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Montag, 21. Mai 2012 | 11:07

Was für ein Kino- & Roman-Stoff!

19.12.2005

Seit dem 20. Januar 1983 habe ich mir eine Seite aus der “Süddeutschen Zeitung“ aufbewahrt, weil ich dachte, darin die Urform eines Films von Roman Polanski oder Claude Chabrol oder eines Romans vor Augen zu haben, der seinen Autor, zweifellos nicht nur in der Nachfolge von Vladimir Nabokov sondern auch von Georges Simenon, bestimmt finden würde. Hat er aber nicht - weder auf der Leinwand, noch auf dem Papier; vielleicht deshalb, weil die “Geschichte, die das Leben schrieb”, in dem novellistischen Summary einer dpa-Meldung schon ebenso endgültig verfasst wie für eine emphatische Phantasie im Kopfkino visualisiert war.

 

Dadurch ist aber eine herzzerreißenden, absurde, surrealistische menschliche Tragödie der “faits divers” sang- & klanglos von der Bildfläche verschwunden - wie ihre Protagonisten damals, die im Zuchthaus und im Heim verschwanden, nun aber wohl längst wieder “draußen” leben, vermutlich ohne sich je wieder begegnet zu sein. Auch hat wohl kein Sensationsreporter sie heute aufgespürt.Eben deshalb soll ihnen hier ein Epitaph errichtet werden - zur Erinnerung an eine amour fou, der wie ganz nach den leidenschaftlichsten Wünschen des frühen Luis Bunuel sich zugetragen hat. In der Überlieferung von dpa lautet die Story so:

Rektor mordet aus Liebe zu Lolita. Tragisches Ende einer Affäre zwischen englischem Lehrer und Schülerin

Mit der Verurteilung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe ist in Maidstone bei London die tragische Liebesgeschichte des 34 Jahre alten Rektors Michael Davies zu Ende gegangen, der mit einer 14jährigen Schülerin eine neues Leben beginnen wollte und dafür einen Mord in Kauf nahm. Davies, beruflich erfolgreich, verheiratet und Vater von vier Kindern, hatte der damals 13jährige "Lolita" (ihr Name wurde vor Gericht nicht genannt) Nachhilfe in Physik gegeben. Das Mädchen wurde zu dem Zeitpunkt nach Ansicht ihres Verteidigers von einer "Welle der erwachenden Sexualität" erfasst. Der Lehrer wartete bis zu ihrem 14. Geburtstag im Januar letzten Jahres, an dem er sie zu seiner Geliebten machte. Im Frühsommer hatte sich die Leidenschaft der beiden offenbar so gesteigert, daß Davies beschloß, seinen Tod vorzutäuschen, um mit "Lolita" ein gemeinsames Leben beginnen zu können. Als verantwortungsbewußter Familienvater schloß er eine relativ hohe Lebensversicherung ab. Dann lieh er sich für einen neuen Anfang mit dem Mädchen einige tausend Pfund Sterling bei der 38 Jahre alten Jennifer Burnell. Die Mutter zweier Kinder, die mit Davies in einer kulturellen Vereinigung zusammenarbeitete, nahm an, damit ihr eigenes gemeinsames Leben mit dem Lehrer finanzieren zu sollen.

Statt dessen fuhren Davies und das Mädchen in die Kathedrale von Canterbury, beteten dort lange und liebten sich anschließend im freien Feld. Als sie an die Küste kamen, wo der Lehrer von einem Ruderboot aus sein Ertrinken vortäuschen wollte, wurden sie bitter enttäuscht - es war Ebbe. Schließlich gelang es Davies doch, in einem Boot hinauszuruden. Während das Mädchen der Polizei den angeblichen Todesfall schilderte, ging er (gemeint ist Davies. Anm. WoS) in ein Hotel in Canterbury, wo er plötzlich Jennifer Burnell traf. Die beiden gingen spazieren, und die Frau zog sich aus, wurde aber von Davies unwirsch zurückgewiesen. "Ich dachte nur an das Mädchen", sagte er vor Gericht. Als er einen Knüppel fand, schlug er damit auf die Frau ein und erdrosselte sie dann.

Am nächsten Tag beseitigte das Liebespaar gemeinsam die nackte Leiche, und das Mädchen half auch bei der Vernichtung ihrer Kleider. Dann wußten die beiden offenbar nicht mehr weiter- sie fuhren nach Hause zu Davies´ Frau und ließen sich dort verhaften. Die noch nicht straffähige "Lolita" wurde in ein Heim eingewiesen.

Wolfram Schütte

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