“Nun hat es, zur gleichen Zeit wie die FAZ, auch Le Monde erwischt”, schrieb
Claus Koch in seinem “Neuen Phosphoros” am 16. Dezember 2005. Da konnte er noch nicht wissen, dass es pünktlich zum Jahreswechsel die dritte europäische Qualitätszeitung, nämlich die 227 Jahre alte “Neue Zürcher Zeitung”, auch noch “erwischen” würde - und dieses älteste Monument der europäischen Tageszeitungsgeschichte: am Fürchterlichsten.
Alle drei Qualitätszeitungen wurden, wie Kochs “Neuer Phophoros” den Skandal zündend beleuchtete, “von einem Designer-Heuschreckenschwarm überzogen und mit einem neuen Make-up aufgeschminkt”. Besser wäre, um im Bild zu bleiben, davon zu sprechen, dass die Make-up-Designer bei der NZZ, wo sie am Verheerendsten eingefallen sind, alle vermeintlich “alten Zöpfe” und den gewachsenen “Vollbart” der Texte weggefressen haben und das Traditionsblatt sich nun als moderne
Glatze am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen soll, in den alle Printmedien geraten sind, seit das Internet ihnen die Existenzbasis, den Kleinanzeigenmarkt, ab-& weggezogen hat.
Der Angriff des (technisch-elektronischen) Fortschritts auf die alte Form der Printmedien hat schlagartig erkennbar gemacht, dass deren Kommunikationsmonopol auf dem Markt für Stellen-, Immobilien- und Auto-An- & -verkaufsanzeigen die
primäre Profitquelle für das Tageszeitungsgeschäft war.
Einzig ihr Sprudeln erlaubte auch die Ausbildung eines journalistischen und kulturellen
Biotops hoher redaktioneller Qualität, auf deren Tradition und intellektueller Präsenz das öffentliche Renommee dieser wie anderer nationaler europäischer Qualitätszeitungen beruhte. Betriebswirtschaftlich war, was diese Zeitungen (im Unterschied zu regionalen Tagezeitungsprodukten) für Kenner
namhaft machte, sowohl ein
Surplus & als auch ein Gütezeichen zur Akquisition von Anzeigen. Während also “der Markt” gewissermaßen im Unterbau der Zeitungen am Werk war, machte er sich im Überbau der Redaktion nur dann direkt bemerkbar, wenn durch deren relativ “freies” Schalten & Walten mit Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport die verkaufte Auflage sank, weil die Zeitungskäufer und Abonnenten, die für ein vergleichsweise geringes Entgeld an dem Wohl & Wehe des täglichen Produkts beteiligt waren, es verließen und zur Konkurrenz überliefen.
Jetzt aber greift “der Markt”, sprich die zentrale Produktionskategorie des Kapitalismus, direkt in die Gestaltung des redaktionellen Biotops ein, das “Surplus” steht zur “marktwirtschaftlichen” Disposition. Was bloß als Make-ups erscheinen will, sind de facto jedoch irreversible chirurgische Eingriffe.
Das Fatale der “Zeitungsdämmerung” (C. Koch) besteht aber darin, dass sowohl den Zeitungen ihre primäre & hauptsächliche Erwerbsquelle, der Anzeigenmarkt, unwiderruflich versiegt oder minimalisiert ist, als auch der journalistische und kulturelle Qualitätsstandard, auf dem ihr gesellschaftliches Ansehen beruhte, gar nicht mehr in dem Maße & Umfang bei nachwachsenden Lesern Resonanz findet, wie das zu früheren, bald wird man sagen müssen: vergangenen Zeiten der Fall war.
Die Abwanderung des Anzeigenmarkts ist die direkte Folge von dessen kommunikationsmedialer Verlagerung ins konkurrenzdominante Internet. Was man als "Resonanzverlust des Anspruchsvollen" bezeichnen könnte (das in der Zeitung immer primär die Abstraktionsform des Schriftlichen war), ist jedoch eine multikausale,
indirekte Folge unserer audiovisuell vermittelten und elektronisch beschleunigten Kommunikation- & Informationstechnologie.
In der “Flüchtigen Moderne” (Zygmunt Baumann) einer bis ins Privateste reichenden Durchkapitalisierung unserer Lebensverhältnisse wird “kulturelles Wissen” eher als totes, weil unproduktives Kapital eingeschätzt, das “sich nicht rechnet”, weil dessen Akkumulation Zeit, Muße, Bildung verlangt, die keiner angeblich hat noch "im Wirtschaftsleben" braucht. (Und gibt es denn noch eines außerhalb der Wirtschaft?) Ganz zu schweigen davon, dass die “Kulturtechnik der Zeitungslektüre” mit dem Verlust des Kommunikationsmonopolos der Printmedien, nicht mehr von Kind auf gleichsam
selbstverständlich erlernt wird - wie heute schon früh der technologisch versierte Umgang & Gebrauch des Internets und des TV.
Für die Qualitätsprintmedien heißt das, dass ihr Publikum “überaltert” ist und man den nicht nachwachsenden Jungen die “Schwellenangst” vor dem Eintritt in die “Heil´gen Hallen” nehmen müsse.
