Rezensentenethik
10.10.2005
Von Thomas Rothschild
Die Washington Post verlangt von ihren Literaturkritikern die Unterschrift unter eine Erklärung, in der es unter anderem heißt: Wenn Sie irgendeinen freundschaftlichen oder anderen Kontakt mit dem Autor dieses Buchs gehabt haben oder wenn irgendeine Möglichkeit des Anscheins eines Interessenkonflikts besteht, lassen Sie das Book World bitte unverzüglich wissen.
Ein ähnliches Dokument ist mir von keiner deutschen Zeitung oder Rundfunkanstalt bekannt. Wer Bedenken äußert, die in die gleiche Richtung zielen wie die zitierte Erklärung, wird unwirsch damit abgefertigt, dass die Rezensenten, die es betreffen könnte, ja wohl über jeden Verdacht erhaben und in ihrem Urteil unabhängig seien, dass zum Zweifel an ihrer Integrität kein Anlass bestehe. Das mag ja sein. Wir unterstellen weder Bestechlichkeit, noch bösen Willen. Wer aber wollte garantieren, dass er keine Rücksichten nimmt, wenn er das Buch eines Autors bewerten soll, mit dem ihn eine alte Freundschaft, jedenfalls aber eine Bekanntschaft verbindet, dem er möglicherweise am nächsten Tag in der Kneipe oder bei einer Party in die Augen schauen muss?
Tatsache ist: Freundschaftsdienste gehören in Deutschland zum Rezensentenalltag. Schlimmer noch ist der Zustand im Bereich der Wissenschaft. Da nämlich besprechen Fachleute die Publikationen von Kollegen, von deren Wohlwollen sie in ihrer Karriere abhängen oder jedenfalls abhängen könnten. Die scheinbar logische Begründung für solch enge Verflechtungen lautet, dass es eben zu wenig kompetente Rezensenten auf einem relativ engen Fachgebiet gebe. Da seien persönliche Bekanntschaften praktisch nicht vermeidbar. Zumindest aber sollte der Leser wissen, warum es in Wissenschaftsorganen so wenige Verrisse gibt, warum die einst ehrenwerte Polemik zum Schimpfwort heruntergekommen ist. Man sagt jemandem keine Unfreundlichkeiten, der in einer Berufungskommission sitzen könnte.
Auch die kanadische Tageszeitung The Globe and Mail fragt jeden potentiellen Rezensenten, ob der Autor und er Freunde, Feinde, Bekannte sind oder waren, ob der Rezensent jemals den Autor für einen Preis oder ein Stipendium vorgeschlagen hat oder dafür von dem Autor vorgeschlagen wurde, ob sie einen gemeinsamen Verleger oder Agenten haben, ob einer von ihnen mit dem Ehepartner des anderen abgehauen ist. Der Literaturredakteur von Globe and Mail Martin Levin räumt aber ein, dass es in der kleinen Welt der kanadischen Literatur manchmal schwer sei, einen Rezensenten zu finden, der nicht in irgendeiner Weise mit dem Autor verbandelt ist. Und so schrecklich klein ist diese Welt im Vergleich zu der der deutschen oder gar der Schweizer oder österreichischen Literatur gar nicht. Hier wie in Kanada gilt das Argument der Überschaubarkeit insbesondere für den Bereich der Lyrik.
Deshalb erlaubt The Globe and Mail Mitarbeitern gelegentlich das Buch eines Bekannten zu besprechen, verlangt aber, dass die Rezension selbst jedwede Beziehung offenbart. Wenn sich herausstellt, dass ein Rezensent diesbezügliche Informationen zurückhält, bekommt er - jedenfalls von Globe and Mail - keine Aufträge mehr.
Das ist eine strenge Regelung. In der Praxis wird sie nicht immer einzuhalten sein. Aber ein Schritt in diese Richtung - und sei es nur die Enttabuisierung des Themas - wäre, auch bei uns, ein Schritt in die Richtung von mehr Glasnost, von literarischer Demokratie, von Verantwortung gegenüber dem Leser. Wir kennen das Gegenargument: von der Not vieler Schriftsteller, deren ökonomische Lage unter Umständen von einer Rezension abhängen kann. Wir nehmen dieses Argument ernst. Aber letzten Endes nützt eine Kritik, die im Verdacht des Freundschaftsdienstes steht und daher jedes Vertrauen verliert, auch jenen nicht, die sie protegiert.
Und noch eins kommt hinzu. Solche Regelungen funktionieren nur, wenn sie grundsätzlich eingehalten werden. Wo einige Kritiker bedenkenlos Bücher ihrer Freunde und Bekannten besprechen, sind jene im Nachteil, deren Freunde sich derlei verbieten. Die ethische Entscheidung darf nicht dem einzelnen Rezensenten überlassen bleiben. Den Kodex müssen die Redaktionen vorgeben. Damit alle die gleiche Chance haben und nicht einmal mehr die Anständigen und deren Freunde die Angeschmierten sind. Von einem Konsens, gar über die einzelnen Medien hinweg, kann freilich keine Rede sein. So gibt es Redaktionen, die Publikationen der eigenen Mitarbeiter grundsätzlich nicht besprechen lassen, andere, die das - unter Hinweis auf die Tatsache, dass der Autor des vorgestellten Buchs Mitarbeiter ist - systematisch tun, und wieder andere, die es tun, ohne die enge Verbindung der Redaktion zum Autor zu erwähnen. Es gibt Literaturzeitschriften, die Bücher aus dem Verlag, in dem sie selbst erscheinen, rezensieren lassen, und andere, wenige, die das als unanständig empfinden. Die Zustände auf dem Gebiet der Literaturkritik sind zwar paradiesisch im Vergleich zu jenen beim Reise- oder beim Motorjournalismus. Aber eine Rezensentenethik bleibt ein Desiderat. Wer wird sie in Angriff nehmen? Leicht wird man es ihm (oder ihr) nicht machen.
Von Thomas Rothschild
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