Das Rüchlein einer Erpressung
01.12.2005
Von Wolfram Schütte
Eben machte die Meldung die Runde durch unsere Feuilletons, der 71jährige Sohn & Nachlaßverwalter Vladimir Nabokovs - Dmitri ist sein Name -, beabsichtige, das letzte Romanfragment seines 1977 gestorbenen Vaters zu verbrennen. Der weltberühmte Autor von “Lolita” habe 1974 mit dem Roman “The Original of Laura” begonnen, aber verfügt, dass die 40 Seiten, die er geschrieben hatte, nach seinem Tod zu vernichten seien, woran sich aber weder seine 1991 gestorbene Frau Vera noch bislang der Letzte der Nabokovs gehalten hatte. Er habe, meldete dpa mit Dimitris Worten, “noch keine endgültige Entscheidung getroffen, aber jüngste Ereignisse bestärken mich eher in der Absicht, den Willen des Autors zu erfüllen”. Die “jüngsten Ereignisse”, beeilt man uns zu informieren, seien von wem auch immer geäußerte Mutmaßungen, die in “Lolita” beschriebene Liebesaffäre eines älteren Mannes mit einem minderjährigen Mädchen fuße auf biografischen Erfahrungen des Autors, kurz gesagt: Papa sei ein Pädophiler gewesen.
Was will uns Dmitri Nabokov, der aus einer solchen Verbindung vor 72 Jahren nachweislich nicht hervorgegangen ist, mit seiner Androhung sagen? Dass er eine solche Mutmaßung für eine böswillige Herabsetzung des Andenkens eines Verstorbenen hält? Wer auch immer sie geäußert haben mag, bekannt geworden ist bisher jedoch nicht, dass eine ehemalige “Lolita” sich als Liebchen des Schriftstellers und als ehem. “Feuer seiner Lenden” geoutet hätte.
Ungewöhnlich ist diese Annahme oder Unterstellung für alle jene einfältigen Literaturkonsumenten nicht, die in Literatur bloß die erschriebene Verwurstung autobiographischen Erlebnismaterials sehen. Es sind, bis in höchste literaturkritische Kreise, die meisten, weil sich die wenigsten vorstellen können, ein Schriftsteller von Rang habe die imaginative Fähigkeit, sich in Personen und Handlungen derart hineinzuversetzen, dass er deren reales Erlebnis autobiographisch gar nicht benötigt, um es literarisch zu erfinden und dass er es auf dem Papier intensiver denn als gelebtes schreibend erlebt und - nicht zu vergessen - (wenn er so gut ist wie Vladimir Nabokov ist): seine (Nach-)Leser ja ebenso.
Man darf dem “Göttlichen Marquis”, sprich: de Sade, ja vieles zutrauen, nur: anzunehmen, er habe z.B. seine “120 Tage von Sodom” mannhaft realiter selbst durchstanden, wäre denn doch zu naiv, wirklichkeitsfremd & ganz einfach blöd. Aber man muss ja nicht einen französischen Libertin beschwören, um Vladimir Nabokov in Schutz zu nehmen. Seinem wenig von ihm geschätzten Landsmann & Kollegen Dostojewski wird (aufgrund eines eindrucksvollen Motivs in dessen Roman “Die Dämonen”) nicht nur das gleiche Motiv als literarisch verarbeitete Täterschaft nachgesagt, sondern mehr noch: ihm wurde die Vergewaltigung und Ermordung eines minderjährigen Mädchens persönlich als böse Mutmaßung so negativ zu Buche geschrieben, wie er sie in dem genannten Roman beschrieben hat. Nicht nur Dostojewski, sondern erst recht z.B. Simenon mit seinen Hunderten von Kriminalromanen hätte nach diesen illiterarischen Soupcons ein ganzes Leporello-Register von kriminellen Untaten auf dem Kerbholz, aus denen er seine Werke geschnitzt hat, was natürlich Unsinn ist
Sinn macht eher, anzunehmen, dass manche Schriftsteller erkennbar (andere unerkennbar) “Heilige Monster” sind, und von Goethe, der nicht unbedingt als Sadist, Pädophiler oder anderweitig als Extremist literarisch auffällig wurde, ist der Ausspruch überliefert, er traue sich selbst alle menschlichen Verbrechen zu.Die Unterstellung, der Autor von “Lolita” habe erst ein Humbert Humbert gewesen sein müssen, um seinen gleichnamigen Roman dem eigenen Erlebten “abzuschreiben“, hat aber deshalb heute eine täuschende Ähnlichkeit mit der Wahrheit, weil derzeit nicht wenige, die schreiben, schreiben lassen oder sonst wie sich literarisch versuchen, auf keinen Mehrwert mehr spekulieren, als dass ihre Leser ihnen aufs Wort glauben, dass alles “authentisch”, also selbsterlebt sei, was den Lesern-mit-roten-Ohren sei´s als Autobiographie, sei´s als Roman (als “Roman” mit einkalkuliertem Augenzwinkern) vorgegaukelt wird. Und nicht selten ist es da auch nur.
Quatsch & Tratsch haben nicht nur im Literatur-, sondern auch im Medienbetrieb allgemein derart überhand genommen - selbst in der sogenannten “Hochliteratur” oder was sich dafür hält (und die meisten literarischen Saisonfliegen haben ja in der Tat auch keinen andern Stoff, als ohne Phantasie ihre “Leben” zu Markte zu tragen) -, dass wirkliche Schriftsteller nun auch noch quasi automatisch in den Verdacht geraten, nur einfalls- und phantasielose Selberlebenskopisten zu sein.
Insofern könnte man Dmitri, den Sohn und Nachlaßverwalter seines großen Vaters, und seine Wut durchaus verstehen - weil diese “jüngsten Ereignisse” die älteste Ehre der Literaten, nämlich geniale Lebenserfinder & -erfühler zu sein, seinem Vater absprechen wollen.Aber will er uns wirklich das mitteilen? Warum sagt er es dann nicht? Was er uns sagt, ist etwas anderes.
Wenn er öffentlich angeblich überlegt, das Fragment “The Original of Laura” deshalb in einem Autodafé zu vernichten, weil ihm diese “jüngsten Ereignisse” es nahezulegen scheinen, müßte man logischerweise annehmen, er befürchte durch die Publikation dieser bloß vierzig Manuskriptseiten noch viel weitergehende Spekulationen, Unterstellungen und üble Nachreden zu und über seines Vaters Leben zu provozieren, als diese späten Folgekosten des weltweiten “Lolita“-Ruhms. Nur so machte Dmitris Ankündigung eines möglichen Todes des Originals von Laura: Sinn.
Denken wir aber einen Moment lang nicht argumentationslogisch, sondern im übergeordneten Sinne eines Nachlassverwalters, der 28 Jahre nach dem Tod des Autors doch noch etwas Neues in der Hinterhand hat, so ergäbe sich ein ganz anderer Sinn aus Dmitri unsinniger Drohung: nämlich Aufmerksamkeit für eine literarische Petitesse, Vermarktungsgewinn für das gewiss nicht sensationelle Fragment mit einem weithin hallenden Gong-Schlag zu erwirtschaften. Das Rüchlein einer kalkulierten Erpressung der literarischen Weltöffentlichkeit wäre dann allerdings in Dmitris bloß angedrohtem Zündeln mit Papas Manuskript schon zu erschnuppern. Aber das ist vielleicht besser als Brandgeruch...
Wolfram Schütte
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