Plünderer
13.11.2005
Von Thomas Rothschild
Nein, das sind keine schönen Bilder. Da laufen Menschen durch das Wasser, mit Plastiksäcken über der Schulter, mit Paketen unterm Arm. Während andere ums pure Überleben kämpfen, sich vor den Fluten zu retten versuchen, plündern sie die Läden.
Die Empörung ist groß. Der Ruf nach dem Standrecht geht vielen schnell von den Lippen. Die Rede ist von "kriminellen Elementen". Das Chaos begünstigt sie. Der scheinbar gesetzlose Zustand verringert das Risiko. Ein Drittel der Polizeibeamten hat den Dienst quittiert. Das ist die Stunde der Plünderer.
Wie kriminell muss man sein, um sie zu nützen? Eben erst hat Jutta Brückner in ihrem Film Hitler Kantate an jene Deutschen erinnert, die schamlos den Besitz ihrer jüdischen Nachbarn aus deren Wohnungen holten, als das nicht nur geduldet, sondern sogar dazu ermutigt wurde. Lauter Kriminelle? Man könnte es so sehen. Und wer ist dafür zur Verantwortung gezogen worden? Welches Gericht hat Plünderer der Arisierung verurteilt? Im Gegensatz zu den Ladendieben von New Orleans gehörten sie noch nicht einmal zu den Ärmsten der Armen. Mundraub kommt da nicht in Betracht. Wo aber nicht verboten ist und nicht verfolgt wird, was unter zivilisierten Menschen als Unrecht gilt, da verschwindet die dünne Decke der Zivilisation in Windeseile.
Wie wäre es mit einem Schießbefehl gegen Steuerhinterzieher, die keineswegs den Staat, sondern die Staatsbürger, die an ihrer Stelle die staatlichen Ausgaben bezahlen müssen, bestehlen? Wie wäre es mit Höchststrafen wegen Begünstigung für Finanzbeamte, Staatsanwälte und Politiker, die solche Steuerbetrüger, wenn es sich nur um hinreichend hohe Summen handelt, unbehelligt lassen? Verglichen mit diesen Summen sind die geklauten Zigaretten oder Blue Jeans von New Orleans eine Bagatelle.
Laut ARD-Magazin vom 20.10.2005 beträgt der dem deutschen Staat durch Wirtschaftskriminalität zugefügte Schaden geschätzte 210 Milliarden Euro gegenüber von einem SPD-Wirtschaftsminister und der BILD Zeitung aufgebauschten 3 Milliarden Euro Schaden durch Hartz IV-Betrüger.
Es geht nicht um Ehrlichkeit, sondern um Gerechtigkeit. Wie will man jemandem erklären, dass er nicht stehlen, nicht betrügen soll, wenn man bei den Reichen Raub und Betrug zulässt? Muss sich nicht jeder wie ein Idiot vorkommen, wenn er nicht am allgemeinen Diebstahl teilnimmt, sondern nur für den durch diesen Diebstahl entstandenen Schaden aufkommt? Dass die grauenvolle Lage am Mississippi der Offenbarungseid einer ungerechten Gesellschaft ist, dass es eine Frage von Rasse und sozialer Klasse ist, ob man sich vor Katrina retten konnte oder in Massenunterkünften, auf Dächern oder im Niemandsland zurückblieb, ist nicht zuletzt den amerikanischen Medien aufgefallen. Denn auch das gehört zur Tradition der USA: die demokratische Kontrolle der Machthaber durch die Medien. Wer aber wollte, angesichts dieser Not, die fast ausschließlich die Schwarzen und die Armen trifft – und die Armen sind in den USA in ihrer Mehrheit Afroamerikaner –, den ersten Stein werfen?
Die Empörung über die Plünderer von New Orleans und das Schweigen zur Begünstigung von Milliardären sind zwei Seiten einer Medaille. Diese Medaille heißt Klassenjustiz, und ihre Agenten sind die heuchlerischen Propagandisten eines Systems, das Ungerechtigkeit zum Prinzip gemacht hat. Die Rede von der Doppelmoral mag langweilen. Falsch geworden ist sie nicht. Die Bilder aus New Orleans machen das deutlich.
Die Geschichte hat noch eine Pointe. Wie die „Neue Zürcher Zeitung“ vom 1./2. Oktober berichtet, waren die Plünderungen in New Orleans nicht das Werk bewaffneter Räuberbanden. „Sie erfolgten vielmehr durch die Polizei und die städtischen Behörden, deren Mitarbeiter sich dort mit lebensnotwendigen Gütern versorgten.“ Dazu zählten, wie die NZZ die „Times-Picayune“ zitiert, auch DVD-Spieler und anderes elektronisches Gerät. Die Feuerwehr als Brandstifter: Ray Douglas Bradbury hat es in „Fahrenheit 451“ fantasiert. SA und SS als Ordnungshüter in der Reichspogromnacht: die deutsche Wirklichkeit hat es vorexerziert. Werden jene, die empört vor dem Fernseher saßen, jetzt beschämt Abbitte leisten?
Thomas Rothschild
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