Hans Arthur Marsiske: Kriegsmaschinen Hommage zum 80. Geburtstag von Fernando Botero Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens von Michael Ebmeyer Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draußen bleiben Kennzeichen T - 28.04.2012
Montag, 21. Mai 2012 | 11:07

Von der Sprachlosigkeit der Gastronomiekritik

13.12.2005

Von Thomas Rothschild

 

Als in den siebziger Jahren die Fresswelle über den Rhein schwappte und sich immer mehr deutsche Köche entschlossen, nicht nur große Portionen, sondern auch gutes Essen zu servieren, etablierte sich diesseits des Rheins eine neue journalistische Gattung: die Restaurantkritik. Und weil es zuvor mangels des Genres keine Restaurantkritiker gegeben hatte, mussten diese, wie Jahre zuvor die Fernseh- oder die Rockkritiker, erst entstehen. In der Regel waren es bereits renommierte Journalisten mit einem prägnanten Stil und oft auch mit satirischem Talent, die zudem gern erstklassig aßen, die sich in diese eben erst geöffnete Marktlücke drängten und dort reüssierten. Sie konnten sich, wenn sie weltläufig waren – und das waren sie in ihrer Mehrzahl –, an französischen Vorbildern orientieren.

Mittlerweile haben sich diese Avantgardisten ausgeschrieben und wiederholen sich nur oder setzen der Lächerlichkeit aus, was sie gestern selbst über jedes vernünftige Maß gepriesen haben. Jede Tageszeitung aber hat inzwischen ihre Gastronomiekritik, und es sind längst nicht mehr nur die Spitzenrestaurants, die da besprochen und für die nicht selten eine unangemessene kostenlose Werbung betrieben wird. Und weil es nach wie vor so gut wie keine spezialisierten Restaurantkritiker gibt, darf jeder Mitarbeiter der Lokalredaktion und befreundeter Nachbarredaktionen, der lieber auf Spesen als auf eigene Kosten essen geht, auf diesem Gebiet dilettieren. Da die Gastronomiekritik im wörtlichen Sinne Geschmackssache ist, spielt es dabei keine große Rolle, dass die Fresskolumnisten häufig von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, dass ihnen Vergleichsmaßstäbe fehlen und sie sich im Grunde immer nach ihrer Currywurst oder nach Mamas Maultaschen sehnen. Auch die Korrumpierbarkeit vieler Kritikamateure, die über Jahre hinweg befreundete Köche hochloben, die kaum Mittelmaß auf den Tisch stellen, wollen wir an dieser Stelle einmal stillschweigend übergehen. Was aber bedrückend erscheint, ist die Tatsache, dass die punktuellen Gastronomiekritiker selbst das nicht beherrschen, was eigentlich zu ihrem täglichen Arbeitszeug als Journalisten gehören müsste, nämlich die Sprache. Nirgends macht sich eine so erbärmliche Sprachlosigkeit breit wie eben in der Gastronomiekritik.

Dass das Urteil subjektiv ausfällt: wie gesagt, das mag in der Natur der Sache liegen. Dass aber Profis zur Beschreibung ihrer subjektiven Eindrücke ein Repertoire von rund einem Dutzend Adjektiven und Adverbien zur Verfügung steht, kann man nur als deprimierend bezeichnen oder als einen weiteren Niederschlag von Pisa im Zeitungswesen. Da ist, mit schöner Regelmäßigkeit, der Salat „knackig“, das Fleisch „auf den Punkt gegart“, „von exzellenter Qualität“ oder „perfekt zubereitet“, die Leber ist „zart“ oder gar „butterzart“, die Haut der Ente „kross“ oder „knusprig“, der Fisch „fest“, die Pasta „al dente“, die Sauce ist „außergewöhnlich“ und „verwöhnt“ oder „kitzelt den Gaumen“, die Vorspeise, aber auch vieles andere „könnte nicht besser sein“, der Käse ist „reif“, das Dessert „zergeht auf der Zunge“, der Kuchen zum Kaffee ist „ein Gedicht“ und das Sorbet ist „intensiv“. Das Amuse Gueule ist „verheißungsvoll“, das Obst „frisch“, und alles zusammen ist „rund“. Die Auswahl an Weinen ist „groß“, sie „munden“ fast immer „ausgezeichnet“ und die Empfehlung des Sommeliers ist „treffsicher“ (ein Kompliment, das etwa der Versicherung entspricht, ein Busfahrer habe den Führerschein).

Und wir sind erschöpft. Nicht vom Essen. Das kennen wir ja nur aus der Kritik. Sondern von einer Sprache, für die man vor zwei Generationen in der Schule das Jahr hätte wiederholen müssen.

Thomas Rothschild

Von der Verrohung des Bürgertums

Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...

Gegen die Dominanz des Beliebten

Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...

Garten Eden vor der Haustüre

Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...

Vergangen, aber nicht vorbei

Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...

Gesamtnote: zehn. Bestanden!

Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...

Verstaubt ohne Ende

Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...

Der neue Schulmädchenreport

»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...