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Montag, 21. Mai 2012 | 11:11

Tätowierungen

15.01.2006

Von Wolfram Schütte

 

Seit es zum Berufsbild der Schauspieler gehört, nicht allein als Personen auf der Bühne und im Film präsent zu sein, sondern auch als Nackte - von den damit meist verbundenen Aktionen ganz zu schweigen -, sind ihre Körper und deren Einzelteile Gegenstand zuschauerlicher Anschauung, Betrachtung und des Vergleichs geworden. Konnte, als der nackte Körper der Schauspieler noch ein Tabu war, dieser oder jene dessen "natürliche" Makel (oder Vorzüge) noch durch Kleidung verbergen, so ist dieser Schutz, den öffentliche Scham einmal gewährte, gefallen wie die Kleider, welche die o­ntologie des individuellen körperlichen Soseins verbargen und als individuelle Intimität davor bewahrten, in die öffentliche Betrachtung des jeweils von den Schauspielern Dargestellten einzugehen.

Denn der nackte Körper ist die Invariante im variantenreichen Verkörpern unterschiedlicher Charaktere. Alles kann der Schauspieler transzendieren, "überspielen" und vergessen machen durch seine Darstellungs- und Charakterisierungskunst: sogar den eigenen Körper, nur dann nicht, wenn seine Nacktheit auch noch ins Spiel gebracht wird.

Gerade sie aber wird heute als Selbstverständlichkeit & längst nicht mehr bloß als Zugabe (oder wie früher für Schauspielerinnen: als Entréebillet für ihre Karriere) vom Schauspielerberuf gefordert. Manche können (oder müssen) bei Nah- und Großaufnahmen noch gedoubelt werden, andere gründen ihren Ruf oder Marktwert allein auf der Schönheit und Makellosigkeit ihres nackten Körpers, wobei es nur Sharon Stone gelungen ist, einzig durch einen von der Kamera in Hüfthöhe positionierten Blick auf ihren Beinumschlag und durch die Spekulation, sie habe dabei ihre nackte Scham präsentiert, in "Basic Instinct" zum Star wurde.

Aber die nackten Körper der Schauspieler, die sich auf Bühnen und Leinwänden selbst darstellen, sind zunehmend "gezeichnet". Nicht allein männliche Armmuskeln (wie einst nur die "Pakte" der Comic-Figur Popeye, the Sailorman: und eben deshalb!) werden/wurden heute mit Emblemen, Zeichnungen tätowiert; zunehmend trifft man auch auf den Körpern junger Schauspielerinnen alle möglichen Tätowierungen an, jedoch meist an solchen Körperteilen, die gewöhnlicherweise öffentlich nicht einsehbar sind; oder wie das offenbar besonders populäre Tattoo in der Kerbe am Anfang der Gesäßfalte, bis zu der bei manchen Abendkleidern die rückwärtige Entblößung reicht: als sichtbare Körperzierde am Ende eines Rückenausschnitts.

Nun hat das Tätowieren, das einmal eng begrenzt auf bestimmte Milieus war, die denkbar weit vom bürgerlichen Habitus entfernt existierten und als absolut vulgär, brutal und hässlich galt, seit rund einem Jahrzehnt, vermute ich, auch weit darüber hinaus sich gesellschaftlich ausgebreitet. Was immer auch Sinn & ästhetische Relevanz dieser Hautverzierung sein mag, was sie gesellschafts- & zeithistorisch signalisiert & symbolisiert: offenbar hat sie nicht nur in Unterschichtmilieus sondern auch in gehobenen Medienkreisen weltweit reüssiert. Die von ihr gezeichneten nackten Schauspielerkörper beweisen es.

Nun weiß ich nicht, ob meine Reaktion darauf noch weitgehend historisch "codiert" ist und dass ich Tätowierung immer noch nur als vulgären Akt ansehe, der einer befremdlichen Mentalität im Umgang mit der eigenen Person und dem eigenen Körper entspringt und entspricht. Zumindest fällt sie an einem (nackten) Körper(teil) genauso auf, wie die Narbe einer Verletzung und Operation, d.h. als unübersehbares und untilgbares Zeichen eines individuellen historischen Ereignisses, das aber im Falle einer Tätowierung einer subjektiv willentlichen aktiven Selbstmarkierung entspricht und nicht wie bei einer Narbe einem passiven Erleiden (durch Unfall oder Krankheit).

Der Körper des Schauspielers "erzählt" damit nicht von dem, was ihm zugestoßen ist, sondern von dem, was er sich selbst (hin-)zufügte und wie er sich mit diesem Zeichen einmal "definieren" ließ. Da mir - immer ist hier ikonografisch und nicht moralisch vom Gebrauch des nackten Körpers als Darstellungsmittel und -instrument die Rede - aber nicht die Genealogie dieses dem Körper applizierten Zeichens bekannt ist, erscheint es mir im fiktionalen Zusammenhang der Inszenierung (gleichgültig ob im Film oder auf der Bühne) als ein störendes Moment, mit dem der davon "gezeichnete" Schauspieler eine seiner intimen historischen Entscheidungen über und für sich mir "schamlos" entgegenstreckt. Mehr noch: das Tattoo kann auch contraproduktiv eine Rolle und eine dargestellte Person damit belasten, der man als Zuschauer diese persönliche Entscheidung, sich durch eine Tätowierung zu exponieren, nicht zutraut und zutrauen soll, sofern damit noch immer ein sozial und mental definierter und fixierter Bedeutungshof oder Code erkennbar ist.

Es sei denn, was ich noch nicht bemerkt oder akzeptiert habe, dass mittlerweile Tätowieren so alltäglich geworden ist wie der Lippenstift - und eher der auffällig aus der Reihe tanzt, der als Nackter nichts als nackt ist. Ich möchte aber, bis zum Beweis des Gegenteils, erst einmal davon ausgehen, dass man die derzeitig gehäuften Tätowierungen auf den Körperblößen von Schauspielern und Schauspielerinnen einmal später, wie z.B. Haarfrisuren oder Kleidungsstücke, als Leitfaden betrachtet, um den historischen Ort und die Zeit der Darsteller durch ein modisches Accessoire zu bestimmen.

Es könnte ja sein, daß es doch wieder aus der Mode kommt, was ja schon der Fall zu sein scheint, seit es nun Tattoos gibt, die nach einer gewissen Zeit wieder verblassen, also nicht ebenso schmerzhaft getilgt werden müssen, wie sie appliziert worden waren. Diese jüngste Entwicklung in der Geschichte der Tätowierung ist nichts anderes als dessen fundamentale Annulierung, die im ursprünglichen Sinn der Brandmarkung und Selbststigmatisierung nicht gedacht war. Das Tattoo legte seinen Träger ein für allemal fest, nun nur noch eine zeitlang. Diese Modifizierung des Tätowierens entspricht dem Verhaltenskodex des "flexibilisierten Menschen" der "Flüchtigen Moderne" (Zygmunt Baumann). Nicht darf ihn festlegen, fixieren. Das Chamäleon ist seit Wappentier.

Wolfram Schütte

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