die stille Begleiterin Skepsis, so oft sie laut werden wollte, innerlich zum Schweigen gebracht, weil sie ein Märchen & einen Mythos zwar schon überschattet hatte, aber doch „der Glaube“ an das wiederholte „Wunder“ Armstrong “höher als alle Vernunft“ bleiben sollte. Einmal wenigstens. Einmal wollte man dabei sein, wenn das Genie aus Logistik, Training und Physis siegte – und immer wieder siegte: Dank seiner strategischen Intelligenz und körperlichen Anstrengung, die so mühelos wirkte. Man wünschte sehnlichst, der texanische „Held“ sei wirklich einer (& wie kein zweiter): nicht nur, wenn er mit seinem „Nähmaschinentritt“ auf den steilsten Bergetappen an allen triumphal vorbeizog, sondern auch, weil er ja das Jahr über sein ganzes Leben, Sinnen & Trachten „diszipliniert“ wie ein asketischer Mönch nur auf die Tortur der „Tour“ ausgerichtet hatte. Solche Kasteiung mußte, sollte belohnt sein: mit der Auffahrt zum Himmel des unvergleichlichen Ruhms – damit es denn noch eine Gerechtigkeit auf der Welt gäbe, die einmal ineins fiele mit dem Außerordentlichen, und eben deshalb so ungetrübt bewundernswert wäre.

Einer gegen alle – gegen alle, unter denen die Zahl der Neider verständlicherweise mit jedem der sieben Siege größer, verbissener, wütender wurde, unter die man sich nicht mischen wollte. Zum stetigen Glück: kein Kraut schien gewachsen gegen ihn, diesen Achill und Odysseus des Trojanischen Kriegs auf Frankreichs Straßen. Kein Kraut gewachsen – außer dem bösen Verdacht, der von Mißgunst nur ausgebrütet schien, von Chauvinismus auch begleitet wurde und in dem siebenfachen Dauersieger einen „Dominator“ hasste, der dadurch den Überraschungs-Kitzel der „Tour“ vermasselte.

Der Augenschein, der für alles Große, Gelingende Armstrongs sichtlich sprach und uns zu Zeugen seiner Meisterschaft machte – wieder einmal (seit Kopernikus) hat ihn nun, wenn nicht alles täuscht, die Wissenschaft gründlich desavouiert. Gleich zwiefach: durch ihr Chemieprodukt Epo und durch eine erst jetzt entwickelte Methode, es sechs Jahre, nachdem es gebraucht wurde, noch nachweisen zu können. Nicht nur der Augenschein ist damit als Täuschung überführt, auch „die Zeit, die alle Wunden heilt“, wird nun umgekehrt: es ist die Zeit, die, rückwärts gewandt, Wunden erst aufreißt, die bislang unerkannt waren. Der Zweifel ist zeit-totalitär geworden.

Nie mehr können wir nun noch bei der „Tour“ sicher sein, daß ein heutiger „Sieg“ oder jeder künftige der wissenschaftlichen Prüfung in ein paar Jahren noch als „wirklich“ fair errungener Sieg Stand hält und nicht doch nur ein noch nicht erkannter chemisch provozierter Fake war – oder wie Clemens von Brentano von seinen wunderschönen erfundenen Märchen behauptet: „Doch alles war doch nur / eine schöne Kunstfigur“.
Und weil wir schon bei deutschen Märchen & Mythen gelandet sind, wird man nun auch nicht mehr die „Ilias“, sondern das „Nibelungenlied“ zum zynischen Spaß über das heranziehen müssen, was uns & sich der wahrlich unvergleichliche Lance Armstrong am Ende bereitet hat. Wie König Gunther die von ihm umworbene, ebenso stolze wie kräftige Brünhilde nur bezwingen (sprich: vergewaltigen) konnte, weil ihm Siegfried unter der Tarnkappe dabei geholfen hat, so ist „Lance“, obwohl selbst armstark, womöglich nur deshalb siebenmal zum Gipfelsieg bei der „Tour de France“ gekommen, weil ihm heimlich & unerkannt Epo beistand. Als Kriemhield das geheime Geständnis ihres Gatten Siegfried der arroganten Brünhild an den Kopf warf, begann der Nibelungen Not & Tod: aus „Weibergezänk“. Wie schmachvoll ist dagegen aber nun Armstrongs Not, die aus seinem sieben Jahre alten Urin als sein Unheil aufsteigt. Mythologie, von der Urologie zu Fall gebracht.

Wolfram Schütte

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