Zum Beispiel Würth
13.02.2006
Geht man durch das schmucke Städtchen Schwäbisch Hall, ist man an allen Ecken und Enden mit Kunst im öffentlichen Raum konfrontiert. Die stammt vom Schraubenfabrikanten Prof. Dr. h.c. Reinhold Würth. Würth hat in Schwäbisch Hall auch eine eindrucksvolle Kunsthalle errichtet, die das ältere Würth-Museum in Künzelsau ergänzt. Auf großen Stellwänden huldigt sich der Unternehmer selbst. Diese moderne Hagiographie zeugt von beachtlichem Selbstbewusstsein, und dafür gibt es auch jeden Anlass. Politik und Medien überschlagen sich in Dankbarkeit und Demut vor dem edlen Spender.
Denn Reinhold Würth hat viel schöne und teure Kunst gesammelt. Insgesamt „rund 6500 Werke der Malerei, Grafik und Bildhauerei“. Die kann man zum Teil in Schwäbisch Hall anschauen und sich freuen. Man kann freilich auch ins Grübeln geraten. Hat Reinhold Würth jahrelang nur Margarinebrote gegessen, um diese Kunstwerke zu kaufen? Wohnt er in einem Container, um die Miete zu sparen? Oder haben vielleicht doch auch seine Arbeiter etwas beigetragen zum Erwerb der 6500 Kunstwerke? Irgendwie kommen die nicht vor, wenn gedankt wird. Hat man sie gefragt, ob ihnen die Anschaffung einer Skulptur lieber ist als eine Lohnerhöhung? Und wird Würth ein paar Kunstwerke verscherbeln, wenn die Renten sinken sollten, wenn er gar einmal ein paar Arbeiter entlassen müssen sollte? Kriegen diese Arbeiter einen kleinen Picasso, wenn sie sich schon manche Medikamente nicht leisten können, weil die Krankenkassen sie nicht mehr bezahlen?
Reinhold Würth ist gewiss ein tüchtiger Unternehmer. Sein Erfolg beruht nicht zuletzt auf einträglichen Erfindungen. Aber die schönste Erfindung ist für die Katz’, wenn niemand sie in Produkte umsetzt. Das kann nicht einmal Reinhold Würth alleine machen. Der Umsatz der Würth-Gruppe hat sich im ersten Halbjahr 2005 um 11,6 Prozent erhöht, nach einer Umsatzsteigerung von 13,8 Prozent im Jahr 2004. Haben sich auch die Löhne der Arbeiter und Angestellten bei Würth um diesen Prozentsatz erhöht?
Es wäre nur angemessen, wenn ein Ministerpräsident oder ein Bürgermeister bei der nächsten Feierstunde jenen dankte, die durch Lohnverzicht und soziale Zugeständnisse den Kauf von Kunstwerken ermöglichen, die in Schwäbisch Hall das Herz erfreuen. Sie, die Arbeiter, sind die Sponsoren. Irgendwie kommt das niemandem in den Sinn. Warum wohl?
Thomas Rothschild