Zum Beispiel K.
12.09.2005
Vom Sinn und Unsinn dramatisierter Romane
Von Thomas Rothschild
Dies vorweg: Wenn man denn Franz Kafkas Jahrhundertroman „Der Prozess“ dramatisieren, also für die Bühne transformieren muss, kann man es kaum besser machen, als es Marc von Henning für das Stuttgarter Schauspiel getan hat. Aber muss man?
Der besondere Reiz von Kafkas epochalem Werk liegt darin, dass er Gewissheiten bewusst unterschlägt, dass er die Mehrdeutigkeit zum grundlegenden Prinzip macht. Es ist gerade diese Eigenschaft, die dazu geführt hat, dass „Der Prozess“ seit seinem ersten Erscheinen zu immer neuen und höchst unterschiedlichen Interpretationen provoziert hat. Kaum ein zweiter Roman eignet sich so sehr, als Projektionsfläche für die Weltanschauung seines jeweiligen Lesers zu dienen, kaum ein anderer Roman lädt so sehr dazu ein, zu konkretisieren – und somit einzuengen –, was in seiner changierenden Unbestimmtheit erst sein eigentliches Wesen ausmacht.
Diese Unbestimmtheit erzeugt Kafka unter anderem, indem er aus der Perspektive seines schon durch den abgekürzten Namen selbst unbestimmten „Helden“ K. erzählt. Der Leser kann nie entscheiden, was in K.s Kopf vorgeht und was als außerhalb dieses Kopfes existierende Realität suggeriert wird.
Die Bühne aber schafft immer eine (scheinbare) Realität. An der Existenz, ja an der Identität von Figuren kann es im Theater – und natürlich auch im Film, etwa in der berühmten Verfilmung von Kafkas Roman durch Orson Welles mit Anthony Perkins als K. – keinen Zweifel geben, wenn wir sie in ihrer physischen Präsenz auf der Bühne (oder in ihrer abfotografierten Präsenz auf der Leinwand) wahrnehmen. Wenn Gottfried Breitfuß in Marc von Hennings Bearbeitung drei Rollen spielt, so zweifeln wir nicht an K.s Verdacht, dass es sich jeweils um die gleiche Person handelt.
Was also den unersetzbaren Zauber von Kafkas Romanen ausmacht und durch keine noch so schönen Bilder, durch keine noch so ausgefeilte Schauspielkunst ersetzbar ist, geht bei der Verkörperung durch lebendige Menschen verloren. Wer der Ansicht ist, dass so zwar Anderes, aber nicht weniger Wertvolles entsteht, muss jungen Menschen zumindest in aller Deutlichkeit sagen, dass die Kafkas „Prozess“ nicht kennen, wenn sie Marc von Hennings „K.“ gesehen haben.
Nochmal aber: Welche Notwendigkeit besteht überhaupt für eine Theaterfassung des Romans „Der Prozess“? Gibt es nicht genug Dramen? Enthalten Kafkas Romane eine Wahrheit, die im Theater ohne Rückgriff auf diese Romane ausbleiben müsste?
Franz Kafka hat deutsch geschrieben. Aber er ist bekanntlich ein Prager Schriftsteller. Und er hat, trotz manchen politisch bedingten Hindernissen, gerade in Osteuropa in der dramatischen Produktion eklatante Spuren hinterlassen. Die Theaterstücke von Václav Havel, Ivan Klíma, Sławomir Mrożek, Tadeusz Różewicz und manchen anderen sind ohne Kafka nicht denkbar. Aber sie sind eben originale Theaterstücke. Sie übertragen von vornherein, was sie von Kafka übernommen haben, in das Regelwerk der dramatischen Kunst.
Und da stellt sich die Frage: Warum zeigt das Stuttgarter Schauspiel kein Stück der Tschechen Havel und Klíma, des Bulgaren Radičkov, der Polen Mrożek und Różewicz oder von deren genialem Vorläufer Stanisław Ignacy Witkiewicz, genannt Witkacy? Warum muss es immer wieder eine Bearbeitung von bühnenfernen Werken sein bei gleichzeitiger Missachtung der dramatischen Produktion unserer ost- und südosteuropäischen Nachbarländer?
Jan Grossman, der geniale Regisseur und Leiter des Prager Theaters am Geländer, an dem Václav Havel in den früher sechziger Jahren seine Karriere begann, schrieb 1965: „Grundsätzlich jedoch besteht kein Unterschied zwischen Drama und Dramatisierung.“ Er ergänzt allerdings: „Alles auf jedem Gebiet ist dramatisierbar, die Notwendigkeit der Dramatisierung aber besteht nur dort, wo sie nicht als eine von vielen Möglichkeiten erscheint, sondern als einzige.“ Das ist es. Besser lässt es sich nicht sagen.
In diesem Sinne ist eine Dramatisierung von Kafkas „Prozess“ wie von all den anderen Erzählwerken, die uns auf den Bühnen zwischen Berlin und Zürich begegnen, möglich, aber nicht notwendig. Notwendig wären die Stücke osteuropäischer Dramatiker. Auch für jene jungen Leute, die Kafkas „Prozess“ vielleicht niemals lesen werden. Was freilich bedauerlich wäre.
Thomas Rothschild
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