Damit schlägt die Stunde der Designer, die ihre Angst vor dem Text (dessen “Längen” & Dichte) mit der Zauberflöte eines gründlichen Relaunchs bekämpfen und dabei in einem Aufwasch möglichst alles platt machen, was an dem Traditionsprodukt den vorgeblich hinderlichen Distinktionsruch des “Alten” & “Schweren” ausmachte, das seine Leser womöglich gerade an ihm als abweichende, herausragende Qualität geschätzt hatten.
Aber die Designer, deren handwerkliches Abrakadabra darauf hinzielt, jedes Produkt gefälliger, “ansprechender”, leichter konsumierbar, also für größere oder andere Kundenschichten “verkäuflicher” zu machen, sind ja nicht von den Zeitungslesern herbeigerufen worden, um deren Lektüre noch intensiver & genussreicher zu machen; sondern von den händeringenden, hilflosen Verlagsgeschäftsführungen, die sich von den Designer-Operationen am lebenden Zeitungs-Objekt erhoffen, damit mehr & vor allem “junge” Leser & Käufer (und die ihnen entsprechenden Produktanzeigen!) anzulocken, indem das alte Print-Produkt, wo immer es geht, der Schönen Neuen Lebens-Welt & deren visuellen Accessoires, Gewohnheiten & Gewöhnlichkeiten
angepasst wird.
Und zwar so: zuerst durch Farbe, dann durch reichhaltige (& sinnlose) Bebilderung bei gleichzeitiger radikaler Textreduzierung, mit größeren Schriften, mehr Zeilenabstand, riesigen Titellettern und zusammenfassenden Vorspännen, begleitet von einer üppigen Verschwendung an Scoops, die als Werbebanner für die einzelnen Ressorts und Artikel die Zeitung in eine Selbstwerbefläche verwandeln - als müsse man täglich einen Ignoranten durch eine Textwüste zu deren Oasen führen, indem man ihm durch einen Dschungel von Hin- & Verweisen, Farbbildflächen und Grafiken hilfreich entgegenkommt.
Billigend wird dabei in Kauf genommen, dass die bislang “treuen Leser” mit Treulosigkeit zur Produktidentität vom Zeitungsverlag bestraft werden - im zynischen Bewusstsein, dass sie es (er)dulden müssen, weil sie gar keine Alternative haben und man langfristig darauf spekuliert, dass sie sich schon daran gewöhnen und den Verlust vergessen werden. Denn jeder Zeitungsrelaunch, der sich weit genug den Fastfood-Kommunikationstechniken der elektronischen Konkurrenzmedien zugewandt hatte, hat die Komplexität, Dichte und den Reichtum der klassischen Slowfood-Qualität in den Printmedien
nicht verbessert oder erhalten, sondern - was ja auch sein Ziel ist - sie vermindert, ausgedünnt und verflüchtigt. Aber keinem radikalen, sozusagen “entgegenkommendem” Zeitungsrelaunch ist es jedoch bisher gelungen, sein ins Auge gefasstes Zielpublikum dort “abzuholen”, wohin er ihm submies(s)est entgegengeeilt war - wie jetzt die 227 jährige “Neue Zürcher Zeitung“, die sehr bald ganz alt aussehen wird, obwohl sie doch geglaubt hatte, durch chirurgisches Facelifting und Anti-Agingoperationen ganz “jung” & “NZZ-kompakt” erscheinen zu müssen. Und sieht doch nur aus wie eine nachholende Kopie des
vor ihr schon derart von Designern zugerichteten Zürcher “Tages-Anzeigers”!
Die fortlaufende Malaise der einstigen journalistischen Vorzeige- & Qualitätsprodukte der großbürgerlichen europäischen Presse hat Claus Koch in einem bitteren Lamento zusammengefasst: “Die Infantilisierung der europäischen Qualitätszeitung ist ein Symptom der unterschwelligen Selbstzerstörung des kapitalistischen Geistes und der kapitalistischen Moral. Die internationale konformistische Managerklasse, die so gerne nach Eliten ruft, liest ihre Qualitätsblätter nicht, braucht sie nicht”.
Das klingt, zugegeben, ziemlich pauschal; aber wer einmal auf die Lektüre der Herren mit Aktenkoffer in den 1.Klasse der IC-Züge geschaut hat, ahnt, wovon Koch hier redet. Und wenn er ihren Handy-Gesprächen notgedrungen zuhören musste, weiß, dass sie eher wie BILD reden, denn wie FAZ-Leser sich ausdrücken können.
Aber sie sind ja nur die Spitze - eines Eisbergs: aus cash-flow, “Outsourcing”, “Renditenerwartungen” und was dergleichen Lebenserwartungen mehr sind, die unser aller tägliches großes & kleines ABC bestimmen.
Nicht ohne Grund hat es in der einstigen osteuropäisch-kommunistischen Zeitungslandschaft keine Qualitätszeitung vom Rang der großbürgerlichen westeuropäischen Presse gegeben. In der eben freirasierten Glatze der NZZ spiegelt sich der Vorschein eines kapitalistischen "Fortschritts", der mit Designerstiefeln auf dem Weg
dorthin ist.
Wolfram Schütte